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Unzählige Daten liegen auf den Server-Einschüben im Rack.

Rechenzentren in Frankfurt

"Ein Wahnsinns-Wachstumsmarkt"

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Weil immer mehr in der Cloud gespeichert wird, entstehen viele neue Datenzentren in der Stadt. Ein Besuch in den Fabrikhallen des Internets.

Es ist nur ein kleines Schild, das an der Hanauer Landstraße im Frankfurter Osten auf eines der drei größten Rechenzentren in Deutschland hinweist. „Interxion Campus“ steht schwarz vor weißem Hintergrund. 

Wer hier abbiegt, kommt auf unwirtliches Gelände. Knapp vier Meter hohe Stahlzäune mit Natodraht säumen die Straßen, Bäume gibt es kaum, nur wenige Häuser haben Fenster. Wer durch die Türen in eines der 13 Gebäude von Interxion möchte, muss durch mehrere Sicherheitskontrollen. Fremde haben zunächst im Besucherzentrum ihren Personalausweis vorzulegen. Dann bekommen sie einen Kurzzeitausweis fürs Gelände. Über dem mit Panzerglas geschützten Arbeitsplatz der Empfangsdame steht: „Welcome to the cloud hub“ – „Willkommen im Zentrum der Wolke“. 

Torsten Dörendahl war früher Maurer, doch nachdem ihn sein Knie im Stich ließ, schulte er auf Sicherheitsmann um. Er ist ein untersetzter freundlicher Mann Mitte 50, trägt zum Dienst eine dunkelblaue Stoffhose, einen blauen Baumwollpulli mit V-Ausschnitt, ein weißes Hemd und eine rote Krawatte. Auf dem blauen Strickpulli trägt er einen dezenten Aufnäher seiner Firma. Er wird uns während des Besuchs nicht eine Minute aus den Augen verlieren. Doch er ist es auch, der uns die Türen öffnet. Die auf das Campusgelände, die ins Rechenzentrum FRA 10 und dann, zuletzt, die Tür zur Wolke sozusagen: zu einem der vielen Serverräume. Gehen darf er erst, als wir unsere Besuchsausweise wieder abgegeben haben. 

Auf mehr als 31 000 Quadratmetern bietet Interxion Serverfläche an, verteilt auf 13 Häuser. Große und kleine Unternehmen können hier ihre Datenspeicher nah an einer der weltweit größten Datenautobahnen parken. Vermietet wird ab der Größe von einem halben Schrank. Einige Firmen mieten aber auch gleich mehrere Hundert Quadratmeter. 

Der Campus Süd, zu dem auch FRA 10 gehört, ist eine gleichförmige Welt in beige und dunkelgrau. Die Häuser haben keine Fenster, doch überall beobachten Kameras, was passiert. Im Rechenzentrum FRA 10 gibt es auf vier Stockwerken je zwei Räume mit jeweils 600 Quadratmetern Serverfläche. In den angrenzenden Rechenzentren FRA 11, FRA 12 und FRA 13 sieht es ähnlich aus. Hinzu kommt für jedes Rechenzentrum ein ganzes Stockwerk mit Technik, um die Energiezufuhr auch beim Ausfall des öffentlichen Stromnetzes sicherzustellen. 

„Frankfurt ist der wichtigste Landeplatz für amerikanische und chinesische Tech-Unternehmen, die Europa erobern wollen“, sagt Mareike Jacobshagen. Die Marketing-Frau von Interxion trägt blondes kinnlanges Haar, eine eckige Hornbrille und eine schwarze Lackleder-Handtasche. Bekleidet ist sie mit einen hellbraunen Mantel über dem schwarzen Kostüm. 

Einen „Wahnsinns-Wachstumsmarkt“ nennt sie das Geschäft der großen Daten-Speicherzentren. Um dem Bedarf gerecht zu werden, baut Interxion am Ostparkkreisel, der die Autobahn 661 mit der Hanauer Landstraße verbindet, derzeit gleich zwei neue Rechenzentren. Beide sollen 2019 an den Markt gehen: FRA 14 und FRA 15.

