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Das soll Zonen-Gabys Jacke sein. Ist sie nicht. Die Position des Labels verrät den Fake.

40 Jahre Titanic

Alles Lüge, deine Zonen-Gaby

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Die „Titanic“ präsentiert in einer Ausstellung 40 Jahre Titelbilder - mit vielen lustigen Rechtsstreitigkeiten und einer faustdicken Jacken-Lüge.

Es gibt nur wenige Covergirls, die das Bewusstsein dieses unseres Landes erweitert haben. Zonen-Gaby gehört zweifellos dazu. „Zonen-Gaby ist eine fiktive Person, die im November 1989 auf dem Titelbild der westdeutschen Satirezeitschrift ’Titanic‘ zu sehen war“, informiert das Internetlexikon Wikipedia, das Gaby einen eigenen Eintrag widmet.

Zonen-Gaby ist folgerichtig auch die Ikone der Caricatura-Ausstellung „40 Jahre Titanic“, die am 2. Oktober eröffnet wurde. Allenthalben und in diversen Variationen blickt einen von den Museumswänden die Frau mit 80er-Afro und DDR-Ausreisekluft an, die eine gepellte Salatgurke in den Händen hält und Freudentränen über ihre „erste Banane“ weint. Zonen-Gaby in Warhol-Variationen auf Juteeinkaufstaschen, Zonen-Gaby auf Kaffeetassen. In einer Vitrine präsentieren die Ausstellungsmacher eine deutlich als Fake zu erkennende angebliche Originalbananengurke, daneben die angebliche Originaljacke, etwas schlampig als die von „Zonen-Gabi“ ohne Ypsilon kuratiert. Vergleicht man das Originalcover von 1989 allerdings mit der ausgestellten Jacke, erkennt man auch ungeschulten Auges: Es ist die gleiche, aber nicht dieselbe.

Nicht alle Titelbilder haben es bis vor Gericht gebracht. Einige noch nicht mal in die Ausstellung.

Alles Lüge? Ja, aber Satire darf das. Satire darf vieles. Aber auch nicht alles. Darüber informiert die Wand der Skandale in der Museumsgalerie, in der die Macher die schönsten Gegendarstellungen und Unterlassungserklärungen der Magazingeschichte gesammelt haben. Sie informiert zudem darüber, dass die Lüge oft viel schöner als die Wahrheit ist. „Unwahr ist, dass es in dem Senioren-Freizeitpark eine Ausstellung mit Mottenfallen gebe, wahr ist, dass sich eine Ausstellung mit Mottenfallen im Senioren-Freizeitpark nicht befindet“, stellt dort etwa der Seniorenfreizeitpark Borken mit juristischer Unterstützung richtig. In singulärer Schönheit macht direkt daneben die einstweilige Verfügung von McDonald’s Appetit auf mehr: „Mc Donald’s hat niemals ein ,Happy Yew Menü‘, eine ,Junior Tüte mit drei Happy Yews aus Latex‘, einen ,Yellow-Star-Cheeseburger‘ oder eine ,sternförmige Scheibe Cheddar-Käse‘ angeboten. Das Verpackungsmaterial der McDonald’s-Produkte ist nicht mit der Original-Schindler-Liste bedruckt.“ Allein dieses Zeitdokument lohnt schon den Ausstellungsbesuch.

Für juristischen Ärger haben „Titanic“-Titelbilder schon immer gesorgt. Mitunter hat dieser Ärger ihnen auch erst Bedeutung verliehen. Etwa im Juli 2012, als die „Titanic“ in Anspielung auf Vatileaks titelte: „Halleluja im Vatikan – Die undichte Stelle ist gefunden!“- und dazu dem Ratzepapst einen Urinfleck auf die Soutane fotoshopte. Humoristisch eher am unteren Ende der „Titanic“-Skala anzusiedeln, feierte dieser Titel enorme Erfolge: Eine Unterlassungserklärung, erfochten und später wieder zurückgenommen von den Leibadvokaten des Heiligen Vaters Papst Benedikt XVI himself, eine Rüge vom Deutschen Presserat und jede Menge beleidigter Katholiken gaben der „Titanic“ publizistischen Auftrieb.

„TITANIC“-TITELAUSSTELLUNG

40 Jahre Titanic – Die endgültige Titelausstellung ist noch bis zum 2. Februar in der Caricatura, Weckmarkt 17, zu sehen.

Öffnungszeiten sind dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, mittwochs von 11 bis 21 Uhr, montags geschlossen.

Die Ausstellung zeigt 67 Originalzeichnungen und -entwürfe zu Titelbildern, 117 Originalhefte, 168 Titeldrucke, 17 Objekte und Requisiten aus der Redaktion, 15 Dokumente zu juristischen Verfahren, 3000 digitalisierte Vignetten von Hilke Raddatz, zwölf verbotene Hefte und zehn Archivvideos, und natürlich Zonen-Gaby.

