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Der mutmaßliche Islamist Halil D. (l) mit seinem Verteidiger Ali Aydin. Die Staatsschutzkammer soll unter anderem die Frage klären, ob es Halil D. auf das traditionelle Radrennen durch den Taunus abgesehen hatte.
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Der mutmaßliche Islamist Halil D. (l) mit seinem Verteidiger Ali Aydin. Die Staatsschutzkammer soll unter anderem die Frage klären, ob es Halil D. auf das traditionelle Radrennen durch den Taunus abgesehen hatte.

Radrennen bei Frankfurt

Angeklagter aus Salafisten-Szene

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Ein erster Zeuge sagt im Prozess um den angeblichen Anschlag auf das Radrennen am 1. Mai im Taunus aus. Der Angeklagte ist dem Ermittler zufolge bundesweit in der salafistischer Szene vernetzt.

Halil D. hat aus einem Fehler gelernt. Die Ankunft des Landgerichts unter dem Vorsitz einer Frau erwartet der Islamist nun grundsätzlich stehend. Er muss der Kammer so nicht mehr explizit die traditionelle Ehre erweisen, bei ihrem Eintreten aufzustehen. Denn vor Menschen aufzustehen, so hatte D. am ersten Prozesstag Zeugnis abgelegt, verbiete ihm seine Religion. Das kostete ihn 200 Euro Ordnungsgeld.

Ansonsten bleibt der 36-Jährige, der beschuldigt wird, ein Attentat auf das Radrennen am 1. Mai oder auch eine andere Großveranstaltung geplant zu haben, seinen Traditionen treu – und schweigt. Das Reden besorgt an diesem Tag ein anderer. Der 34 Jahre alte Polizist im Zeugenstand hatte damals die Ermittlungen gegen Halil D. geleitet. Und er skizziert nun den Angeklagten als Mann, den man trotz seiner Schweigsamkeit nur ungern in der Nachbarschaft hätte.

Bundesweit vernetzter Salafist

Einerseits habe D. mit seiner Familie „sehr zurückgezogen“ am Oberurseler Waldrand gelebt. Andererseits sei der ehemalige Chemie-Student „seit 1997 regelmäßig polizeilich in Erscheinung getreten“ – unter anderem wegen Körperverletzungen und Verstößen gegen das Waffengesetz. Bei einer Verkehrskontrolle 2008 habe er Polizeibeamten großspurig mitgeteilt, er unterliege nur der Scharia, die deutschen Gesetze gälten daher nicht für ihn. Zur Verurteilung hat es nie gereicht: Sein Führungszeugnis ist sauber.

Nach Überzeugung des Polizeibeamten ist Halil D. seit seiner Studentenzeit in der Salafistenszene „bundesweit vernetzt“. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung fand sich etwa ein Brief eines mittlerweile verurteilten Terroristen-Anwerbers. Seine Heiratsurkunde wurde ausgestellt von einem Mitglied des verbotenen Missionierungsnetzwerks Dawa FFM. Einer seiner Kumpels, mit dem er auch einmal in eine Verkehrskontrolle geraten war, ist mittlerweile in Syrien den Märtyrertod gestorben. Halil D.s Name tauchte immer mal wieder bei Ermittlungsverfahren gegen mutmaßliche Terroristen oder Helfer auf, auch im Verfahren gegen die sogenannte Sauerland-Gruppe. Auf seinem Rechner fanden die Ermittler nicht bloß reichlich blutrünstige Propagandavideos des IS. Man konnte dort auch feststellen, dass Halil D. oftmals in so interessanten wie wohl nur der Fachwelt bekannten Internet-Ratgebern mit Titeln wie „Der kleine Sprengmeister“ und „Die kleine Fälscherwerkstatt“ geschmökert hat. Die großen Sprengmeister vom Landeskriminalamt haben ausgerechnet, dass die Nagelbombe, die in D.s Keller gefunden worden war, in einem Umkreis von knapp zehn Metern „letale Wirkung“ entfaltet hätte.

Was einen konkreten Anschlag auf das Radrennen vom 1. Mai angeht, so kann auch der Polizist im Zeugenstand keine Klarheit bringen. Er berichtet von mehreren Fahrten, die Halil D. größtenteils nachts – mal mit, mal ohne Familie – entlang der Rennstrecke unternommen habe. Und die er im Nachhinein so erklärte: Er habe sein Auto für den TÜV warmfahren wollen. Allerdings hatte D.s alter BMW da bereits eine neue Plakette. Außer Rumsteherei auf Parkplätzen und einem Familienausflug zwischen Applauskurve und Fuchstanz haben die Ermittler nichts zu melden.

Halil D. nutzte viele Adressen

Die drei Liter Wasserstoffperoxid, die D. unter falschen Personalien in einem Baumarkt gekauft hatte und die die Ermittlungen ins Rollen gebracht hatten, sind laut LKA-Experten zum Bombenbau geeignet gewesen. Doch es gibt Indizien, die D.s Behauptungen, er habe damit Schimmel in der Wohnung bekämpfen wollen, stützen. So gibt es aus dieser Zeit die Aufzeichnung eines Chats, in dem sich D. mit anderen über Schimmelreinigung austauscht. Zudem war ein Teil der drei gekauften Liter in eine Pumpsprühflasche gefüllt worden, was beim Bombenbau eher hinderlich ist – und in der Wohnung fand sich frisch behandelter Schimmel.

Man weiß auch nach der Zeugenaussage nicht genau, wie Halil D. tief drinnen tickt. Man weiß, dass er laut Polizeierkenntnissen bei Kassel aufgewachsen ist und in Frankfurt Chemie studiert hat – immerhin bis zum Vordiplom. Anschließend hat er eher kurz bei einem Pflegedienst gearbeitet – wobei seine Hauptaufgabe darin bestanden haben soll, seine eigene, mittlerweile gestorbene Mutter zu pflegen. Ansonsten hat sich Halil D. mit Hartz IV finanziert. Und mit dem Internet-Verkauf von Kraftfahrzeugteilen aller Art. Ganz schlecht liefen die Geschäfte wohl nicht, jedenfalls fanden die Ermittler in der Wohnung mehr als 23 000 Euro in bar und haufenweise Schmuck. Auffällig, sagt der Polizist, sei die Vielzahl von Konten und Lieferadressen gewesen, die D. bei diesen Geschäften genutzt habe. Durch D.s Leben ziehe sich der letztlich erfolglose „Versuch, seine Identität zu verschleiern“. Bei seiner Ehefrau war er da erfolgreicher.

Was für ein Mensch Halil D. vielleicht ist, wird durch das jüngste Aufeinandertreffen des Zeugen und des Angeklagten deutlich. Der Polizist wohnte damals einer „Besucherüberwachung“ bei, D.s Familie besuchte den Patriarchen unter amtlicher Aufsicht im Gefängnis. Im Besuchsraum habe D. ein dort hängendes, ihm offenkundig nicht gefälliges Bild kritisiert. Solch ein Werk, so D. „könne nur ein Jude gemalt“ haben. Als sein kleiner Junge dann zum Spielen die linke Hand benutzt habe, sei D. beinahe ausgerastet. Und habe seinem Sohn sämtliche weiteren linkshändigen Aktivitäten untersagt. Die linke Hand, so habe der Vater den Sohn dann gelehrt, sei „die Hand des Satans“.

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