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Justitia auf dem Römerberg.

Prozess wegen Stalkings

Schweigen heißt Ja

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Eine einseitige Liebe samt virtuellem Stalking findet vor dem Amtsgericht hoffentlich ihr Ende - allerdings ohne eine Verurteilung.

Der Franzose würde das, was sich zwischen der Sachbearbeiterin und dem Büroleiter abspielte, vielleicht amour fou nennen. Der deutsche Gesetzgeber aber nennt es Nachstellung. 

Wie man es auch nennt, jedenfalls steht die Sachbearbeiterin deswegen vor dem Amtsgericht. Laut Anklage hatte sie sich irgendwann im Jahr 2014 unsterblich in den Geschäftsleiter (49) verliebt. Der arbeitete zwar im selben Gebäude in Frankfurt, aber in einem anderen Büro. Er kannte die Sachbearbeiterin gar nicht. Und wunderte sich über die Liebesschwüre und Rendezvousanfragen, mit denen er via SMS und sozialen Medien geflutet wurde. Pausenlos klingelte sein Bürotelefon in der Mittagspause, und mehrfach wurde er über Facebook aufgefordert, seine Frau zu verlassen, die ja ohnehin mit „Magersucht“ und einer „hässlichen Rattenschnauze“ geschlagen sei. Dabei gebe es doch eine Alternative. „Heirat per Facebook. Schweigen ist ja.“ Dass die Sachbearbeiterin sich beim virtuellen Stalking mit dem Account „Tom Werner“ tarnte, dürfte eher hinderlich gewesen sein. 

Als die Sache überhandnahm und die ihm bis dato Unbekannte ihn auch persönlich ansprach, wurde es dem Büroleiter im Oktober 2018 endlich zu viel – er erstattete Anzeige. Zuvor hatte die Sachbearbeiterin ihn bis in die Kleinmarkthalle verfolgt, die er mit seiner zehnjährigen Tochter besuchte. Sie war ihm bis ins Kaufhaus nachgestiegen, so dass er sich nicht anders zu helfen wusste, als sich an den Sicherheitsdienst zu wenden. Sie fing wohl auch an, nicht nur Mitarbeiter des Büroleiters, sondern auch Familienangehörige zu belästigen. 

Jahrelange, nachprüfbare Kontaktanfragen an den Büroleiter

„Der hat das alles umgedreht“, beschwert sich die Sachbearbeiterin unter Tränen auf der Anklagebank. Wahr sei, dass sie und der Büroleiter sich 2014 mal kurz getroffen hätten. Er habe „so traurig ausgesehen“, sagt die Sachbearbeiterin, und sie habe sich um ihn kümmern wollen, aber plötzlich habe er nicht mehr mit ihr geredet – und sie gestalkt. Es sei so gewesen wie beim Hasen und beim Igel – wo immer sie hingegangen sei, habe der Büroleiter dort bereits auf sie gewartet. Im Aufzug, im Kiosk, bei der Postbank. Und habe sie angeglotzt – und geschwiegen. „Das war unheimlich“, erinnert sie sich. Nach ein paar Monaten sei zwar Ruhe, aber ihr Leben bereits zerstört gewesen. „1000 Stunden Kopfschmerzen“ seien alles, was ihr geblieben seien. 

Die nachprüfbaren, jahrelangen Kontaktanfragen der Sachbearbeiterin an den Büroleiter erklärt sie damit, dass sie von ihm einfach eine Antwort erwartet habe, warum er grundlos ihr Leben zerstört habe. „Er ist schuldig! Er hat mich in den Wahnsinn getrieben!“, sagt die Sachbearbeiterin, aber vermutlich trifft den Büroleiter auch daran keine Schuld. 

Pech in der Liebe, Glück beim Amtsgericht: Richterin und Staatsanwalt erkennen schnell, dass hier eher Hilfe als Strafe vonnöten ist. „Es wäre vielleicht ganz gut, wenn Sie sich psychologische Hilfe holen“, rät die Richterin. Als der als Zeuge geladene Büroleiter dann auch noch sagt, eine Bestrafung der Sachbearbeiterin sei ihm nicht wichtig, er wolle einfach nur seine Ruhe haben, und seit der Anzeige sei Ruhe, wird das Verfahren eingestellt. Gegen die Auflage, dass ein weiteres Jahr Ruhe herrscht. 

War es das nun für die Sachbearbeiterin? Schweigen heißt Ja.

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