Verfolgungsjagt durch die Innenstadt: Auf der Ignatz Bubis-Brücke in Frankfurt schafft es der 26-Jährige einige Polizisten kurzzeitig abzuhängen. Jetzt muss er sich vor Gericht verantworten.
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Verfolgungsjagt durch die Innenstadt: Auf der Ignatz Bubis-Brücke in Frankfurt schafft es der 26-Jährige einige Polizisten kurzzeitig abzuhängen. Jetzt muss er sich vor Gericht verantworten.

Herz aus Gold, Fuß aus Blei

Raser in der Innenstadt: „Berlin ist ein heißes Pflaster – nicht so schlimm wie Frankfurt“

  • Stefan Behr
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Vor dem Amtsgericht Frankfurt muss sich ein 26-Jähriger verantworten, weil er sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei geleistet haben soll. Am Ende lässt der Richter Milde walten.

  • 14. April 2019: Ein 26-jähriger Raser liefert sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei.
  • Der Fahrer möchte sich einer Polizeikontrolle entziehen und flüchtet rasant durch die Frankfurter Innenstadt.
  • Herz aus Gold, Fuß aus Blei: Das Amtsgericht Frankfurt fällt am Ende ein mildes Urteil.

Frankfurt ‒ Die Anklage gegen Mike H., die am Montag (09.11.2020) vor dem Frankfurter Amtsgericht verlesen wird, klingt zuerst wie eine dieser langweiligen Verfolgungsjagdgeschichten. Am 14. April 2019 entscheidet sich der 26-Jährige gegen 23.20 Uhr in der Berliner Straße per Gaspedal gegen eine Kontrolle durch die Polizei. Mit bis zu 80 Sachen geht es durch die halbe Stadt, rote Ampeln werden bedingungslos ignoriert, auf der Ignatz-Bubis-Brücke schafft es H. durch einen knackigen U-Turn, die stetig wachsende Zahl seiner Verfolger kurzzeitig zu minimieren. Am Lokalbahnhof in Frankfurt, so die Anklage, rammt er gar absichtlich einen Streifenwagen. Als er schließlich doch gestellt wird, weigert er sich erst auszusteigen und widersetzt sich dann so vehement seiner Festnahme, dass ein Beamter Schürfwunden am Knie erleidet.

Amtsgericht Frankfurt: Prozess nach wilder Verfolgungsjagd mit der Polizei

Ganz so sei’s nicht gewesen, sagt H. auf der Anklagebank. Er habe den Streifenwagen nicht absichtlich, sondern fahrlässig gerammt. Zudem habe er sich nicht geweigert, sein Auto zu verlassen, sondern sei durch die Kollision darin eingekeilt gewesen und habe erst durch die Polizei befreit werden müssen, die dies auch getan und ihn dann paradoxerweise festgenommen habe. Und ja, er habe sich widersetzt, aber doch nur, weil die Polizisten so unhöflich zu seiner Ehefrau gewesen seien.

Die Sache sei nämlich so: Zwei Tage zuvor sei er aus dem offenen Vollzug in Berlin ausgebüxt, wo er eine Freiheitsstrafe absaß, weil er sich als Autofahrer mal wieder einer Polizeikontrolle widersetzt und herumrandaliert hatte. Nicht aus Freiheitsliebe sei er geflüchtet, sondern aus Liebe zu seiner Ehefrau, die ihm in Berlin zumindest räumlich habe nahe sein wollen. „Ich wollte sie in Sicherheit wissen.“ Nicht, dass sie konkret bedroht worden wäre. Aber „Berlin ist ein heißes Pflaster – nicht so schlimm wie Frankfurt“, aber eben schlimm genug.

Von Berlin nach Frankfurt: Aus Liebe geflohen

Also habe er sich für wenig Geld einen quasi schrottreifen Audi A4 gekauft, geklaute Nummernschilder angeschraubt und sei mit seiner Liebsten losgefahren – in das seiner Meinung nach hochgefährliche Frankfurt, der Himmel weiß warum. Warum er sich der Polizeikontrolle in Frankfurt entziehen wollte, habe wohl mehrere Gründe. Die Flucht aus dem Knast. Die geklauten Nummernschilder. Der mangelnde Versicherungsschutz. Der fehlende Führerschein. Seine liebe Frau, die ihm bei Anblick der Polizei vom Beifahrersitz aus „Gib Gummi!“ geraten habe. Und natürlich, „weil ich blöd war“.

Die Blödheit wurde bestraft. Nach der Eskapade war Schluss mit offenem Vollzug und der gebürtige Frankfurter musste die Haftstrafe bis Juni dieses Jahres im Geschlossenen absitzen. Seit er wieder draußen ist, hat ihm seine Frau wohl auch keine Gummi-Ratschläge mehr erteilt, jedenfalls seien jetzt Zwillinge unterwegs, und alleine schon aus väterlichem Verantwortungsgefühl wolle er sein Leben ändern und künftig die Gesetze achten sowie Bus und Bahn nutzen. Immerhin: Eine Arbeit und eine neue Wohnung in einer neuen Stadt hat er schon gefunden.

Amtsgericht Frankfurt: Mildes Urteil gegen Raser in der Innenstadt

Da lässt das Amtsgericht Frankfurt Milde walten und verurteilt Mike H. wegen Straßenverkehrsgefährdung, Fahrens ohne Führerschein und Versicherungsschutz, Urkundenfälschung und Widerstands gegen Polizisten zu einer Bewährungsstrafe von 13 Monaten. Die Hauptanklagepunkte, nämlich die absichtliche Herbeiführung eines Unglücksfalls sowie Unfallflucht sind da längst vom Tisch. Selbst die als Zeugen geladenen Frankfurter Polizisten räumen ein, dass es sich beim Crash auch um ein Versehen gehandelt haben könnte.

Und der Richter gibt zu bedenken, dass eine Verfolgungsjagd durch einen Unfall juristisch zur Unfallflucht werden könne, aber halt eben nicht im wirklichen Leben. (Stefan Behr)

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