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Das Streetart-Bild an der S-Bahn-Station Mühlberg ist der Grünen Soße gewidmet. Es zeigt ihre Zutaten. Vollendet wurde es erst kürzlich.

Zufallstreffer

Am Mühlberg mit Mehmet und Mehmet

  • vonKilian Beck
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Ein Kioskbesitzer macht sich keine Sorgen, ob er den Lockdown übersteht, und ein Mechaniker hat alle Hände voll zu tun. Am Rand des Stadtteils wuchert es in den Schrebergärten.

Ein Mann auf seinem Liegerad rumpelt den Bordstein vor der Mühlberger Pilsstube hinauf. Er trötet und Mehmet, der Betreiber der Pilsstube, öffnet das Fenster zur Straße. „Was darf’s sein? Papiere, Tabak, Getränke?“, fragt Mehmet, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte. „Papierchen bitte!“, ruft der Radler ihm zu. „Keine Getränke?“ fragt Mehmet. „Nein, die sind mir zu schwer gerade“, antwortet sein Kunde. „Ich kann dir auch leere Flaschen geben“, lacht Mehmet, reicht dem Kunden das Zigarettenpapier und der lacht, tritt in die Pedale und braust die Offenbacher Landstraße entlang.

Mehmet unterhält sich gern mit seinen Stammkunden, erzählt er – auch wenn dieser eher kurz angebunden war. „Manche kenne ich schon seit Jahren“, sagt der 58-Jährige. Neben ihm, am Fenster seines Straßenverkaufs, prangt ein goldener Aufkleber zum zehnjährigen Bestehen der Pilsstube. „Zwölf Jahre sind es inzwischen“, erzählt Mehmet, er lächelt breit – nach jedem Satz. Mit seinen Stammkunden spreche er gerne mal über Politik oder mal über das Wetter.

Kilian Beck hat den Mühlberg getroffen.

Der Großteil derer, die an seinen Kiosk mit Blick auf die Türme der Frankfurter City kommen, seien Stammkunden. „Das sind gute Leute hier“, meint er. Manchmal gebe es von manchem „ein schlechtes Wort“, aber das gehöre eben auch dazu. Junge kämen genauso wie Alte zu ihm, das sei sehr bunt „gemixt“. Doch über eines redeten früher oder später alle: Corona.

„Ich vermisse die Leute bei mir in der Stube“, sagt Mehmet und lächelt etwas weniger. Nun muss er das Essen, das es sonst in der Stube geben würde, eben wieder zum Mitnehmen anbieten: Curry- und Rindswurst oder belegte Brötchen. Gefährlich werde ihm der Lockdown noch nicht, sagt er. „Ich mache mir keine Sorgen, dass ich zumachen muss.“ Mehmet lächelt wieder breiter.

Die Werkstatt hinter Mehmet Erdem gibt es länger, als er auf der Welt ist. Heute leitet er sie.

Gegenüber von Mehmets Pilsstube geht es vorbei an der Straßenbahnhaltestelle, an der Menschen aus einer ankommenden Tram steigen, zur S-Bahn-Station Mühlberg. An einer Straßenlaterne klebt ein Zettel: „Garten gesucht“ steht über einer Handynummer. Vielleicht ist damit die Hoffnung auf einen Schrebergarten in der Kolonie zwischen dem Main und den Gleisen verbunden. Von der Offenbacher Landstraße aus erspäht man Gärten mit Trampolinen oder mit Hochbeeten, in anderen steht auch nur eine Laube und das Gras wuchert etwas wilder. Die quadratischen Parzellen hinter einem verschlossenen Tor wirken trotzdem alle recht aufgeräumt. Einige Meter tiefer auf der Mainseite zeigt sich die Kolonie von einer anderen Seite. Hinter mehreren verschlossenen Toren führt ein Trampelpfad zwischen zwei ausufernden Hecken an den Schrebergärten entlang. Eine Motorsäge springt ratternd an. Noch ist der Pfad, in den sich ab und zu eine Steinplatte drückt, ohne Hilfsmittel begehbar. Hier gibt es wohl wenige Begegnungen – eine blaue Chirurgiemaske liegt im Unterholz.

