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Raser-Fahrten in Frankfurt

Amokfahrt: „Ein Führerscheinentzug ist der Nährboden“

  • Oliver Teutsch
    VonOliver Teutsch
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Die für mehrere Menschen tödlich endenden Raser-Fahrten in Frankfurt ist für viele unbegreiflich. Ein Verkehrspsychologe erklärt mögliche Gründe für Raserei.

Frankfurt ‒ Der Verkehrspsychologe Patrick Grieser hat täglich mit Rasern zu tun. Im FR-Interview mit Oliver Teutsch äußert er sich zu geeigneten Maßnahmen und möglichen Gründen für die Raserei.

Wie hoch ist der Anteil der Raser in Ihren Kursen zu medizinisch-psychologischen Untersuchungen (MPU)?
Es gibt bundesweit etwa 100 000 MPUs im Jahr. 80 000 sind auf Alkohol und Drogen zurückzuführen, 20 000 sind Punktetäter.
Haben Sie in Ihren Schulungen auch Menschen, die an illegalen Autorennen beteiligt waren?
Das nimmt zu. Als ich 2013 mit MPUs angefangen habe, gab es das kaum. Im vergangenen Jahr hatte ich etwa acht bis zehn Personen, die in Verfolgungsjagden mit der Polizei oder ein illegales Autorennen verwickelt waren.
Wie kommt ein Mensch dazu, mit einem Auto durch die Stadt zu rasen?
Ich unterscheide drei Tätergruppen, von denen eine neu ist. Zum einen sind da die Überforderten. Sie nutzen das Auto, um Druck abzulassen. Dann gibt es die Adrenalin-Junkies und als neues Phänomen die Protzer. Sie haben ein schwaches Selbstwertgefühl.
Aber Menschen mit schwachem Selbstwertgefühl sind doch nicht neu.
Durch den Einfluss der sozialen Medien ist das Problem aber größer geworden. Es ist einfacher, ein Publikum zu erreichen und sich eine Scheinwelt aufzubauen. Es ist leider auch viel einfacher geworden, an PS-starke Autos heranzukommen.
Der Unfallort am Samstag in der Mörfelder Landstraße.
Inwiefern?
Wer früher ein PS-starkes Auto haben wollte, musste in einem Autohaus vorsprechen und wurde genau überprüft. Heute gibt es im Internet viele Anbieter, die teure Autos schon für kleines Geld verleihen. Viele Protzer haben aber keine Expertise, mit solch schnellen Autos umzugehen. Mein Appell an die Politik wäre, den Zugang zu solchen Autos wieder schwerer zu machen.
Der Raser in der Mörfelder Landstraße scheint nicht so recht in eines der drei Profile zu passen. Mit einem teuren, schnellen Auto war er jedenfalls nicht unterwegs.
Was dort passiert ist, könnte sich auch nach einem erweiterten Suizid anhören. Oder eine Kurzschlussreaktion aufgrund eines massiven Überforderungserlebnisses.
Solche Fälle von Raserei haben sich in der jüngsten Vergangenheit gehäuft. Könnte den Menschen der Lockdown durch das Coronavirus aufs Gemüt schlagen?
Das könnte sein. Zumindest schränkt Corona drei Grundbedürfnisse von uns Menschen ein: die Autonomie, den Lustgewinn und das Bedürfnis nach Bindung und Beziehung. Das kann eine gewisse Unzufriedenheit verursachen. So wie ich mich innerlich fühle, so fahre ich auch. Die schnelle Fahrt ist dann ein Ventil für die eigene Unzufriedenheit.

Interview-Partner

Patrick Grieser ist Psychotherapeut und Verkehrspsychologe. Seit 2013 bereitet er Autofahrer:innen auf deren medizinisch-psychologische Untersuchungen (MPU) vor.

Erst im vergangenen November sind bei einer Raserei zwei Menschen ums Leben gekommen. Wieso wirkt eine solche Tragödie nicht abschreckend auf Raser?
Das wird bewusst ausgeblendet, weil jeder Raser der Ansicht ist, er sei ein guter Fahrer. Derjenige, der einen tödlichen Unfall hatte, war dann eben ein schlechter Fahrer. Der Raser selbst zweifelt nicht an seinen Fähigkeiten, und viele haben auch eine doppelte Buchführung.
Was heißt das?
Unter den Rasern, die bei mir eine MPU machen, sind zum Beispiel ganz viele Rechtsanwälte. Die sind eigentlich alle gesetzestreu und ordnungsliebend. Nur bei Verkehrsregeln ist das nicht so wichtig, da kann man eine Ausnahme machen.
Weil die Strafen für das schnelle Fahren nicht drastisch genug sind?
Ja, es müssten schon früher höhere Strafen gesetzt werden. Wer rast, rast ja immer, wird aber nur bei jeder 1000. Fahrt geblitzt. Ich merke das in meinen Schulungen. Bei Nachschulungen wird nur Zeit abgesessen, aber wenn der Führerschein weg ist, ist die Bereitschaft größer, auch etwas zu verändern. Ein Führerscheinentzug ist der Nährboden für eine Verhaltensänderung. Wenn kein Leidensdruck da ist, verändert sich der Mensch nicht.
Was passiert, wenn jemand zu Ihnen kommt, der einen anderen Menschen totgefahren hat?
Die Leute sind sehr stark in der Abwehr. Wie ein Eisblock. Sie versuchen, das zu verdrängen und leben in einer Scheinwelt, als sei das nicht passiert. Die Aufgabe ist, dieses Schutzschild zu durchdringen. Da muss man dann sehr stark verhaltenstherapeutisch arbeiten. Eindrücklich ist es auch, solche Kurse anzubieten wie in Nordrhein-Westfalen. Da kommen Angehörige von Unfallopfern zu Wort. Aber in Hessen ist das leider immer schwierig, für einen solchen Kurs eine Zertifizierung zu bekommen, dafür gibt es einen großen Verwaltungsaufwand.

(Oliver Teutsch)

Rubriklistenbild: © Theodor Popp/dpa

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