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Gericht

Amtsgericht Frankfurt: Abdelrehman und seine Mädels

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Vor dem Amtsgericht Frankfurt steht ein Mann, den die Frauen liebten – und finanzierten. Mit dem ergaunerten Geld leistete er sich einen exklusiven Lebenstil, BMW und Rolex inklusive.

Frankfurt, Amtsgericht, 9.30 Uhr: Die Frisur sitzt! Der zur Frisur gehörende Mann sitzt auch, und zwar auf der Anklagebank. Der 28 Jahre alte Abdelrehman G. sieht so aus, als säße er sonst meistens im Sessel des Barbershops: die Seitenhaare auf Schläfenhöhe abrasiert, das üppige Resthaar frisch geölt und zum Schwänzchen gebändigt, der Vollbart getrimmt wie ein englischer Rasen. Aber laut Anklage ist das Aussehen des jungen Mannes auch so etwas wie seine Geschäftsgrundlage.

Abdelrehman G. steht wegen Betrugs vor dem Schöffengericht. Früher kannte man den Beruf, dem G. nachgeht, als Heiratsschwindler, heute spricht man eher von Love-Scamming. Angeklagt sind fünf Einzeltaten, begangen an zwei jungen Frauen, die von G. und seinem Verteidiger mit irritierender Beharrlichkeit „die Mädels“ genannt werden.

Mit der heute 27 Jahre alten Verena S. war G. im Jahr 2018 zumindest ein paar Monate sogar verheiratet, zumindest „nach islamischem Brauch“, was immer das heißen mag. In dieser Zeit brachte er seine Brauchtumsehefrau dazu, einen Kredit über 50 000 Euro aufzunehmen und ihm das Geld zwecks Verprassung zu überlassen.

Gleichzeitig pflegte G. eine amouröse Beziehung zu der heute 26 Jahre alten Maria B. Die nahm zu seinen Gunsten zwar lediglich einen Kredit von 40 000 Euro auf, dafür bestellte G. über deren Accounts recht ordentlich bei einem Onlineversandhandel, der seine Kundschaft laut Eigenwerbung vor Glück schreien lässt, und schloss zwei sündhaft teure Verträge für je ein I-Phone der gehobenen Bauart ab. Die Ermittlungsakten lassen erahnen, dass G. zu dieser Zeit auch noch andere Liebschaften laufen hatte, aber offenbar hat eine der Frauen ihre Strafanzeige mittlerweile zurückgezogen, andere haben G. erst gar nicht angezeigt.

Das ergaunerte Geld hat der geständige G. durchaus originell investiert – etwa in Uhren der Marke Rolex, einen nagelneuen 7er-BMW mit Chauffeur, um den fehlenden Führerschein zu kompensieren, und andere schöne Dinge, die nach G.s Aussage dazu geeignet waren, „einen auf dicke Hose zu machen“. Und er hat „den Lebensstandard der Mädels mitfinanziert“, wie sein Anwalt sagt. Die Veranlagung dazu ist ihm in die Wiege gelegt.

G.s Vater ist ein Textilgroßhändler, der es zu Wohlstand gebracht hat. Der junge Abdelrehman besuchte in Frankfurt Kindergarten, Grundschule und Gymnasium, bis ihn sein Vater im Alter von 14 Jahren auf eine Privatschule nach London schickte, wo er sein Abitur baute. Dem anschließenden Studium von Theologie und International Business ging G. dann zunächst in Frankfurt, später in Ungarn nach, wo er irgendwann hin-schmiss, um sich „selbstständig“ zu machen. Als der verärgerte Vater ihm den Geldhahn zudrehte, musste sich der Studienabbrecher nach einer neuen Geldquelle umsehen – und fand sie in den Angelgründen der Social-Media-Plattformen, wo er sowohl Verena S. als auch Maria B. köderte.

Verena S. musste nach der Liebespleite Privatinsolvenz anmelden, bis heute ist sie in psychologischer Begleitung. Im Zeugenstand des Amtsgerichts bricht sie mehrfach in Tränen aus. Ebenso wie Maria B., bei der aber auch immer wieder der Furor aufblitzt. Zum einen auf ihren Ex: „Ich will gar nicht wissen, wie viel andere es noch gab!“ Zum anderen auf sich selbst: „Ich musste wieder bei null anfangen. Ich habe meine Handydaten verändert, meine Kontonummern, meinen Freundeskreis. Dann sitzt man zu Hause rum und fragt sich: Wie blöd bist du eigentlich?“

Es tue ihm furchtbar leid, beteuert G. seinen beiden Verflossenen. Er wolle Buße tun. Einen Teil der Buße hat er mitgebracht: 10 000 Euro in frischen 200er-Scheinen, 5000 für jede. Nach einem kurzen Ringen zwischen Stolz und Vernunft und einem kurzen Gespräch mit ihrem Rechtsbeistand obsiegt bei beiden die Vernunft, sie nehmen das Geld, lassen aber ausrichten: „Vergeben ist damit nichts!“.

Abdelrehman G. wird zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wird. Er muss 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Und er wird verdonnert, beiden Frauen den Schaden zu ersetzen, in Monatsraten von je 100 Euro mindestens. „Ich will, dass meine Familie wieder stolz auf mich sein kann“, sagt er. Bis dahin ist es noch ein langer Weg.

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