Museumsdirektorin Claudia Dillmann.
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Museumsdirektorin Claudia Dillmann.

Filmmuseum Frankfurt

„Wir müssen jede Generation gewinnen“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Claudia Dillmann, Chefin des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt, spricht im FR-Interview über die Arbeit für alte und neue Fans.

Frau Dillmann, fünf Jahre neues Filmmuseum. Haben Sie auch ein neues Publikum gewonnen?
Unser Stammpublikum sind nach wie vor viele Familien und viele Schulklassen. Daran hat sich nichts geändert. Aber wir haben neue, partizipative Ausstellungsformen erprobt. Die Schau „Zusammen sammeln“ zum Beispiel, bei der Privatpersonen Erinnerungsstücke an ihr schönstes Filmerlebnis zusammentrugen, kam insbesondere bei älteren Leuten gut an. Jetzt bei Wallace und Gromit und Shaun das Schaf, der Ausstellung zum Animationsstudio Aardman, kommen viele Kinder und Jugendliche. Es könnte die erfolgreichste Ausstellung werden, die es jemals hier im Haus gab. Das muss man abwarten ...

... welcher Rekord muss da geschlagen werden?
Die bisher erfolgreichsten Ausstellungen waren die über Leben und Werk von Stanley Kubrick und Audrey Hepburn. Aber so einen Ansturm auf das Haus wie jetzt haben wir noch nicht erlebt. Das ist ein Grund dafür, dass wir die Ausstellung jetzt verlängern werden. Sie wird nicht im Oktober enden, sondern bis Januar laufen, also über die Weihnachtszeit hinweg. Wir sind sehr glücklich, dass das so gut läuft.

Die neue Dauerausstellung setzt stark auf neue Medien ...
... wir haben versucht, die Technik auch so einzusetzen, dass sie nicht nur von technikaffinen Besuchern bedient werden kann. Sie sollte für alle interessant sein. Unser Publikum ist immer noch gut gemischt. Bei der Ausstellung Film & Games im vergangenen Jahr kamen hauptsächlich Menschen aus der Altersgruppe 30 bis 40.

Ist das Publikum insgesamt gewachsen?
Ja. Wir hatten vor dem Umbau durchschnittlich 125 000 Besucher im Jahr. Nach dem Umbau sind wir jetzt bei knapp 200 000 jährlich. Wir könnten also innerhalb von fünf Jahren die Million erreichen. Darüber hinaus hatten wir noch knapp 800 000 Besucher bei unseren Ausstellungen, die durch die ganze Welt touren. Unsere erfolgreichste Ausstellung ist die Kubrick-Schau.

Wo ist die mittlerweile angekommen?
Sie ist derzeit in San Francisco zu sehen und geht als nächstes nach Mexico-City, es folgt Hongkong, dann Kopenhagen. Das Interesse ist weiter sehr groß. Das ist für uns ein tolles Aushängeschild.

Das Filmmuseum ist auch mehr denn je auf den großen Filmfestivals vertreten. Das Haus war schon länger bei den Filmfestspielen in Berlin präsent, aber es geht ja nicht nur um Berlin.
Ja, das stimmt. In Berlin haben wir traditionell unseren großen Empfang, bei dem wir unsere Arbeit vorstellen. Wir waren auch in diesem Jahr an der Berlinale-Retrospektive beteiligt. Und jetzt sind wir Mitveranstalter der Retrospektive des Filmfestivals von Locarno, das gerade zu Ende geht. Wir haben dazu ein Buch herausgegeben zum Kino der Adenauerzeit in Deutschland zwischen 1949 und 1963 unter dem Titel „Geliebt und verdrängt“. Diese Retrospektive mit vielen Filmen wird auch touren, sie wird in der Schweiz, in Italien, hier in Frankfurt, in Berlin zu sehen sein, aber auch in New York und Washington.

Ihnen ist stets die filmhistorische Arbeit wichtig gewesen.
Ja. Das Filmerbe sichtbar zu machen, ist sicherlich für mich eine meiner Hauptaufgaben. Sei es im Internet, sei es durch die Digitalisierung von Klassikern, damit sie in den digitalisierten Kinos laufen können. Oder eben durch Retrospektiven und unser eigenes Kinoprogramm hier im Haus.

