Die Warte "Affenstein" auf dem Campus Westend.
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Die Warte "Affenstein" auf dem Campus Westend.

Frankfurt

Die alte Stadt kommt aus ihrem Versteck

  • vonClaudia Michels
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Im Frankfurter Boden ist die alte Stadt versteckt. Immer wieder stoßen Bauarbeiter auf alte Mauern und Bauten der Wehrhaftigkeit. Frankfurts Denkmalamt dokumentiert seine Arbeit mit einem Faltblatt.

Im Frankfurter Boden ist die alte Stadt versteckt. Immer wieder stoßen Bauarbeiter auf alte Mauern und Bauten der Wehrhaftigkeit. Frankfurts Denkmalamt dokumentiert seine Arbeit mit einem Faltblatt.

Wenn Andrea Hampel, die Leiterin des Frankfurter Denkmalamts, ihre Arbeit vorstellt, dann steht sie gewöhnlich bis zur Brust in einem Erdloch. Das Bild der Archäologin in den hohen Filzstiefeln ist häufig zum Schrecken der immer eiligeren Bauherren geworden.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, findet Andrea Hampel in Baugruben nämlich immer etwas; historische Zeugnisse zum Beispiel, die man oberirdisch vermisst. Sogar Mauern von allerwichtigster Bedeutung zeichnen sich dann ab, denn die Expertin sucht nach Resten der durch die Zeiten immer weiter gezogenen Schutzwälle um die Stadt. Vom 9. Jahrhundert an versteckte sich Frankfurt vor seinen Feinden.

Im Frankfurter Boden ist die alte Stadt versteckt

Wohl den größten Ärger bekam die Ausgräberin 2008, als sich dem Baufortschritt der neuen Uni an der Hansaallee ein trutziger Bruchstein-Turm entgegenstemmte. Vergeblich mühte sich die Uni, das Gemäuer, von der Expertin als die gesuchte Warte „Affenstein“ identifiziert, zum „Eiskeller“ runterzureden. Es war etwa zur gleichen Zeit, als Archäologin Hampel tief unter der Hochstraße 40 Meter akkurat gearbeitete Stadtmauer hervorholen ließ, obwohl doch die Mainova dort ihr neues Umspannwerk in der Wallanlage versenken wollte.

Im Frankfurter Boden ist die alte Stadt versteckt, zeigte sich in all den Jahren. Am Mittwoch hat das Denkmalamt eine Dokumentation dazu vorgestellt. Seine Erkenntnisse über „Die wehrhafte Reichsstadt“ hat das Amt auch in den Baulöchern gewonnen. Das Faltblatt spart die Konflikte aus; im Zweifel setzt sich ohnehin die amtliche Sichtweise durch.

Kasematten wurden zum Publikumsrenner

So hockt die Warte „Affenstein“, im 15. Jahrhundert ein Aussichtsturm der Frankfurter Landwehr, jetzt ohne Aussicht aufs Gelände in der Bibliothek eines Uni-Neubaus – dem der Gesellschaftswissenschaften. Und ein sensationelles Fundstück der vergangenen Jahre, der im 17. Jahrhundert angelegte unterirdische Wehrgang der Kasematten an der Bleichstraße, behinderte zwar ebenfalls den Neubau der Waisenhaus-Stiftung. Dann aber wurden die Wartelisten für Besucher lang und länger, denn die Befestigungsanlage wurde erhalten und zum Publikumsrenner.

Die erste Frankfurter Stadtmauer haben die Karolinger angelegt; mehr als einen Halbkreis um den Domhügel mussten sie nicht befestigen, denn schon die Braubach (heute Braubachstraße) bildete im 9. Jahrhundert nach Norden die Grenze der Siedlung. Von dieser Mauer haben die Archäologen nichts mehr gefunden. Dagegen ist vom nächsten Befestigungsring ein Stück übrig: Die fast 700 Jahre alte Staufermauer nahe der Zeil steht seit den Kriegszerstörungen sogar frei. Auf 70 Metern Breite erheben sich die Kalksteinbögen über die Fahrgasse. Laut Denkmalamt wurden sie so hoch aufgerichtet, weil die Gefahren wuchsen: Die Bürger hatten auf die Erfindung der Armbrust zu reagieren.

Sockel des "Mönchsturm" kommt zum Vorschein

Von der staufischen Befestigung um eine auf die doppelte Größe gewachsene Stadt kam jüngst beim Umbau der Kurt-Schumacher-Straße der Sockel des „Mönchsturms“ zum Vorschein. Der – direkt neben dem Dominikanerkloster – hatte eine ähnlich kecke Spitze wie der Eschenheimer Turm von 1426. Der behauptet sich als vorvorletzter Zeuge einer einst aus 60 Exemplaren bestehenden Türme-Familie und ist laut Faltblatt auch „der größte und schönste Turm von allen“. Etwa auf der Seite von „Lorey“-Haushaltswaren verlief die Stadtmauer mit Wehrgang, zu der der Eschenheimer Turm gehörte. Bis 1627 wurde diese Stadtgrenze weiter befestigt – auch der Rententurm am Fahrtor, Stadteingang von der Anlegestelle am Main, zeugt davon.

Als letzter waltete hier der legendäre Festungsbaumeister Johann Wilhelm Dilich seines Amtes. Er ließ die Bastionen und Sternschanzen anlegen, die heute noch als Zickzacklinien den grünen Wall-Gürtel zur Straße begrenzen. Dem Baumeister Dilich war Andrea Hampel beim Fund der Kasematten an der Bleichstraße auf die Spur gekommen.

Auch hinter dem Jüdischen Museum am Untermainkai, wo der nächste Neubau hin soll, wurde im Boden ein Rest der barocken Stadtmauer gefunden. Und natürlich: Ehe das Museum gebaut werden kann, muss dort ein weiteres Mal gegraben werden.

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