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"70 Jahre Menschenrechte" im Schauspiel: Animation zur Entstehung der Erklärung.

Menschenrechte

"Wir sind zu leise"

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Wachrütteln angesichts zunehmender Fremdenfeindlichkeit: 700 Menschen feiern im Schauspiel den 70. Geburtstag der Erklärung der Menschenrechte.

Es gibt immer wieder Momente in diesen Stunden, die im Gedächtnis bleiben. Wenn Edda, Claire und Ity-I, drei zehnjährige Mädchen, ihren trotzigen Rap „Rising Voices“ vortragen. „Wir wollen geachtet werden, nicht verletzt werden!“ Wenn der 2,01-Meter-Hüne und Präsident von Eintracht Frankfurt, Peter Fischer, sich ganz tief zum Mikrofon herabbeugt und über „Ausgrenzung und Homophobie“ im Fußballgeschäft spricht, über das Vorurteil „Nur bei Toren gehören sie zu uns.“ Wenn FR-Chefredakteurin Bascha Mika von der Lage der Frauen berichtet, die „in einigen Ländern weniger wert sind als eine Ziege“. Oder wenn sie bündig feststellt: „Frauen haben schon dreimal die Welt umrundet, und Männer stehen noch immer an der Bushaltestelle!“ 

In diesen Minuten herrscht betroffene Aufmerksamkeit im mit knapp 700 Menschen vollbesetzten Großen Haus des Schauspiels Frankfurt. Amnesty International feiert den 70. Geburtstag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948. Und es ist das Bemühen erkennbar, in Zeiten wachsender Fremdenfeindlichkeit wachzurütteln und die Besucher gleichsam mit einem Handlungsauftrag in die Nacht zu entlassen. Denn was am 10. Dezember 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen im Palais de Chaillot in Parois beschlossen wurde, wird heute vielfach infrage gestellt: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ – das bleibt heute in vielen Ländern der Erde Theorie. 

Markus N. Beeko, Generalsekretär von Amnesty International Deutschland, hält die Lage zwar weltweit für besser als vor 70 Jahren: „Millionen haben Rechte, die ihren Eltern verwehrt waren.“ Und doch beklagt Beeko „die Verbalattacken“ des Rechtspopulismus, das „offene Infragestellen“ von Menschenrechten. Jetzt gehe es „ganz dringend“ darum, zu sichern, was 1948 festgeklopft worden sei. 

„Wir sind zu leise“, stellt die Schauspielerin Shary Reeves ganz klar fest. Sie ruft aber auch dazu auf, mit den Rechtspopulisten und ihren Wählern „immer das Gespräch zu suchen“. Bei vielen, die rechts unterstützten, spielten Angst und ein „geringes Selbstbewusstsein“ eine Rolle. Viel Beifall gibt es, als sie feststellt: „Niemand verlässt freiwillig seine Heimat.“ 

Direkt aus den schwarz-grünen Koalitionsverhandlungen in Wiesbaden meldet sich der stellvertretende hessische Ministerprädsident Tarek Al-Wazir per Videobotschaft zu Wort. Er hält CDU und Grünen in Hessen zugute, dass sie gerade erst die Rechte von Kindern in der Landesverfassung verankert hätten. Der Staat könne die Menschenrechte nicht alleine verteidigen: „Das ist die Aufgabe eines jeden Einzelnen.“ 

Die Schauspielerin Michelle Barthel beklagt, dass die Repräsentanz von Frauen im Deutschen Bundestsag weiter abgenommen habe – auf nur noch 30,9 Prozent der Abgeordneten. Der Kampf für die Rechte von Frauen richte sich „nicht gegen Männer“. 

FR-Chefredakteurin Bascha Mika erinnert daran, dass die UN-Frauenrechtskonvention erst 1979 verabschiedet worden sei, also mehr als 30 Jahre nach der Erklärung der Menschenrechte. Noch immer warteten aber viele Frauen weltweit darauf, „Zugang zu Bildung, Macht und Einfluss zu bekommen“. 

Ganz wichtig bei der Soirée im Schauspiel ist aber auch die Musik. Ganz bewusst sind junge Musikerinnen und Musiker aus der Stadt ausgesucht worden. Großer Applaus schon für Patrick Hartmann und Michel Schemmel von der Bettinaschule, die ihren Song „Jeder ist Mensch!“ vortragen – und nicht nur von ihren Mitschülerinnen und Mitschülern gefeiert werden. 
Auch drei Mitglieder von „Bridges“ spielen: einer interkulturellen Musikinitiative, die Menschen mit und ohne Flucht- und Migrationshintergrund zusammenführt.

Im Jahre 2016 gegründet, kamen in etwa 200 Konzerten und musikpädagogischen Projekten schon mehr als 100 Musikerinnen und Musiker zusammen. An diesem Abend vertritt ein Trio die Initiative. Mustafa Jajour (Gitarre) besaß in Syrien eine eigene Musikschule, bevor er fliehen musste. Samira Mermezadeh (Harfe) ist Studentin an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst mit deutsch-iranischen Wurzeln. Und Arman Kamangar (Trommel) kam vor einigen Jahren aus dem Iran nach Deutschland. 

Die multikulturelle Stadt Frankfurt bringt aber auch „Brasil Connection“ auf die Bühne des Schauspiels, ein Projekt von Cabral Lobato, in dem brasilianische und Musikerinnen und Musiker aus anderen Ländern zusammenarbeiten. Sie spielen das Lied „Navegando no Ljexa“ („Segeln nach Ljexa“), eine Musik, die von nigerianischen Sklaven einst nach Brasilien gebracht worden war. 

Der Hausherr, Schauspielintendant Anselm Weber, freut sich über die vollbesetzten Reihen im Großen Haus. Die Menschenrechte brauchten die Solidarität der Künste, sagt er. Und der Spielplan von Schauspiel Frankfurt thematisiere die Bedrohung der Menschenrechte immer wieder, etwa im gerade gefeierten klassischen griechischen Drama „Die Perser“. Großer Beifall. 

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