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Gerhard Wiese (Bildmitte) im Gespräch mit Gundula Fehns-Böer und Christian Preiser. Christoph Boeckheler

Ankläger in Auschwitz-Prozessen

Ankläger in Auschwitz-Prozessen: „Zu viele Täter sinddurch die Lappen gegangen“

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Hunderte hören Gerhard Wiese zu, einst Ankläger in den Auschwitz-Prozessen.

Kein Saal des Oberlandesgerichts Frankfurt (OLG) ist groß genug, um den Ansturm der Menschen aufzunehmen. Deshalb hat man einfach im Flur im ersten Stock Hunderte von Stühlen aufgestellt. In Zeiten eines „fließenden Übergangs von Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus“, die OLG-Präsident Roman Poseck in seiner Begrüßung beklagt, ist Gerhard Wiese als Zeitzeuge gefragter denn je. Der spätere Vizechef der Staatsanwaltschaft Frankfurt war als junger Jurist einer der Ankläger in den Auschwitzprozessen, die am 20. Dezember 1963 in Frankfurt begannen.

Es war die erste juristische Aufarbeitung des systematischen Massenmords im Vernichtungslager, dieses „Tiefpunkts der Menschheitsgeschichte“, wie Poseck ihn nennt. Eine Stunde vor Beginn sind alle Stühle noch leer bis auf einen: Gerhard Wiese ist schon da. Ein kleiner, agiler Mann mit hellwachen Augen und verschmitztem Berliner Humor. Es bleibt Zeit für ein Gespräch vor dem Gespräch. Der frühere Oberstaatsanwalt tritt noch immer vor Schulklassen und anderen Auditorien auf. Er ist 91 Jahre alt und hält sich mit Gymnastik fit.

„Eine Ansammlung biederer Mitbürger“: So erlebte der junge Jurist seinerzeit die 22 Angeklagten. Wiese war für zwei der schlimmsten Täter aus Auschwitz zuständig: SS-Oberscharführer Wilhelm Boger und SS-Unterscharführer Oswald Kaduk. „Kaduk war sehr groß und stämmig, wenn er aussagte, sprang er auf und nahm Haltung an“, erinnert sich Wiese im Gespräch mit der FR. Die Täter seien „stinknormal“ längst wieder in die deutsche Nachkriegsgesellschaft integriert gewesen: „als Bankangestellte, Ärzte, Apotheker“.

Noch vor Beginn der Hauptverhandlung war der höchstrangige Angeklagte, der frühere Lagerkommandant Richard Baer, in der Haft gestorben. „Ich hatte Rufbereitschaft und bin sofort ins Gefängnis und habe die Obduktion angeordnet.“ Es ging darum zu klären, ob der Sturmbannführer der Waffen-SS vielleicht Suizid begangen hatte. „Aber es war kein Fremdverschulden, er war herzkrank, das Herz hat gesagt: aus.“

Wiese hatte als junger Mann zu den ersten Studenten der Freien Universität Berlin gehört. „Aber so viele Juristen konnte man in Berlin nicht unterbringen, und deshalb wurden wir aufgefordert, in den Westen zu gehen.“ Der Referendar entschied sich für Frankfurt. Dort hatte Fritz Bauer 1956 sein Amt als Generalstaatsanwalt angetreten. Wiese erinnert sich an die erste Begegnung mit seinem Chef „im dicht verrauchten Dienstzimmer“. Alle fünf Minuten habe Bauer sich eine neue Zigarette angezündet.

Das Publikum dicht gedrängt in den Gerichtsfluren. 

Später sind es der Journalist Christian Preiser und OLG-Sprecherin Gundula Fehns-Böer, die Wiese auf dem Podium befragen. Sie finden die Balance zwischen dem persönlichen Erleben und der politischen Einordnung. Anfangs, sagt der frühere Ankläger, habe er die Berichte und Bilder von Auschwitz nicht glauben können. „Ich habe das als sowjetische Propaganda beiseitegelegt.“

Als er sich dann mit den Gräueltaten der Angeklagten beschäftigte, legte sich der junge Jurist „einen inneren Schutzschild“ zu, um nicht zu verzweifeln. So viele grauenvolle Schicksale begegneten ihm. Die Aussage eines Überlebenden, der mit ansehen musste, wie seine Ehefrau und seine Kinder, ein Zwillingspaar, ins Gas geschickt wurden. Auf der Rampe bei der Ankunft in Auschwitz wurden die Zwillinge dem berüchtigten KZ-Arzt Josef Mengele vorgeführt, der medizinische Experimente mit Kindern anstellte. „Mengele sah sich die Kinder an und winkte ab: Er experimentierte nur mit eineiigen Zwillingen, die beiden waren zweieiig und gingen ins Gas.“

