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Stephan Pauly im Opernsaal.

Kultur

Alte Oper: „Wir präsentieren Musik, die eine Haltung ausdrückt“

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Stephan Pauly, Intendant der Alten Oper, über seinen Abschied, die Konkurrenz der sozialen Medien und den Umbau des Konzerthauses

Herr Pauly, Sie haben nach sieben Jahren als Intendant der Alten Oper angekündigt, Frankfurt zu verlassen und in Wien ab Sommer 2020 den traditionsreichen Musikverein zu führen. Was bietet Wien, das Frankfurt nicht bieten kann?  
Das ist gar keine komparative Situation. Als ich von der Salzburger Stiftung Mozarteum 2012 zur Alten Oper gewechselt bin, da ging es auch nicht darum, dass es hier etwas gibt, dass es dort nicht gab. Es sind unterschiedliche Welten. Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien mit dem Musikverein als Gebäude ist etwas sehr anderes als die Alte Oper …  Es ist eine sehr traditionsreiche Einrichtung, was ja auch nicht einfach sein kann. Das ist manchmal vermintes Gelände. Die Tradition ist in diesem Haus besonders stark verwurzelt, weil sich viele Komponisten sehr eng mit dem Haus verbunden gefühlt haben. Es gibt ja nicht nur das Konzertgeschehen, sondern auch ein großes Musikarchiv, eine Instrumentensammlung. Insofern ist Musikgeschichte dort sehr zu Hause. 

Ist das die besondere Herausforderung, die sie gereizt hat?  
Es ist eine besonders schöne Möglichkeit. Die Archive und die Sammlung und die tollen Konzertmöglichkeiten – das ist insgesamt etwas, das es auf der Welt sonst nicht mehr gibt. 

Als sie 2012 nach Frankfurt kamen, hatten Sie sich einiges vorgenommen. Sie wollten Kinder und Jugendliche stärker in den Fokus nehmen, die musikalische Erziehung stärken. Haben Sie erreicht, was Sie wollten?    
Künstlerische Planung und Nachdenken über die Alte Oper haben sich nicht alleine in meinem Kopf abgespielt. Es hat sich durch die Arbeit im Team und mit den Künstlern eine schöne Programmgestalt entwickelt. Wir sind damit noch nicht am Ende. Wenn ich in Frankfurt geblieben wäre, und das hätte ich, wenn sich die Möglichkeit in Wien nicht ergeben hätte, sehr gerne getan, hätten wir an weiteren neuen Themen gearbeitet. Aber ich bin ja auch noch die zwei Spielzeiten 2019/20 und 2020/21 verantwortlich. 

Was hat sich nicht erfüllt für Sie von ihren Plänen 2012? 
Ich denke so gar nicht. Das ist ein lebendiger Prozess. Ziele verändern sich. Es ist organisch. Es hat sich ein Team entwickelt, es entsteht eine Diskussionskultur. Wir hatten keinen Masterplan. 

Die Alte Oper hat die starke Konkurrenz der sozialen und anderer Medien. Sie müssen sich behaupten. Wie gelingt das?  
Dadurch, dass die Menschen die Erfahrung machen, dass es etwas Tolles, Vitales, Notwendiges, Bereicherndes ist, echte Menschen auf einer echten Bühne zu erleben. Und zwar live und nicht im Internet. Das echte, berührende Erlebnis von Kunst ist lebenswichtig. Kunst heißt in unserem Falle Musik. Aber ich würde das allgemeiner fassen. Die Unmittelbarkeit von Performern, einem Gemälde oder einer Skulptur wird immer wichtiger werden in der Fragmentierung, der Digitalisierung und Beschleunigung unseres Lebens. 

Lesen Sie dazu: Michael Wollny und Vilde Frang in der 38. Saison der Alten Oper

Diese Unmittelbarkeit besteht gegen die Konkurrenz?  
Ich will Ihnen mit einem Beispiel antworten. Letzte Woche hatten wir die Johannespassion von Bach in unserem Haus, ein Konzert gemeinsam mit den Frankfurter Bachkonzerten, in einer szenischen Version des Regisseurs Peter Sellars, mit Sir Simon Rattle als Dirigent. Es war komplett ausverkauft. 2400 Menschen haben drei Stunden lang mit angehaltenem Atem, in totaler Stille und gemeinsamer Konzentration diesem Geschehen beigewohnt. Es war ein außergewöhnlicher Abend. Die Bach’sche Passion war von den Tempi her so verlangsamt, dass Musikstücke und Rezitative wie Inseln im Raum standen. Es herrschte sehr viel Stille an diesem Abend. Atemloses gemeinsames Hören. Das kann Unmittelbarkeit bedeuten. Das gewinnt gegen jede virtuelle Vermittlung. 

