Die Rolling Stones mit ihrem Sänger Mick Jagger beim Konzert. Mick Jagger steht auf der 2014 auf der Waldbühne in Berlin und reißt eine Hand in die Höhe.
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Die Rolling Stones mit ihrem Sänger Mick Jagger. Das Konzert gaben sie 2014 auf der Waldbühne in Berlin. Für dieses Konzert wollte sich der falsche Zeitungsredakteur Ralf C. Karten abholen.

Frankfurter Amtsgericht

Wie ein falscher Journalist sich auf Konzerte schlich - und erwischt wurde

  • Stefan Behr
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Ein Hochstapler soll sich als Frankfurter Zeitungsredakteur ausgegeben und durch Konzerte und andere Events geschnorrt haben. Nun steht er vor Gericht.

Es gibt eine große Frankfurter Zeitung, die von sich sagt, hinter ihr stecke immer ein kluger Kopf. Ralf C. formuliert es auf der Anklagebank des Frankfurter Amtsgerichts ähnlich: „Ich bin Journalist und ein schlauer Mensch.“

Die Anklage wirft C. vor, nicht schlau genug gewesen zu sein und sich zudem des Betrugs und der Urkundenfälschung schuldig gemacht zu haben. Unter einer selbst angelegten E-Mail-Adresse mit dem Namen eines real existierenden Zeitungsredakteurs soll er sich von Februar 2013 bis Juni 2018 durch etliche Events genassauert haben. Zehn Fälle sind angeklagt. Darunter ganz manierliche Termine wie eine „Macbeth“-Premiere an der Berliner Staatsoper.

Bei den meisten Veranstaltungen handelte es sich aber um solche, die ein seriöser Journalist nicht einmal unter Folterandrohung zwecks Berichterstattung besuchen würde, etwa das „Moët-Hennessy-Event“ anlässlich der Filmfestspiele von Cannes, die „ARD Blue Hour“ im Sog der Berlinale oder ein „Gucci-Instore-Event“ in München, das offenbar auch ohne Filmfestival auskam.

Dem falschem Zeitungsredakteur beim Rolling-Stones-Konzert eine Falle gestellt

Umso peinlicher war es für Stefan L., einen politischen Landeskorrespondenten der großen Frankfurter Zeitung, dass ihn bereits ab dem Jahr 2012 immer wieder PR-Beauftragte dubioser Partymacher anriefen und fragten, ob es denn geschmeckt habe und wann mit einem Artikel in der Zeitung zu rechnen sei.

So richtig peinlich wurde es, als ihn 2014 der Feuilletonchef der Zeitung anrief und ihn fragte, ob er nicht die beiden für ihn hinterlegten Karten für das Konzert der Rolling Stones in der Berliner Waldbühne freigeben könne, da man gerne einen echten Musikredakteur dorthin schicken würde.

Der falsche Zeitungsredakteur Ralf C. soll sogar einen Presseausweis besitzen.

Immerhin war man nun dort gewarnt und stellte dem falschen L. in der Waldbühne eine Falle. Wer erschien, um die Karten abzuholen, war Ralf C. Der wäre ohnehin schon aufgefallen, denn der heute 61-Jährige war natürlich viel zu jung für einen typischen Stones-Konzertbesucher. Am Schalter gab C. an, dass L. im Stau stecke und sich leider verspäte, er die Karten aber schon einmal abholen solle. Was die Dame hinter dem Schalter ihm sagte, kann man in etwa mit „You can’t get no satisfaction“ umschreiben.

Die Stones-Karten-Geschichte ist die einzige Tat, die C. vor Gericht einräumt, er entschuldigt sie aber mit einer etwas dünnen Geschichte. Ein ihm flüchtig bekannter Kollege namens „Alex“ hätte ihn gebeten, die Karten abzuholen, da er seinen dafür notwendigen Presseausweis daheim vergessen habe. Er habe seinen dabei gehabt und sich dummerweise breitschlagen lassen, weshalb er nun hier sitze. Mit den anderen angeklagten Fällen habe er nichts zu tun und der angelegte E-Mail-Fake-Account gehe auch nicht auf sein Konto.

Amtsgericht Frankfurt setzt weiteren Termin mit dem falschen Zeitungsredakteur an

Auch die PR-Frau von der Internationalen Funk-Ausstellung in Berlin, bei der ein angeblicher Stefan L. Überwachungskameras zu „Testzwecken“ schnorren wollte, kann sich leider nicht mehr an das Gesicht des Hochstaplers erinnern. Sie weiß nur noch, dass der die Kameras sofort mitnehmen wollte, was aber nicht möglich gewesen sei.

Als sie bei der Zeitung angerufen habe, habe sie zu ihrem Schrecken erfahren müssen, dass es das Ressort „Kultur & Gesellschaft“, für das der Mann angeblich geschrieben habe, gar nicht gebe. Im Gegensatz zu Stefan L., der sich aber eher für Politik als für Überwachungskameras interessiere.

Angesichts der vielen Ungereimtheiten entschließt sich das Amtsgericht Frankfurt für mindestens einen weiteren Fortsetzungstermin, zu dem Ralf C. dann wieder von seinem Erstwohnsitz Hamburg oder Zweitwohnsitz Berlin anreisen muss.

Das Mysteriöseste am dem Mann, der sich selbst Journalist nennt, ist, dass er wohl tatsächlich einen Presseausweis besitzt – sich aber im Internet nicht die geringste Spur von ihm findet. Dass muss man heutzutage erst mal schaffen.

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