Wiese spricht auch heute noch ganz sachlich und nach außen hin distanziert über seine Zeit als Ermittler. 360 Zeugen sagten in 181 Verhandlungstagen aus, manche von Weinkrämpfen geschüttelt. Der junge Jurist kämpfte schon damals für die Rechtsauffassung, dass alleine die bloße Tätigkeit im KZ für eine Mordanklage ausreiche. „Es dauerte bis September 2017, bis sich der Bundesgerichtshof dieser Auffassung angeschlossen hat“, sagt Wiese und lässt sich die Genugtuung äußerlich nicht anmerken.

Bei den Menschen in Deutschland sei der Rückhalt für die Auschwitz-Ankläger seinerzeit „nicht sehr groß“ gewesen. Noch heute gebe es „bei Teilen der Bevölkerung allemal eine Schlussstrichmentalität“. Zu der Aussage des früheren AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland, Hitler und die Nazis seien „nur ein Vogelschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte“ gewesen, sagt Wiese bündig: „Das ist Humbug, dummes Zeug.“

Der erste Auschwitzprozess endete mit sechs lebenslangen Zuchthausstrafen, zehn Freiheitsstrafen, einer Jugendstrafe. und drei Freisprüchen. Auf die Frage, ob am Ende der Gerechtigkeit genüge getan wurde in der Aufarbeitung des Massenmords, antwortet der frühere Staatsanwalt wieder sehr klar: „Nee, dafür sind zu viele durch die Lappen gegangen.“

OLG-Präsident Poseck spricht vom „zweiten Versagen der deutschen Justiz“ nach der Rechtsbeugung in der Nazizeit. Seit seiner Pensionierung im Jahr 1993 hat Gerhard Wiese dafür gekämpft, dass die Verbrechen von damals nicht in Vergessenheit geraten. „Ich kann nur hoffen und wünschen, dass sich das nie wiederholen möge“, sagt der 91-jährige am Ende auf dem Podium.

Langanhaltender Beifall antwortet ihm.

Die Prozesse

Die Auschwitz-Prozessedienten der juristischen Aufarbeitung der Gräueltaten in dem Vernichtungslager. Dort waren zwischen 1940 und 1945 mehr als eine Million Menschen ermordet worden.

Der hessischeGeneralstaatsanwalt Fritz Bauer hatte durchgesetzt, dass das Frankfurter Landgericht der Verhandlungsort in Sachen Auschwitz wurde.

Der erste Prozessbegann in Frankfurt am Main am 20. Dezember 1963 und dauerte 20 Monate. Verhandelt wurde zunächst im Rathaus Römer und danach von April 1964 bis August 1965 im städtischen Bürgerhaus im Gallus.

Es war der bis dahingrößte Strafprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte und richtete sich gegen 22 Angeklagte.

Viele ehemaligeAuschwitz-Häftlinge sagten aus und gaben einer größeren Öffentlichkeit erstmals Einblick in die Verhältnisse in dem Todeslager.

Am Ende des Prozessesverhängte das Gericht sechs lebenslange Zuchthausstrafen, eine zehnjährige Jugendstrafe und zehn Freiheitsstrafen zwischen dreieinhalb und vierzehn Jahren.

Drei Angeklagtewurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

In Frankfurt kames in den 60er Jahren zu zwei Nachfolgeprozessen (1965/66 und 1967/68) sowie zu drei weiteren Verfahren in den 70er Jahren.

Auch außerhalbvon Deutschland gab es damals Auschwitz-Prozesse, etwa in Polen.

Der ehemaligeLagerkommandant Rudolf Höß wurde 1947 in Polen zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Sehr langeverurteilten die Gerichte nur Täter, denen eine unmittelbare Beteiligung an Morden nachzuweisen war.

Der junge StaatsanwaltGerhard Wiese (siehe nebenstehender Bericht), der 1963 einer der Ankläger war, vertrat bereits damals die Ansicht, schon die Tätigkeit in einem Konzentrationslager sei ausreichend für eine Anklage wegen Mordes.

Erst 2017schloss sich der Bundesgerichtshof dieser Rechtsauffassung an. 

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