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Ein Hund beim Festival auf der Burg Herzberg.
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Hier handelt es sich um einen Symbolhund, und „Cappuccino“ heißt er auch nicht.

Justiz

„Cappuccino“ to go: Wie das Amtsgericht Frankfurt beinahe auf den Hund gekommen wäre

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Vielleicht hätte man die Brüder Grimm um Rat fragen sollen.

Frankfurt - Der juristische Laie würde Francesco P. wohl einen Entführer nennen. Weil der 40-Jährige am 2. November 2020 „Cappuccino“, den kleinen Hund seiner Ex-Partnerin, „in seinen Pkw verbrachte, um den Hund für sich zu behalten“. Die Staatsanwältin aber heißt P. einen Dieb und Nötiger. Ein Dieb ist laut Strafgesetzbuch einer, der „eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht wegnimmt, die Sache sich ... rechtswidrig zuzueignen“. Und ein Nötiger, „wer einen Menschen rechtswidrig mit Gewalt oder durch Drohung mit einem empfindlichen Übel zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung nötigt“.

P. soll damals auf Frauchens Proteste hin angekündigt haben: „Ich hau’ dir in die Fresse, ich mach’ dich kaputt“, was durchaus als empfindliches Übel durchgeht. Und juristisch gesehen handelt es sich bei „Cappuccino“ um eine Sache, deren Wert die Anklage auf 250 Euro (inklusive Halsband) taxiert.

Amtsgericht Frankfurt: Der will nur spielen

Direkt nach Verlesung der Anklage tut P.s Verteidiger kund, dass er jetzt noch einer Einstellung des Verfahrens zustimmen werde – nachher aber nicht mehr. Seinem Mandanten sei jegliche Zueignungsabsicht fremd gewesen, denn „er besitzt den Hund zu 50 Prozent“. Zudem habe er sich mit seiner Ex längst wieder zusammengerauft und eine „Sorgerechtsvereinbarung“ bezüglich „Cappuccino“ ausgehandelt; er beteilige sich mindestens hälftig an den laufenden Köterkosten.

Dann wedelt der Verteidiger mit einem empfindlichen Übel: Er werde haufenweise Beweisanträge stellen „und mindestens zehn Zeugen laden, die diese Angaben bestätigen können“ – um einen Prozess in die Länge zu ziehen, an dessen Ende doch nur ein Freispruch stehen könne. „Sie brauchen nicht gleich zu drohen“, sagt die Staatsanwältin. Aber das tut der Verteidiger gar nicht. Der will nur spielen.

Denn weder die Staatsanwältin noch die Amtsrichterin sind angesichts der Aktenlage willens, den Prozess durchzuziehen. Der Diebstahl ist vom Tisch. Die Nötigung irgendwie auch, denn P. ist im Besitz einer italienischen Staatsbürgerschaft, die zumindest moralisch zu verbalen Gefühlsduseleien berechtigt. Und juristisch offenbar auch. Nach zehn Minuten Dauer wird der Prozess eingestellt, die drei geladenen Zeugen werden heimgeschickt, die Kosten trägt die Staatskasse. Irgendwer wird sich bei der Zulassung der Anklage wohl etwas gedacht haben. Nur wer und was? Das ist die Frage.

Frankfurt: Was die Brüder Grimm zu dem Fall zu sagen haben

Der Nutzwert des Prozesses vor dem Amtsgericht Frankfurt bleibt für den Beobachter gering. In der Gerichtskantine besteht die Verkäuferin anschließend auf Bezahlung des Cappuccinos to go. Trotz der Beteuerung, dass einem eine dauerhafte Zueignungsabsicht fehle, man den Muckefuck lediglich schnell runterkippen wolle und die Staatskasse dafür schon aufkommen werde. Von wegen, sagt die Verkäuferin.

Wenn man also irgendwas aus dem frühmorgendlichen (9 Uhr!) Gerichtsfiasko lernen kann, dann bei den Gebrüdern Grimm, die in ihrem Deutschen Wörterbuch einst erklärten, woher der Begriff „auf den Hund kommen“ stammt. Nämlich von dem juristischen Brauchtum, „dasz, wie der verurtheilte […] den strang um den hals trug, er auch den hund tragen sollte, damit anzuzeigen, dasz er wert sei, gleich einem hund erschlagen und aufgehängt, an der seite eines hunds aufgehängt zu werden“.

Das allerdings hätte Francesco P. nun wirklich nicht verdient. (Stefan Behr)

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