Erinnerung

Andersherum wäre es recht

Der falsche Tod im richtigen Leben

Lieber Felix, ich habe noch nie einen Nachruf auf einen Freund schreiben müssen. Wie geht so etwas?

Wir haben ja immer viel über das Schreiben gesprochen. Über Texte, Erzählweisen, über Wahrheit und Witz. Früher war es lange Zeit meine berufliche Rolle, Dir zu sagen, wie Du etwas aufschreiben sollst. Und jetzt bin ich so traurig, dass ich kaum schreiben kann.

Andersherum wäre es richtig gewesen: Du, der Jüngere, hättest irgendwann einen Nachruf auf mich schreiben können, in hundert Jahren, wenn wir alt, satt und weise geworden wären. Mit 60 Enkeln und Häusern am See.

Du hast ja die Reportage gemocht und sehr gut beherrscht. Also dann, szenischer Einstieg im Präsens, für Dich: Als ich am Donnerstag von deinem Tod erfahre, sitze ich in Berlin in einer Konferenz. Mein Handy zeigt mir: „Felix Helbig ist gestorben.“ Ich sehe die anderen Leute in der Konferenz weiter reden, ihre Münder bewegen sich, aber ich verstehe nicht mehr, was sie sagen. „Nein!“ tippe ich in mein Handy. „Leider doch ... weiß nicht, was ich Dir noch sagen soll“, kommt die Antwort.

Ich lasse alles liegen und gehe raus, auf die Friedrichstraße und laufe ziellos herum. Unsere gemeinsamen Freunde sagen mir am Telefon, dass es wahr ist: Du, Felix, der Inbegriff von Jugendlichkeit, Lebendigkeit, Lebenslust, bist tot. Ich weine, meine langsamen Schritte passen nicht mehr zum Strom der eiligen Konsumenten auf dem Bürgersteig. Ich würde diesen unzufriedenen Leuten mit ihren dicken Einkaufstaschen vor der Galerie Lafayette gerne in die Fresse schlagen.

Am Gendarmenmarkt steht ein Schild: „Offene Kirche“. Da war ich noch nie. Ich gehe hinein und lese mir eine Stunde lang Deine E-Mails und SMS der vergangenen Monate durch. Wir haben viel darüber gesprochen, wie es gelingen könnte, in Zeiten zusammenbrechender Medienbetriebe weiter Journalist zu sein. Das war für Dich viel mehr als eine berufliche Frage. Es ging um Deinen Lebensentwurf, Deine Wirksamkeit in der Welt. Um Deine Überzeugungen. Du hast nach einem Ausweg gesucht. Und ich wollte Dich im vergangenen Herbst mitziehen, mitnehmen. Weil Du ein exzellenter Journalist warst. Aber auch aus egoistischen Motiven: Ich mochte Dich sehr, hätte Dich gerne wieder um mich gehabt. Du hast es nicht gemacht. Weil Du so an der Frankfurter Rundschau hingst, an ihrem kritischen Geist, an Deinen tollen Kollegen, an Deinen fördernden Chefs. Ich kann das gut verstehen.

In die Kirche am Gendarmenmarkt trampeln Touristen mit Fotoapparaten. Warum können sie nicht einmal still sein? Ich gehe raus und schreibe in mein Handy: „Tod – Du Willkür-Arschloch, Du vermaledeiter Hurensohn! Nimmst uns die Besten.“

Erst kürzlich haben wir noch zusammen eine Geschichte ausgeheckt. Dreitausend Kilometer lagen zwischen uns. Wir haben uns viele SMS um den Erdball geschickt. Das bleibt mir jetzt von Dir. Ein Haufen Kurznachrichten und Mails. Und viele Erinnerungen: Die Zeit im sagenumwobenen alten Rundschau-Haus, die illegalen Partys nachts auf dem Firmendach, zu dem wir uns Zutritt verschafften. Die Treffen im Park, bei Geburtstagen, in Kneipen. Bei allen meinen Umzügen hast Du geholfen – es waren sehr viele. Und Du immer mittendrin, der gut aussehende Sonnenschein. Der lustige, intelligente, hellwache, freundliche Felix.

„Warum seid ihr so traurig, Papamama?“, fragt meine dreijährige Tochter gestern beim Abendessen. „Was ist denn mit dem Felix?“ Gestorben – das gibt es noch nicht in ihrer Welt. In ihren Geschichten ist am Ende alles wieder gut.

Du bedeutest vielen Menschen eine Menge, Felix. Die ganze Nacht haben sie gestern miteinander geredet und geweint. Erst kürzlich hatten wir nochmal über die FR gesprochen. Über Alternativen. Über Strategien des psychischen Überlebens in kollabierenden Betrieben. „Jetzt bin ich so weit“ hast Du neulich gesagt, „jetzt würde ich Dir überall hin folgen.“

Jetzt bist Du viel zu früh gestorben. Alle werden wir Dir folgen müssen, irgendwann. Bis dahin. Wir vergessen Dich nicht.

Matthias Thieme

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