1. Startseite
  2. Frankfurt

An der Leibnizschule in Frankfurt-Höchst nimmt die Intensivklasse für ukrainische Kinder die Arbeit auf

Erstellt:

Von: George Grodensky

Kommentare

Lehrerin Anastasiia Kopytsa begrüßt ihre neue Klasse zu erste Unterrichtseinheit.
Lehrerin Anastasiia Kopytsa begrüßt ihre neue Klasse zu erste Unterrichtseinheit. © Renate Hoyer

Der Start ins Abenteuer Deutsch beginnt mit einem Willkommensempfang auf dem Innenhof. Dann wird gepaukt, mit Rücksicht auf die kleinen kulturellen Unterschiede.

Anastasiia Kopytsa ist voller Tatendrang. Am Freitag hat sie ihren neuen Arbeitsvertrag unterzeichnet. Seit Montag unterrichtet sie Kinder in der neuen Intensivklasse der Leibnizschule in Frankfurt-Höchst. In der Heimat, in Odessa, hat sie Englisch gelehrt. Jetzt mischt sie Englisch, Ukrainisch und etwas Deutsch. Ein ungewöhnliches Konzept, die Lehrkraft und die Kinder tasten sich gemeinsam in den neuen Sprachraum vor.

„Wir freuen uns, dass es jetzt losgeht“, sagt Schulleiter Dieter Clemens über seine Intensivklasse. Es sei gar nicht so einfach, eine Lehrkraft zu finden, die Ukrainisch spricht. Die seien begehrt, schließlich gibt es immer mehr Bedarf. In Frankfurt sind es alleine 127 Intensivklassen an allgemeinbildenden Schulen und 23 an beruflichen Schulen. Nicht nur für Kinder aus der Ukraine, für alle, die Sprachförderung benötigen. Hessenweit sind seit Kriegsbeginn mehr als 12 000 ukrainische Kinder und Jugendliche in den Schulen angekommen. 1600 Intensivklassen gibt es. Die ukrainischen Kinder machen etwa ein Drittel in den Klassen aus.

„Niemals zuvor haben unsere Schulen in so kurzer Zeit so viele Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger aufgenommen“, sagt Kultusminister Alexander Lorz (CDU) beim Besuch der Kelkheimer Rossert-Schule am Montag. Lorz lobt die „vorbildliche Aufnahmebereitschaft“ der Schulen und findet: „Die bei uns vor Jahren etablierten Strukturen mit den Intensivklassen haben sich in den vergangenen herausfordernden Monaten bewährt.“

Das sieht die Landeschülerinnen- und Schülervertretung anders. Bereits am Freitag hat sie sich zu Wort gemeldet. Landesschulsprecherin Jessica Pilz spricht von „verheerendem Personalmangel“ in den Schulen, der eine Betreuung der Betroffenen „im angemessenen Umfang unmöglich“ mache. Nicht nur brauche es mehr geschultes Personal für individuell zugeschnittene Förderung, auch mehr Fortbildungsangebote für die Lehrkräfte. Und die Klassengrößen seien mit 18 Köpfen auch zu groß.

16 von den 18 Jungen und Mädchen in der neuen Klasse in Höchst kommen aus der Ukraine. Um so erfreuter ist Schulleiter Clemens, dass er eine Muttersprachlerin gefunden hat, um die Kinder „zu empfangen und ankommen zu lassen“.

Die Schule hat die Eltern und Kinder zu einem kleinen Empfang auf dem lauschigen Innenhof des Schulhauses an der Gebeschusstraße geladen. Ein Fest soll das nicht sein, betont Clemens. Das wäre unpassend angesichts der schwierigen Situation, in der die Kinder und ihre Familien steckten. „Wir wollen sie nur willkommen heißen“, Gastfreundschaft signalisieren. „Wir sind froh, dass wir unterstützen können“, sagt Clemens.

Er sagt das auch den Familien. „Sie sind jetzt Teil der Leibnizschule.“ Kopytsa übersetzt. Als es darum geht, dass die Zeremonie jetzt vorbei ist und alle in ihren Raum gehen und loslegen sollen, flicht sie zwischen lauter fremden Worten deutlich hörbar ein „Arbeiten“ ein. Sie ist froh, dass sie arbeiten darf. „Das ist eine große Chance für mich“, sagt sie.

Nicht nur für die Karriere, auch dass sie den Kindern helfen darf, Teil der Schulgemeinschaft zu werden. Kopytsa kann sich einfühlen. Sie ist selbst mit Nötigstem bepackt per Zug durch fünf Länder gefahren, um nach Deutschland zu kommen. Mit ihren zwei Töchtern (zehn und 14 Jahre) und der Katze. Sie wäre auch in Odessa geblieben, sagt sie, aber ihre Töchter haben sie zur Abreise gedrängt. „Sie wollten nicht mehr jede Nacht im Keller verbringen.“ Die Kinder der Intensivklasse kommen aus verschiedenen Landesteilen, aus dem Norden, aus Mariupol. Gut die Hälfte der Väter kämpft im Krieg.

In ihrer ersten Woche sollen die Schülerinnen und Schüler erst einmal ankommen. Ein paar Worte lernen, die Schule erkunden. In der Vorstellungsrunde zeigen sie durchaus Talent. „Ich heiße“ oder „Mein Name ist“ klingt schon ganz gut. Bald wird es sicher flüssiger. Ab der kommenden Woche lernen sie fünf Stunden am Tag, es kommen auch andere Lehrkräfte in die Klasse. Mathe, Ethik und Musik stehen auf dem Stundenplan. Sport auch. „Es ist wichtig, dass sie sich bewegen“, sagt Benjamin Metz, der pädagogische Leiter am Leibnizgymnasium. Für die weitere Integration der Kinder soll es Patenschaften mit den anderen Klassen geben. So schnell wie möglich sollen die Neuankömmlinge dann in den Regelunterricht wechseln.

Zunächst bekommen sie aber eine Einführung in die Warnsignale des nahen Industrieparks, der seine Sirenen öfter mal testet. Das klänge für Auswärtige sonst womöglich erschreckend.

Auch interessant

Kommentare