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Schiedsrichter werden oft bedrängt. Nicht immer geht es dabei so zärtlich zu wie hier.

Schiedsrichter in Hessen

Die Angst pfeift mit

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Der Frankfurter Psychologiestudent Adrian Sigel legt eine Masterarbeit über Attacken auf Schiedsrichter vor. Weit mehr als der Hälfte der Unparteiischen ist demnach auf dem Feld schon mal Gewalt angedroht worden - und fast 80 Prozent der Schiris beobachten, dass die Aggression zunimmt.

Bei einem Spiel der E-Jugend verliert der Trainer der Gastmannschaft Mitte der ersten Halbzeit die Nerven. Er beschimpft den Schiedsrichter wegen einer vermeintlichen Fehlentscheidung, beleidigt ihn, stürmt in der Halbzeitpause äußerst aggressiv in die Kabine des Schiris. In der zweiten Halbzeit wird es nicht besser. Der 15 Jahre junge Schiedsrichter hat Angst, den körperlich robusten Mann vom Platz zu stellen. Nach dem Spiel gehen die Beschimpfungen weiter. Der Vater eines Spielers der Gastmannschaft beschimpft den jungen Schiedsrichter als „Rassistenschwein“. Der Gescholtene fertigt einen Sonderbericht an den Hessischen Fußballverband an. So geschehen am vergangenen Wochenende auf einem Fußballplatz im Frankfurter Süden.

Es sind Szenen wie diese, die Adrian Sigel irgendwann stutzig gemacht haben. Der Psychologiestudent ist selbst leidenschaftlicher Fußballfan- und spieler. Dem 28-Jährigen fiel auf, dass es in den Medien sehr viele Berichte über Angriffe auf Schiedsrichter gibt, aber kaum wissenschaftliche Arbeiten über die Problematik. „Ich habe in der Wissenschaft und in der Literatur keine Antworten gefunden“, sagt Sigel.

Also hat er Übergriffe auf Schiedsrichter zum Thema seiner Masterarbeit gemacht. Zunächst interviewte der Frankfurter Student 13 Fußballschiedsrichter aus den Landesverbänden Hessen und Bayern ausführlich persönlich. Auf Basis dieser Interviews erstellte Sigel dann einen Fragebogen, den bundesweit 915 Schiedsrichter im Alter zwischen 13 und 79 beantworteten. Die Antworten sind gleichermaßen erschreckend wie interessant: 95 Prozent der Schiedsrichter gaben an, schon einmal auf dem Feld beleidigt worden zu sein. 62 Prozent von ihnen wurde schon mal Gewalt angedroht, 27 Prozent der Befragten gaben an, schon einmal Opfer eines Gewaltübergriffs geworden zu sein. Fast 80 Prozent sind zudem der Meinung, dass die Aggressionen auf dem Platz gegenüber früher eher zugenommen haben.

So weit die nackten Zahlen, die noch nicht mal überraschend sind. Doch Sigel sind durch die ausführlichen Interviews noch Dinge aufgefallen, die er ansonsten gar nicht in die Fragebogen aufgenommen hätte. „Überspitzt gesagt könnte man formulieren, die Schiedsrichter haben sich selbst befragt“, so Sigel. So lautet die Vorgabe für Frage 28: „An den negativen Erfahrungen, die ich als Schiedsrichter gemacht habe, bin ich als Person gewachsen.“ 86,4 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu. „Die Schiedsrichter haben auf dem Platz Durchsetzungsfähigkeit und Konzentration gestärkt und einen ausgeprägten Fairnessgedanken erhalten“, hat Sigel aus den Interviews herausgelesen.

Die Schiedsrichtervereinigung Frankfurt hat das Ergebnis der Arbeit schon auf ihre Internetseite übernommen. Die Schiris sind froh, dass sich mal jemand der Problematik angenommen hat. „Die Studie trifft den Punkt, man ist auf sich alleine gestellt, sagt Goran Culjak. Der stellvertretende Vorsitzende der Frankfurter Schiedsrichtervereinigung vermisst nur etwas die Meinung der vielen Kollegen, die aufgrund der Anfeindungen auf und neben dem Platz das Handtuch geworfen haben. „Locker die Hälfte der Schiedsrichter hört ja nach einem Jahr wieder auf, weil sie mit dem Druck nicht zurechtkommt“, so Culjak. In der Tat sind 97 Prozent der befragten Schiedsrichter noch aktiv, nur drei Prozent sind ehemalige. Unter solchen dürfte die Befragung wohl ein noch düstereres Bild auf hessischen Fußballplätzen ergeben.

Sigel möchte dem Thema erhalten bleiben, er macht gerade eine Weiterbildung zum Sportpsychologen. Ob der 15-Jährige, der am Samstag ein Spiel in der Frankfurter E-Jugend pfiff, in einem Jahr noch Schiedsrichter ist, bleibt abzuwarten.

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