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Alles ist erleuchtet: Manchmal weiß man gar nicht, wo man eigentlich hingucken soll.

Bilanz 2015

2,3 Millionen feiern am Museumsufer

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Weniger Besucher als im vergangenen Jahr - und dennoch zeigen sich die Veranstalter zufrieden mit dem Museumsuferfest 2015. 2,3 Millionen Menschen strömten am Wochenende zum Mainufer und viele auch in die Museen, um die kulturelle Vielfalt zu genießen.

Manchmal reicht eine kleine Geste aus, um einen intensiven Moment der Rührung zu provozieren. Djaduk Ferianto hat am ersten Abend des Museumsuferfests für einen solchen Moment gesorgt: Als nach einem grauen Freitag plötzlich die ersten Sonnenstrahlen das bärtige Gesicht des 51-jährigen Orchesterleiters aus Indonesien erreichen, setzt er die Flöte von seinen Lippen ab, verschließt die Augen und legt kurz die Hand auf sein Herz.

Vielleicht hat dieser Moment auch deshalb solch eine Kraft, weil Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) zuvor bei der offiziellen Eröffnung des Kulturfests auf der Indonesienbühne ein paar prägnante Worte gefunden hatte: Frankfurt, so hatte Feldmann gesagt, mache an diesen Tagen wieder einmal „die Arme auf“ für Menschen und Kulturen aus aller Welt. Und: Das indonesische Staatsmotto „Einheit in Vielfalt“ sei eigentlich auch als „Motto unserer Stadt“ zu verstehen.

Viel Applaus erhält das Stadtoberhaupt für diese einfachen Worte. „Einheit in Vielfalt“ – viele der Anwesenden dürften da an die rechten Stammtischparolen gedacht haben, mit denen dieser Tage im Internet und auf den Straßen Deutschlands gegen Flüchtlinge gehetzt wird. Wie befreiend es sich da doch anfühlt, diese Beklemmung für ein Wochenende abzuschütteln und stattdessen die Musik und Kunst, das Essen und die Sonne zu genießen – und das fröhliche Zusammensein mit Menschen, die vor Vielfalt keine Angst haben, sondern die ebenjene als eine große Bereicherung ansehen.

Rund 2,3 Millionen Besucher, schätzt Kurt Stroscher von der städtischen Tourismus & Congress GmbH, hat das Museumsuferfest mit seinen Hunderten Ständen, 19 Bühnen und 23 teilnehmenden Museen in diesem Jahr an die Mainufer gelockt. „Das ist ein tolles Ergebnis und es ist natürlich genial, dass wir mit unserem Fest jetzt noch einmal voll den Sommer erwischt haben“, schwärmt Stroscher.

Sonnenstrahlen – sie sollten das Fest während des Wochenendes prägen wie lange nicht mehr. Am Samstagmittag ist es mit mehr als dreißig Grad jedoch wohl selbst den hartnäckigsten Sonnenanbetern zu viel – und so landen einige, die das gar nicht geplant hatten, in den Gängen des ein oder anderen schattenspendenden Museums.

Anne van den Berg aus Idstein zum Beispiel: In die Schirn hat es die vierköpfige Familie nach eigenen Angaben nur deshalb verschlagen, weil man dort „der Hitze entkommen“ konnte. Die Führung durch die Ausstellung des US-amerikanischen Künstlers Doug Aitken hat den Idsteinern aber sehr gut gefallen. Ebenso die Ausstellung „In 80 Dingen um die Welt“ im Museum für Kommunikation, die von den vieren ebenfalls vor allem aus Schattengründen besucht wurde.

Um tropisches Wetter und den Umgang damit geht es auch bei der Ausstellung „Tropicality revisited“ im Museum für Architektur, die in Bezugnahme auf das diesjährige Gastland Indonesien ins Leben gerufen wurde. „Es fällt nicht schwer, sich die leichte Brise vorzustellen, die durch die Gebäude weht“, steht im Einleitungstext der Ausstellung neben den Bildern moderner indonesischer Betonbauten. Doch mehr noch als die Gebäude scheint die Besucher im dritten Stock des Architekturmuseums am Samstag der Blick auf den Main zu reizen – der Blick auf die glitzernden kleinen Wellen, auf die sich sonnenden Menschen, die ihre Füße übers Wasser baumeln lassen und auf die vielen bunten Stände hibb- und dribbdebach.