Unterirdisch verbindet ein Ring aus Glasfasern die 13 Gebäude von Interxion miteinander. Gleich an der Hanauer Landstraße sind sie an Glasfasertrassen angebunden, die durch ganz Europa laufen. Und mit dem De-Cix hat auch der größte Datenknoten der Welt hier 13 von 30 Standorten in Frankfurt, an denen er die wichtigsten Internet-Service-Provider, Betreiber von Telekommunikationsnetzen und Anbieter von Internetdiensten vernetzt.

Es ist nicht leicht, sich zurechtzufinden in den eintönig beigefarbenen Gängen von FRA 10. Nicht einmal die Türen heben sich optisch von den Wänden ab. Auch Marketing-Frau Jacobshagen muss an einer Stelle nach der Ausgangstür suchen. „Hier haben sich schon viele verlaufen“, sagt der Sicherheitsmann mit einem Schmunzeln. Er habe schon vielen Besuchern den Weg gewiesen, sagt er, auch Mitarbeitern der Firma selbst. 

Hier ist Technik zu Hause. Nicht der Mensch. Logos oder Hinweise auf die Firmen, die hier Daten speichern, sucht man vergebens. Es gilt Geheimhaltung. Essen und Trinken sind strikt verboten.
Als wir aus dem Lastenaufzug in einem der Obergeschosse treten, sehen wir eine Sicherheitsfrau. Ähnlich manch einer Toilettenfrau sitzt sie in einer trostlosen Atmosphäre vor einer der vielen beigefarbenen Wände an einem kleinen Tisch und beobachtet, wer vorbeikommt. Viele sind das allerdings nicht. Sie macht das für einen der großen Kunden von Interxion. 

Für wen? „Ich weiß alles hier, aber ich darf nichts sagen“, sagt Dörendahl. Ihm und Jacobshagen sind Aussagen darüber verboten. Denn mit vielen Kunden gibt es vertragliche Geheimhaltungsvereinbarungen. Zu den großen Kunden zählen auch ein bekannter Suchmaschinenbetreiber und ein allen bekannter Online-Versandhändler. Aber die Worte Google oder Amazon fallen nicht. 

Und dann öffnet Dörendahl die Tür zur Wolke. Da, wo Cloud-Dienste arbeiten und eines der vielen Herzen des Internets schlägt, ist es laut und überhaupt nicht kuschelig. Es brummt permanent im Serverraum. Wer hier länger arbeitet, ist angehalten, seine Ohren zuzustöpseln. 
An der Decke hängen Reihen grell leuchtender Röhrenlampen. Wände, Decken und Boden sind ebenfalls beigefarben, es gibt kaum Ankerpunkte fürs Auge und nirgends einen Blick nach draußen. Ob Tag, ob Nacht, Sommer oder Winter – hier drinnen in der Wolke gibt es das nicht. Die Stromkabel liegen im Boden, die Kabel, die die Daten transportieren, werden unter der Decke in Metallkörben durch den Raum geführt. 

Das laute und immer gleichbleibende Summen ist das Einzige, was der Besucher von den schier endlos vielen Rechenoperationen der Computer mitbekommt, die wir Menschen etwa beim Video-Streaming zu Hause, bei Googeln am Büro-PC oder beim Online-Banking in Gang setzen. 
Der Maschinenraum des Internets ist die andere Seite der Medaille unserer smarten Datenwelt. Hier wird nichts dem Zufall überlassen. Sogar die Luft wird permanent überwacht. 
Verändert sich deren Zusammensetzung, bekommt die Sicherheitszentrale sofort einen Alarm. „Das kann auch schon mal passieren, wenn in den Räumen Wartungsarbeiten nicht angemeldet wurden“, sagt Torsten Dörendahl.

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