Wie kommt die Digitalisierung von Klassikern voran?
Ich hoffe, dass wir vor einem Durchbruch stehen. In diesem Jahr gibt die Filmförderungsanstalt zwei Millionen Euro für die Filmförderung aus und die Bundeskulturbeauftragte Monika Grütters eine Million Euro. Diese eine Million gibt es seit mehreren Jahren, da partizipieren wir immer mit 250 000 Euro. Die Digitalisierung von Filmen ist sehr teuer. Dieses Geld soll aufgestockt werden. Ich hoffe auf eine deutliche Erhöhung zum Wohl des Filmerbes.

Sie haben ein großes Archiv, wie viele Filme ruhen dort?
Wir haben etwa 20 000 Titel.

Und die werden jetzt nach und nach digital erfasst?
Das dauert natürlich sehr lange. Wir haben bisher rund 130 digitalisiert.

Das ist also eine Aufgabe für mehrere Generationen.
Ich hoffe, dass es schneller geht, wenn wir mehr Geld bekommen.

Und das Archiv wächst ja.
Das Archiv wächst im Moment, weil viele Sammler ihre Bestände an analogen Filmen abgeben.

Das Filmmuseum bekommt ja auch viele Nachlässe und Vorlässe von Filmschaffenden. Der Filmregisseur Volker Schlöndorff liefert regelmäßig ganze Kisten ...
... wann immer er einen Film abgedreht hat, trifft eine Kiste bei uns ein. Wir haben gerade im vergangenen Jahr mit vielen Filmschaffenden darüber gesprochen. Katja Riemann gibt uns jetzt ihre Materialien. Wir haben mit Hilfe der Kulturstiftung den Nachlass von Maximilian Schell ankaufen können ...

... das ist ja großartig.
Es sind einfach tolle Sachen. Wir werden eine Ausstellung dazu organisieren. Wir sind sehr glücklich darüber.

Was Ihnen immer sehr wichtig ist, ist die filmische Bildung. Das Filmmuseum organisiert „Lectures“ zu einzelnen Regisseuren ...
... wir haben das stark ausgebaut und dafür eine eigene Abteilung Filmbildung gegründet unter der Leitung von Christine Kopf. Wir haben den Minifilmclub für Vier- bis Sechsjährige; das war sehr schön, weil die sofort animiert waren, selbst aktiv zu werden.

Ich kann mich erinnern, dass die große französische Filmregisseurin Agnes Varda im Rahmen der Lectures mehrfach das Filmmuseum besucht hat.
Das war toll. Die Lectures finden statt in Zusammenarbeit mit der Goethe-Universität und sind immer einer Person gewidmet, deren Werk komplett gezeigt wird; das waren schon Pier Paolo Pasolini oder Andy Warhol oder eben Agnes Varda. Das kommt unglaublich gut an.

Gelingt es, eine neue Generation an den Film heranzuführen?
Ja, sicherlich. Wenn ich nicht daran glauben würde, müsste ich meine Arbeit aufgeben. Das ist auch bei anderen Formen der Kulturvermittlung so, bei Literatur oder Theater: Du musst jede Generation neu gewinnen.

Und das im Zeitalter von Pokémon Go.
Das sind Phänomene, die mich sehr interessieren. Ich bin gespannt, was daraus entsteht: Wenn medial plötzlich ein Run einsetzt. Ich bin gespannt, welchen Einfluss das auf das Kino haben wird. Pokémon ist ja ein sehr interaktives Spiel mit Verbindung zur realen Umgebung. Faszinierend. Virtual Reality und was sie für den Film bedeutet könnte ein Thema für eine Sonderausstellung werden. Wir arbeiten in diese Richtung.

Was werden die Höhepunkte werden im nächsten Jahr im Deutschen Filmmuseum?
Es wird zwei Höhepunkte geben, was die Ausstellungen betrifft. Zum einen: Rot im Film. Ein Erlebnisraum, in dem die Besucher Rot am eigenen Leib erfahren. Mit Filmausschnitten. Und das Zweite wird ein Experiment sein, das zusammenhängt mit Frankreich, dem Ehrengast der nächsten Frankfurter Buchmesse. Mehr wird jetzt noch nicht verraten.

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