Die Angebote dieser Buden sorgen indes bisweilen für Verwunderung. Welche Festbesucher möchten sich in der Mittagshitze denn bitteschön über Möglichkeiten des Augenlaserns informieren? Wer möchte der „Ostalgie“ frönen und bei 33 Grad „Soljanka nach original Omas DDR-Rezept“ schlürfen? Oder sich die Zukunft aus den verschwitzten Händen lesen lassen?

Erträglicher ist es am Samstagmittag weiter westlich. Erst auf der Suche nach Schatten fällt einem auf, dass die Platanen hier etwas größer und kräftiger sind als anderswo am Mainufer. Oder wirkt das nur so? Auf jeden Fall kommt man in diesem Uferabschnitt, wo auf Einladung des Museums Giersch auch dieses Jahr wieder die Bouquinisten ihre Stände aufgeschlagen haben, etwas zur Ruhe. Jenseits des Holbeinstegs muss man sich nicht mehr zwischen Körperteilen und Taschen hindurchzwängen und auch nicht mit jedem zweiten Atemzug Frittierdampf einatmen.

Die Antiquariatsmeile ist der Ort auf dem Museumsuferfest, an dem sich Ellen Emmert am liebsten aufhält. Die Rentnerin aus dem Westend ist mit ihrem Mann gekommen, um nach Büchern für ihre Sammlung zu stöbern. „Paris geht immer“, sagt sie lächelnd und zeigt auf einen alten Bildband über Frankreichs Hauptstadt. Was Emmert an der Antiquariatsmeile schätzt, ist, dass auch viele „Händler von außerhalb“ – etwa aus Nord- oder Rheinhessen – kämen.

Rüdiger Jung vom Antiquariat Ludwig schaut derweil etwas geschafft aus, Schweißperlen zieren die Stirn des Buchhändlers. „Bei der Hitze läuft das Geschäft sehr verhalten“, sagt er. Aber es käme ja noch der Abend. Und außerdem habe er dieses Jahr besonders viele „Lustige Taschenbücher“ im Angebot – und die verkauften sich selbst in der Knallsonne wie warme Semmeln.

In eine andere Welt taucht ein, wer die Bücherhändler verlässt, über den Fluss schreitet und am Untermainkai auf die Mannschaften stößt, die sich für das Halbfinale des traditionellen Drachenbootrennens vorbereiten. Während die Sportler aufgeregt in die spitznasigen Boote steigen, frönen die Besucher, derer minütlich mehr ans Mainufer drängen, kühlem Bier und spritzigen Cocktails. Nur am kleinen Stand der Dame mit dem nepalesischen Chai-Tee bleiben die Besucher aus.

Und dann geht es los: Vier Mannschaften treten um 18 Uhr gegeneinander an und es sieht etwas martialisch aus, wenn die Trommler und Trommlerinnen zunächst kräftig ausholen, um mit ihren Holzstäben den Takt für die Ruderer vorzugeben. Ein bisschen erinnern die Boote an überdimensionierte Raupen, die sich mühsam durchs Wasser ziehen.

„Das ist spannend, mal was ganz anderes“, sagt eine Frau, die mit ihrem Mann extra aus dem Siegerland nach Frankfurt gekommen ist. Zufrieden schaut auch das Ehepaar Pleier aus dem Hunsrück drein, das einige hundert Meter weiter östlich gerade Tango getanzt hat. Die beiden finden es toll, dass an jeder Ecke des Fests andere Musik gespielt wird und wollen sich jetzt, wo die gleißende Sonne hinter den Hochhäusern verschwunden ist, „einfach treiben lassen“.

Am Stand des Jüdischen Museums wird gegen Abend etwas nachgeholfen. Während eines Klezmer-Workshops werden Passanten aus der Menge gefischt und zum Mittanzen bewegt. Ein Geiger und ein Klarinettist spielen „Hava Nagila“, was mit „Lasst uns glücklich sein“ zu übersetzen ist. Und der Name ist Programm: Die Leute tanzen im Kreis, lachen und beklatschen danach mit hochroten Köpfen die nicht weniger geplätteten Musiker.

Auf der anderen Seite des Mains spielt etwas später die „Sunshine Conspiracy“ warmen Gitarrenpop, während nebenan auf der Feinstaub-Bühne heftig gerockt wird. Ein paar Jugendliche machen Selfies vor der Skyline und gehen dann zur „We Love Frankfurt Stage“, auf deren Facebook-Seite am Sonntag dann vom „Ausnahmezustand“ die Rede ist. Und ein Stückchen weiter spielt jemand Leonard Cohens „Hallelujah“. Das Publikum ist einen Moment lang ganz still – noch so ein rührender Moment.

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