Frankfurt

Amtsgericht verhandelt über Fehde zweier Fahrlehrer

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
    schließen

Streitende Fahrlehrer benötigen Gericht zu Klärung ihrer Differenzen. Ein 74-Jähriger soll seinen ehemaligen Kollegen auf der A661 vorsätzlich in Gefahr gebracht haben.

Die Beziehung der Fahrlehrer Gunnar V. (74) und Gerald S. (59) ist gestört. V. ist Inhaber einer Fahrschule, in der einstmals auch S. lehrte und nach eigener Aussage von V. als dessen Nachfolger auserkoren war. Aber im April 2017 übernahm S. statt der Fahrschule V.s Eheweib und wechselte – vom verlassenen V. fristlos entlassen – zur Konkurrenz. Seitdem ist das Fahrtenbuch zerschnitten. Wechselseitig haben beide sich seitdem mit Klagen im gehobenen zweistelligen Bereich überzogen. Bislang sind noch alle Verfahren eingestellt worden.

Am Dienstagmorgen bietet sich vor dem Frankfurter Amtsgericht eine neue Chance. V. ist wegen vorsätzlicher Straßenverkehrsgefährdung angeklagt. Am 19. November 2019 gegen 14 Uhr soll er auf der A661 Richtung Darmstadt kurz vor der Ausfahrt Nieder-Eschbach das Fahrschulauto seines Intimfeindes vor sich bemerkt haben. Getrieben vom Turbo-Boost der Rachelust habe er diesen überholt und so heftig geschnitten, dass S., um einen Unfall zu vermeiden, habe bremsen und in das Lenkrad greifen müssen, das eigentlich in den Händen einer 17-jährigen Fahrschülerin lag. Niemand wurde verletzt. Kein Blechschaden. S.s telefonische Anzeige folgte noch rauchenden Reifens.

Alles falsch, sagt Senior-Fahrlehrer V., der einem magenkranken Adorno-Double gleich auf der Anklagebank sitzt. Er habe S.s Fahrschulauto, welches er gar nicht als solches erkannt habe, ordnungsgemäß und „mit eingeschaltetem Blinklicht und ausreichendem Sicherheitsabstand“ überholt. Als S. erkannt habe, wer ihn da so vorschriftsmäßig überhole, habe der seiner Fahrschülerin ohne Not das Steuer verrissen, um ihn dann mal wieder verklagen zu können.

Er habe sich ja daran gewöhnt, dass S. ihm tagtäglich den Mittelfinger präsentiere. Und es toleriert, dass S. ihm unlängst nächtens das Fahrschulauto „mit Exkrementen“ umlackiert habe. Aber dass S. ihm neulich in einem Gebüsch aufgelauert, ihn angesprungen und mehrfach gebissen habe, das habe ihn dann doch beeindruckt. Die Vendetta der Fahrlehrer habe S. begonnen, als er ihn damals rausgeworfen habe, weil S. das Dienstauto privat genutzt und bei der Abrechnung gemogelt habe – „mit meiner Ex-Frau hat das nichts zu tun“.

Gerald S. trägt im Zeugenstand ein Zwirbelbärtchen, das schwarzwallende Haupthaar hat er zum Pferdeschwanz gebändigt. Er ist mit einem guten Appetit gesegnet und einem schlechten Tätowierer geschlagen. Der Junior geht als leichter Favorit ins Rennen, denn den einzigen juristischen Teilerfolg, ein vom Amtsgericht Bad Homburg ausgesprochenes Annäherungsverbot, hatte er beantragt. V.s Verteidiger relativiert: „Das Verbot gilt für alle beide. Beide dürfen sich nicht annähern.“

Er habe sich V.s Ex-Frau in der Tanzstunde angenähert, sagt Zeuge S., wohin er sie damals entführt hätte, um ihre Ehesorgen zu zerstreuen, „denn das wusste ja jeder mit dem Herrn V. und seinen drei Frauen“. Seitdem verfolge ihn dieser mit seinem Hass und tarne manche Versuche, ihn vor der Haustür umzufahren, als „Gefahrenbremsübungen“ seiner Schüler.

Mit Zeuge und Angeklagtem in ihrem Permazorn ist wenig anzufangen. Zum Glück hat die heute volljährige Fahrschülerin von einst Führerschein, Abitur, die Tassen im Schrank und eine Zeugenladung. V. habe sie damals geschnitten und einen Unfall provoziert, S. diesen durch sein Eingreifen verhindert. Causa finita.

V. wird wegen vorsätzlicher Straßenverkehrsgefährdung zu 120 Tagessätzen à 30 Euro verurteilt. Seinen Führerschein, den die Polizei ihm bereits vor acht Monaten abgenommen hatte, weil sie die Verkehrsrüpelei als erwiesen ansah, wird er weitere sieben Monate missen müssen.

„Immer bin ich der Buhmann“, klagt V. am Ende der Verhandlung, „niemand glaubt mir!“ Er mag eine Schlacht verloren haben, aber der epische Kampf jenseits von Gut und Böse, der währet immerfort. Gunnar V. weiß auch schon ganz genau, wann es weitergeht: „Sobald ich diesen Saal verlasse!“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare