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Amtsgericht Frankfurt: Stalker zu Gefängnisstrafe verurteilt

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Das Amtsgericht Frankfurt verurteilt einen Stalker zu zwei Jahren und fünf Monaten Gefängnis. Seit 1994 hat er einer Frau nachgestellt und sie terrorisiert.

Im Sommer 1994 macht Frau P. den Fehler ihres Lebens. Sie tritt auf den Balkon ihrer Wohnung. Und damit unter die Augen von Ibrahim A.

Die beiden leben eigentlich in verschiedenen Welten. Frau P. arbeitet für eine große Bank, Ibrahim A. hat nach eigenen Angaben mal Estrichleger gelernt, doch seit er vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen ist, hat er sich auf Sportwetten und Pornogucken spezialisiert. Der 20-Jährige beschließt, mit Frau P. den Rest seines Lebens zu verbringen. Es wird ihm auf eine gewisse Art gelingen.

Dass die Angebetete die Liebe nicht erwidert und seinem Werben widersteht, ficht Ibrahim A. nicht an. Künftig wird er sie täglich anrufen, vor ihrer Tür herumlungern, Frau P.s Arbeitgeber, ihre Bekannten und Verwandten belästigen. Er belagert ihre Wohnung, er klingelt Sturm. Mal bewirft er sie im Winter mit Schneebällen, mal schickt er eine Bombendrohung an ihre Bank. Er verklebt Türschlösser, vermüllt den Briefkasten.

Annäherungsverbote ignoriert er, Geldstrafen halten ihn nicht auf. Seine kurzzeitige Einweisung in die Psychiatrie endet mit dem Befund, dass A. bei Sinnen und voll schuldfähig sei, vermutlich ein „ethnisches Missverständnis“ das Motiv für seine Minnezwangsarbeit darstelle und er sich „in einem kulturell fremden Raum nicht angemessen verhalten“ habe. Frau P. lässt sich kurzzeitig nach New York versetzen. Es nutzt nichts. Sie wechselt Arbeitgeber und Wohnort. A. lässt nicht locker. Sie zeigt ihn an, er wird verurteilt, in scheinbarer Endlosschleife.

2010 hat das Landgericht die Faxen schließlich dicke und verurteilt Ibrahim A. wegen Nachstellung und versuchter Erpressung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und zwei Monaten, die er fast zur Gänze absitzt. Anschließend wird er in die Türkei abgeschoben. Noch von dort bekommt Frau P. eine SMS: „Mr. Ibo ist frei!“ – und schon bald wieder bei ihr.

2018 kehrt A., das Einreiseverbot ignorierend, nach Frankfurt zurück und erhält dafür einen Strafbefehl über 120 Tagessätze à zehn Euro sowie eine Aufenthaltserlaubnis bis 2023. Erneut stellt er „wegen dieser türkeipolitischen Sache“ einen Asylantrag, über den noch nicht entschieden ist. Frau P. aber erhält wieder im Minutentakt Textnachrichten. Die meisten sind obszön, manche bloß bescheuert: A. teilt seiner Angebeteten etwa mit, welche Fußballspiele er gerade gucke oder dass er an Fußpilz leide. Im November 2018 wird er vor ihrer Wohnungstür festgenommen, im Januar 2019 wieder laufengelassen.

Am Montagmorgen werden diese erneuten Belästigungen vor dem Amtsgericht verhandelt. Wie in den Prozessen zuvor verspricht der mittlerweile 46 Jahre alte A., dass er Frau P. fortan nicht mehr belästigen werde. Auf Anraten seines Anwalts besuche er jetzt zwei Stunden im Monat eine Therapie, darin habe man ihm klargemacht, „dass in Deutschland ein Nein ein Nein bedeutet“. Das habe er ja nicht ahnen können. „Bei uns, wo ich herkomme“ bedeute ein Nein nämlich ein Ja, vor allem bei Frauen. In der Türkei war A. mal kurz verheiratet, ließ sich aber ruckzuck wieder scheiden. Seine Frau habe „ein bisschen modern leben wollen“. Er nicht.

Ibrahim A. bittet das Gericht „um eine Chance auf Bewährung“. Sein Verteidiger kündigt an, sollte sein Mandant diese nicht erhalten, „dann gehe ich in die Berufung und dann in die Revision“, und wenn die Sache irgendwann mal ausverhandelt sei, wäre die Tat so lange her, dass A. eh nicht mehr ins Gefängnis müsse.

Das Schöffengericht will ihn dabei nicht aufhalten und verurteilt Ibrahim A. wegen Nachstellung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und fünf Monaten. Und zwar nicht dafür, dass er Frau P., die zu diesem Prozess erst gar nicht mehr geladen worden war, in den vergangenen Jahren das Leben zur Hölle gemacht habe, sondern alleine wegen der Stalkerei von September bis November 2018. Dem Gericht sagt A., er sei nun geläutert. Den Beamten, die ihn vor der Tür seiner großen Liebe festgenommen hatten, hatte er noch erklärt, weder Gefängnismauern noch Landesgrenzen würden in jemals von Frau P. trennen können.

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