Man sagt, das Publikum gerade bei der Klassik werde immer älter. Wie halten Sie dagegen?  
Erstens stimmt das nicht für jedes Konzert. Es kommt darauf an, in welche Kategorie man schaut. Dennoch haben Sie recht: Es ist ganz wichtig, auch die junge Generation für Konzerte zu begeistern. Wir tun Unterschiedliches. Zwei Schlaglichter: Wir machen ein großes Programm für Kinder, Familien und Jugendliche. Das hat mittlerweile mehr als 38 000 Teilnehmer pro Jahr. Das ist Programm für die junge Generation und kein Marketing-Tool, damit sie sich als Erwachsene Tickets kaufen. Das Zweite, was wir tun, ist die Format-Arbeit. Wir versuchen, unseren Beitrag zu leisten für die Zukunft des Konzertes als Kunstform. Wir denken über neue Formate nach, die aus dem Alltag herausführen. Wir wollen auch Menschen erreichen, die sonst nicht ins Konzert gehen. 

Sie haben das inhaltliche Spektrum erweitert. Kürzlich hatten Sie die berühmte Performance-Künstlerin Marina Abramovic zu Gast. Das war früher so in der Alten Oper nicht zu sehen. Also eine Erweiterung, oder?  
Ja, Erweiterung ist der richtige Begriff. Weil natürlich im Zentrum meiner acht Jahre, die ich hier am Ende verantwortet haben werde, das reguläre Konzertgeschehen steht und stand. Sie können in unserem Programm jedes Jahr die führenden Dirigenten der Welt erleben, Die Top-Orchester, die besten Pianistinnen und Pianisten. Das ist unsere erste und vornehmste Aufgabe: die künstlerische Exzellenz. Und dann gibt es andere Formate zur Ergänzung wie Marina Abramovic … 

Sie kommen dann in den Grenzbereich der Kunst. Soll das in Zukunft so sein, oder war das eine einmalige Sache mit Abramovic?  
Wir haben früher schon Kooperationen gehabt über die Grenzen hinweg, mit dem Mousonturm, mit dem Literaturhaus, mit dem Filmmuseum. Wir haben die Türen in viele Richtungen aufgestoßen. Aber das klassische Konzert bleibt im Zentrum. Das ist unverzichtbar. Es ist toll, wenn 2400 Menschen einer Pianistin zuhören. 

Jazz ist auch ein wichtiges Element, das Sie gestärkt haben. Sie haben die neue Reihe mit außergewöhnlichen Musikern im Mozartsaal gemacht, die sehr gut angenommen wurde.  
Genau. Hans-Jürgen Linke kuratiert die für uns. Das ist super, eine tolle Farbe in der Spielzeit. Es gibt mitreißende und ungewöhnliche Auftritte. 

Sie hatten die Sanierung des Hauses und einen Umbau des Foyers geplant, das ist noch nicht in Gang gekommen. Woran liegt das?  
Instandhaltung und Sanierung an der Alten Oper gibt es ja schon lange, stets in den Sommerferien. Da sind große Summen investiert worden. Wir sind nie in einen Sanierungsstau gekommen. Etwas anderes ist der Umbau des Foyers der Ebene 2, das soll ein Zugewinn von räumlichen und programmatischen Möglichkeiten werden. Wir werden da von der Marschner-Stiftung und der Cronstetten-Stiftung unterstützt. 

Es hat sich aber verzögert. Warum?  
Weil es aus technischen Gründen mit der Brandschutzsanierung verbunden ist. Das kann man nicht separat realisieren. Brandschutz und anderes ist außerordentlich komplex, deshalb musste der Umbau des Foyers stets mit verschoben werden. 

Wann kommt der Umbau?  
Ich gehe vom Sommer 2020 aus. Und er wird dann auch abgeschlossen werden. Es gibt einen Entwurf für das Foyer vom Frankfurter Architekturbüro Jourdan/Müller. 

Was werden Sie vermissen an Frankfurt?  
Vieles. Als Allererstes mein tolles Team. Viele sind ganz lange dabei. Die Stadt, weil Frankfurt eine liberale, offene Stadt ist. Ich genieße das sehr. Dann die Kooperation mit den anderen Kulturinstitutionen. Wir treffen uns oft. Die Stadt ist durchlässig und beweglich. Unprätentiös. Auch, was die Vertreter der Stadt angeht. Die Zusammenarbeit war bereichernd. 

Haben Sie etwas bemerkt vom neuen Rechtspopulismus? 
Überhaupt nicht. Wir haben allerdings darauf Wert gelegt, in der Saison 2019/2020 in den künstlerischen Programmen uns reflektierend zu verhalten. Das Musikfest dreht sich um Beethovens Eroica und führt nicht umsonst den Untertitel Musik als Bekenntnis. Wir präsentieren Musik, die eine Haltung ausdrückt. Beethoven hat in dieser Musik seiner Überzeugung Ausdruck verliehen für eine freiheitliche Gesellschaft freier Bürger nach der Französischen Revolution. Diese Sinfonie ist Trägerin einer Botschaft. Wir verstehen die Alte Oper nicht als Insel in der Gesellschaft.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

Zur Person

Stephan Pauly wurde 1972 in Köln geboren. Er studierte in München und Rom Philosophie und Theologie sowie Theater- und Opernregie. Er war persönlicher Assistent des Regisseurs und Staatsintendanten August Everding in München. In der Wirtschaft arbeitete er bei der Unternehmensberatung McKinsey & Co. 2004 wurde er kaufmännischer Geschäftsführer und künstlerischer Leiter der Stiftung Mozarteum. Seit März 2012 ist er Intendant der Alten Oper. (jg)

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