Frankfurt: Der Verdächtige soll eine Bierflasche nach einer Frau geworfen haben (Symbolbild).
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Frankfurt: Der Verdächtige soll eine Bierflasche nach einer Frau geworfen haben (Symbolbild).

Amtsgericht Frankfurt

Nachbarschaftsstreit eskaliert: Mann malträtiert Auto und wirft Bierflasche auf Frau

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Mit einem Hammer soll ein 60-Jähriger das Auto seines Nachbarn in Frankfurt malträtiert und eine volle Bierflasche nach dessen Frau geworfen haben.

  • Bei einer Wohnungsdurchsuchung in Frankfurt finden Beamte Haschisch und Marihuana.
  • Der Verdächtige streitet den Faustschlag ab.
  • Da der Mann an einer drogeninduzierten Psychose litt, stellt sich für das Amtsgericht die Frage, ob er schuldfähig war.

Frankfurt - In der Nacht auf den 27. Mai 2019 zieht der 60 Jahre alte Herr L. sämtliche Register, die man sich in einem zünftigen Streit unter Nachbarn vorstellen kann. Gegen 1.15 Uhr kommt es vor dem Mehrparteienhaus zu einer Szene, die Cineasten aus „The Big Lebowski“ kennen und schätzen: L., mit einem Hammer bewaffnet, knöpft sich den VW seines Nachbarn, Herrn S., vor. Um Scheibenwischer und Außenspiegel kümmert er sich noch manuell, dann schlägt er mit dem Hammer sämtliche Scheiben ein, ehe er sich der Karosserie zuwendet. S.s Auto verliert durch die Behandlung etwa 8000 Euro an Wert.

Kurz darauf, die Nacht ist noch jung, ist der Sohn von Herrn S. unglücklich darüber, dass Nachbar L. das Treppenhaus mit vermutlich S.-feindlichen Graffiti umgestaltet. Laut Anklage verpasst ihm L. mit einem Faustschlag aufs Auge ein veritables Veilchen. Gegen 7 Uhr graut dann der Morgen, und Frau S. graust es vor Herrn L., der sich immer noch nicht abgeregt hat. In ihrer offenen Wohnungstür stehend schlägt sie ihm vor, doch ebendieses endlich zu tun, der aber denkt nicht daran und schmeißt eine volle Bierflasche nach Frau S., die nur durch eine artistische „Ausweichbewegung nach hinten“ einen Treffer verhindert.

Frankfurt: Bei Wohnungsdurchsuchung tauchen Haschisch und Mariuhuana auf

Bei der Durchsuchung von L.s Wohnung findet die mittlerweile in den Nachbarschaftsstreit involvierte Polizei 14 Gramm Haschisch und knapp vier Gramm Gras und widerlegt damit die These, dass Kiffen zwangsläufig gleichgültig mache.

Vor dem Amtsgericht Frankfurt macht Herr L. am Donnerstagmorgen einen völlig gelassenen Eindruck, aber er ist mittlerweile auch 61 Jahre alt. So sei er eigentlich gar nicht, beteuert der nicht vorbestrafte L., „ich bin eher der ruhige Typ“. Und die Familie S. kenne er schon seit mehr als 25 Jahren, früher habe man sich prima verstanden, aber dann sei „die Sache mit der Wohnung passiert“. Über diese Sache erfährt man während des sehr kurzen Prozesses nichts Näheres, aber es muss sich wohl um eine sehr große Wohnung gehandelt haben.

Verhandlung vor dem Amtsgericht Frankfurt: Herr L. streitet Faustschlag ab und hatte Psychose

Herr L. gibt fast alles zu, leugnet aber den Faustschlag aufs Auge. Und die Bierflasche habe er auch nicht gegen Frau S., sondern wider die Wand geworfen. Der Polizei hatte L. ursprünglich erzählt, er habe sich über die „nationalsozialistische Einstellung“ der Familie S. geärgert, aber das sei „natürlich völliger Blödsinn“. Zwar grüße der Sohn aus Prinzip „nicht unsere ausländischen Mitbewohner“, aber das müsse er ja auch nicht.

Nach der Tat war Herr L. mehrere Wochen zur Begutachtung in der geschlossenen Psychiatrie. Ganz schön lange, findet der Richter. Das findet Herr L. auch, aber das sei schließlich nicht seine Schuld: „Ich habe ja früher gehen wollen!“ – allein, die Ärzte hätten ihn nicht gelassen. Diese hatten ihm schließlich eine „cannabis-induzierte Psychose“ attestiert. „Zu viel gekifft?“, übersetzt das der Richter für den medizinischen Laien. Und ob, bestätigt Herr L. Aber diese Zeiten seien vorbei. „Ich nehme jetzt Vitamin B für die Nerven“, und das mit gutem Erfolg, beteuert der sichtlich entspannte Angeklagte.

Amtsgericht Frankfurt rätselt: War Herr L. überhaupt schuldfähig?

Angeklagt ist L. wegen Körperverletzung, versuchter gefährlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung und Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz. Allerdings ist der Prozess bereits nach einer halben Stunde wieder vorbei. Das Amtsgericht Frankfurt stellt sich die nicht ganz unbegründete Frage, ob Herr L. in besagter Nacht überhaupt schuldfähig gewesen war.

Diese Frage muss nun ein psychiatrischer Sachverständiger klären, der L. begutachten soll. Der ist damit einverstanden. Das könne aber ein bisschen dauern, sagt der Richter, vermutlich bis ins kommende Jahr. „Ooch, so lange?“, moniert der nun nicht mehr Angeklagte, aber dann zeigt das Vitamin B seine segensreiche Wirkkraft, und Herr L. verlässt vollends entspannt das Amtsgericht und radelt heimwärts gen Gallus, wo seine Nachbarn ihn schon erwarten. (Von Stefan Behr)

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