Einige Schritte weiter lichtet sich das Dickicht: Ein Bächlein plätschert Richtung Main und trennt eine Zeile Schrebergärten vom Rest. Der einzige Übergang: zwei dicke Holzbalken. Sie knarzen beim Darüberlaufen. Das Bächlein ist – wie ein Blick auf eine Karte zeigt – ein Seitenarm des Bachs vom Buchrainweiher, der knappe eineinhalb Kilometer entfernt in den Main mündet. Den Bach hinauf wäre wenige Schritte weiter eine Kettensäge oder ein anderes Hilfsmittel nötig, um weiter auf dem Trampelpfad zu wandeln.

Die Grundschule am Mühlberg weist schon am Schultor auf die geltenden Abstandsregeln hin.

Der Rückweg auf dem Mühlberg führt um die gleichnamige Schule herum. Streng geordnet stapeln sich Container rund um den Pausenhof. Ab und zu dringen vergnügte Kinderstimmen über brummende Autos und ratternde Züge hinweg. Den Main hinauf löst das Grau der Häuser das Grün der Gärten ab. Zwischen den Fassaden öffnet sich ein Vorplatz. Eine Handvoll Autos macht sich dort breit. Vor dem Tor seiner Autowerkstatt sitzt Mehmet Erdem, er trägt Drei-Tage-Bart, Mütze und schwarze Arbeitskleidung. Heute müsse er sich um viele Reifenwechsel kümmern und einige Autos fit für den TÜV machen –„auch ein paar, bei denen er schon lange abgelaufen ist“, sagt er.

Rauchend sitzt er mit einem Kaffeebecher in der Hand zwischen einem Mini aus den 1980er Jahren und einem Mercedes aus den frühen 90ern. Erdem repariert gerne Autos: „Es wird zu viel verschrottet heutzutage“, seufzt er. Erdem erzählt von einer Kundin: „Die hatte ihren Außenspiegel schon machen lassen, weil die Versicherung das bezahlt hat, aber dann waren dem TÜV die Reifen zu schlecht. Dann hat sie gesagt, sie verschrottet das Auto jetzt.“ Die Kundin habe einen ansonsten guten Kompaktwagen gehabt. Erdem kann so etwas nicht nachvollziehen. „Gerade was Reifen angeht, geht es uns eh’ viel zu gut“, meint Erdem. Sein Reifenentsorger sehe regelmäßig die Reifen beim Abholen durch. „Oft ist’s dann so, dass er welche findet, bei denen er kein Geld für die Entsorgung nimmt“, erzählt er.

Das Bächlein durch die Kleingartenkolonie.

Der kleine Hof des Werkstattgeländes ist vollgepackt mit Autos, vom himmelblauen Frontmotorsportwagen aus dem letzten Jahrtausend über einen graues Exemplar der SUVs, die seit einigen Jahren die Straßen fluten, bis zum sportlichen Kompakten, der aussieht, als wäre er gerade vom Band gerollt. Wer im Viertel sein Auto reparieren lassen müsse und nicht direkt ganze Module getauscht bekommen will, komme zu den Erdems. „Ich mach alles, was ich kann, und wenn ich mal was nicht kann, dann sag ich das auch gleich“, sagt Erdem, der bereits die zweite Generation im Familienbetrieb bildet. Seine Cousine, sein Vater und sein Onkel arbeiten auch in der 1988 eröffneten Werkstatt.

Noch ein kurzes Foto und Erdem verschwindet schon wieder in der Werkstatt. Leider hat er keine Zeit mehr, um Fragen nach den Perlen auf seinem Hof zu beantworten. Zum Beispiel, ob der dunkelblaue Mini, der sein Dasein momentan noch auf unterschiedlichen Felgen fristet, noch einheitliche spendiert bekommt.

Der 58-jährige Mehmet steht seit zwölf Jahren in seinem Kiosk.

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