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Für viele Menschen hält das Alter nicht nur Einsamkeit, sondern auch Armut bereit.

Altenhilfe

Altersarmut nimmt deutlich zu

  • Steven Micksch
    vonSteven Micksch
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Immer mehr ältere Menschen sind in Hessen auf Grundsicherung angewiesen.

Das Thema Armut ist selten das erste, auf das man kommt, wenn man an Deutschland denkt. Das eigentlich reiche Land schafft es nicht – wie viele andere Länder auch –, alle Menschen am Reichtum teilhaben zu lassen. Tatsächlich hat das Armutsrisiko einen neuen Höchststand erreicht. Laut Statistischem Bundesamt lebt jede sechste Person in Deutschland an der Armutsgrenze (aktuell 1074 Euro bei einem Einpersonenhaushalt): der höchste Wert seit Beginn der Erfassung der Statistik im Jahr 2005.

Zwar liegt das größte Risiko in den Altersgruppen unter 18 Jahren sowie zwischen 18 und 25 Jahren. Doch gleich dahinter kommt die Gruppe der 65-Jährigen und älter. Eine Tendenz, die seit Jahren zunimmt und sich beispielsweise auch in Frankfurt widerspiegelt.

Nach Statistiken der Stadt stieg die Zahl der Grundsicherungsempfänger:innen, die 65 Jahre oder älter sind, von 9645 im Jahr 2015 auf mittlerweile 11 242 im August 2020. Rechnet man noch die Menschen dazu, die in Heimen leben und Grundsicherung beziehen, steigt die Zahl sogar auf 12 848. Die Tendenz der vergangenen Jahre ist klar steigend. Welche konkreten negativen Auswirkungen die Corona-Pandemie oder aber welche positiven Effekte die Grundrente haben könnte, die es ab 2021 geben wird, kann man im Frankfurter Sozialdezernat noch nicht genau abschätzen.

Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) sagt: „Wir beobachten das Thema Altersarmut sehr aufmerksam. Wenn Menschen jetzt pandemiebedingt arbeitslos werden, wird das leider auch Auswirkungen auf deren Rentenbiografie haben. Bisher fangen aber Kurzarbeitsregelungen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie gut ab.“ Die Anstiege der zurückliegenden Jahre haben viel mit der demografischen Entwicklung zu tun. Die Lebenserwartung der Menschen ist gestiegen. Sie werden immer älter und neu ins Rentenalter eingetretene Menschen, die dann vielleicht ebenfalls Grundsicherung erhalten, summieren sich auf.

Frauen machen dabei den Hauptteil in der Statistik aus. Rund 54 Prozent der 12 848 Anspruchsberechtigten im August 2020 sind weiblich. Ein Grund dafür sei, dass Frauen oft lange Zeit nur teilzeitbeschäftigt gewesen seien und nun geringere Rentenansprüche hätten. Früher reichte das Gehalt des Mannes aus, die Frauen blieben zu Hause und kümmerten sich um die Familie. Das minderte die Rente.

Um die Situation der bedürftigen älteren Menschen in Frankfurt zu verbessern, gebe es deshalb etwa Zuschüsse an Träger der freien Wohlfahrtspflege, die Altenclubs und Altentreffs organisierten. Und man biete vergünstigte, teilweise auch kostenlose Teilnahme an Seniorenfahrten sowie Besuche von Theatervorstellungen für Senioren an. Auf der finanziellen Seite stünden etwa die Übernahme von Pflegekosten, wenn die Leistungen der Pflegeversicherung oder das eigene Einkommen dazu nicht ausreichten, sowie eine Bezuschussung des Essens auf Rädern für Bedürftige.

Ein weiteres besonderes Angebot der Stadt ist der kostenfreie Frankfurt-Pass, den Bürger mit geringem Einkommen beantragen können. Mit diesem erhalten Erwachsene für einen geringen Kostenbeitrag Eintritt in städtische Hallen- und Freibäder, Zoo und Palmengarten. Ermäßigte Preise gibt es zudem für die Eissporthalle, städtische Museen, Theater und Kurse der Volkshochschule. Ermäßigte Monats- und Jahreskarten für den öffentlichen Personennahverkehr können mit dem Pass ebenfalls erworben werden.

Auch das hessische Sozialministerium vermeldet für 2019 Zahlen, die höher liegen als noch im Jahr zuvor. Das Armutsrisiko für ältere Menschen ab 65 Jahren liege demnach bei 15,9 Prozent. Es liegt damit fast im deutschlandweiten Durchschnitt (15,7), aber eben höher als 2018. Damals lag die Quote für Hessen bei 14,9 Prozent.

Deutlicher wird es, wenn man die Zahlen auch hier nach Geschlechtern trennt. Frauen in Hessen ab 65 Jahren hatten 2019 ein Armutsrisiko von 17,8 Prozent (2018: 16,8). Bei Männer dieser Altersklasse lag es im vergangenen Jahr bei 13,7 Prozent (2018: 12,7).

Aus dem Sozialministerium heißt es dazu, dass „ältere Menschen heute in Hessen im Allgemeinen gut gestellt und versorgt sind“.

Hoffnungsvoll stimmt die Landesregierung, dass Analysen zu Lebens- und Erwerbsverläufen – insbesondere von Frauen im mittleren Lebensalter – zeigen, dass die heute 45- bis 50-jährigen Frauen durch ihre stärkere Erwerbsorientierung höhere Altersrenten erwarten können als die der Vorgängergenerationen.

Der Sozialverband VdK Hessen-Thüringen fordert die Politik auf, endlich den Kampf gegen die Altersarmut entschlossen aufzunehmen. Dazu sollte der Mindestlohn auf 13 Euro pro Stunde angehoben werden und das Rentenniveau auf 50 Prozent angehoben werden. Zudem sieht es der Sozialverband als unabdingbar an, die Abschläge von bis zu 10,8 Prozent bei der Erwerbsminderungsrente zu streichen.

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