Eröffnung ist am heutigen Mittwoch um 18 Uhr. Festredner sind die Ex-Chefredakteure Oliver Maria Schmitt und Martin Sonneborn. Es spielt die Blassportgruppe. Bereits um 15.30 Uhr empfängt OB Peter Feldmann die Verantwortlichen im Kaisersaal, um 16.30 soll eine „festliche Parade“ zur Museumsbühne am Mainkai durch die Altstadt ziehen. Statt Kranzaufhängung soll laut Achim Frenz nun „der Elch angebetet“ werden.

Das Buch zur Ausstellung: „40 Jahre nur verarscht – Das endgültige Titelbuch“, Verlag Antje Kunstman, 416 Seiten, 40 Euro, mit Zonen-Gaby auf dem Titelbild. 

Und der mäßige Kalauer hallt bis heute nach: Groß ist der Ärger bei Museumsleiter Achim Frenz und dem aktuellen „Titanic“-Chefredakteur Moritz Hürtgen, dass Bürgermeister und Kirchendezernent Uwe Becker (CDU) ihnen verboten habe, zur Eröffnungsfeier der Ausstellung einen Huldigungskranz an einen Kran zu hängen, weil auf dem Kranz auch das umstrittene Cover zu sehen sei. Für Frenz ein „ungeheurer Vorgang“ und „Eingriff in die Kunstfreiheit“, und auch Hürtgen moniert, dass ihm das Zusammenspiel „von Baukränen und religiösem Fanatismus bislang nur aus dem Iran bekannt“ gewesen sei. Ganz so hoch sollte man die Sache aber nicht hängen, denn ein Anruf bei Becker schafft Klarheit: Er empfinde es als „unpassend“, sagt der Kirchendezernent, dass die Organisatoren zum Aufhängen der papstkritischen Fragwürdigkeit ausgerechnet den Kran der Dombaustelle hätten in Beschlag nehmen wollen. Die könnten ja hängen, was und wo sie wollten, aber ihn als Kirchendezernenten könne niemand zwingen, dafür auch noch Kräne zur Verfügung zu stellen – und bei Gott, da hat der Mann nun auch wieder recht.

Zumal die „Titanic“ sich bis heute hartnäckig weigert, der Häresie abzuschwören. Die aktuelle Ausgabe des Satiremagazins zeigt den aktuellen Heiligen Vater im SUV-ähnlichen Papamobil, dazu die Aufforderung „Schickt die Klimasau zur Hölle“, Amen.

Noch vor dem Stellvertreter Gottes auf Erden rangiert in den „Titanic“-Titelbild-Charts lediglich der Gröfaz. Das Frankfurter Magazin ist vermutlich das einzige, dass im direkten Vergleich noch mehr Hitler-Titelbilder als der „Stern“ präsentiert hat. Ob dem wirklich so ist, bleibt eine Frage, den leider auch diese Veranstaltung nicht beantwortet. Aber auch andere Fragen bleiben offen. Etwa die, die die Redaktion einst selbst auf einem Führer-Cover stellte: „Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?“

Auf manche Fragen gibt es auch keine einfachen Antworten. „Wo habt ihr die Frauen versteckt?“, will eine Journalistin wissen, und Hürtgen antwortet, dass die „Titanic“ schon seit jeher ein „Männermagazin“ gewesen sei, in dem die Weiber nichts zu suchen hätten. Da ist wohl was dran, zumindest lebt die einzig relevante „Titanic“-Redakteurin Simone Borowiak mittlerweile unter dem Vornamen Simon als Mann. Aber es gibt auch eine andere Wahrheit. Die verrät Tim Wolff, ehemaliger „Titanic“-Chefredakteur und Kurator der Ausstellung, in einem an die Pressevertreter verteilten „Multiple-Choice-Interview zur freien Verwendung“: „Die ganze Ausstellung … ist nur ein Vorwand, einer Frau zu huldigen: Hilke Raddatz. Denn ohne sie sähe ,Titanic‘ seit 40 Jahren nicht aus wie ,Titanic‘. Sie hat Monat für Monat die ,Briefe an die Leser‘ illustriert, weit über 3000 Vignetten, feine Karikaturen, sensible Porträts angefertigt. Man kann alle in der Ausstellung vor sich Revue passieren lassen – und sich hinterher nur vor dieser Frau verbeugen.“

Kann man machen. Denn immerhin gibt es Hilke Raddatz wirklich. Im Gegensatz zu Zonen-Gaby, die von Literaturgegenpapst Hellmuth Karasek einst als „Highlight des politischen Witzes“, der „Ost und West einander näher gebracht“ habe, bezeichnet wurde. Wie man in einem Enthüllungsartikel der „Süddeutschen Zeitung“ aus 2010 nachlesen kann, heißt die Frau auf dem Cover in Wirklichkeit Dagmar, war damals 29 Jahre alt und Arzthelferin, wohnte und wohnt bei Worms und war eine Freundin des damaligen „Titanic“-Chefredakteurs Bernd Fritz, der als „Buntstift-Lecker“ von „Wetten, dass…“ nationale Berühmtheit erlangt hatte. „Er fragte mich“, erinnert sich Dagmar aka Gaby, „ob ich nicht Lust hätte, 300 Mark als Fotomodell zu verdienen. Er hat irgendetwas von ein paar Gurken und einer Jeansjacke geredet, die man zuvor noch in Frankfurt besorgen werde. Die Jeansjacke müsse so aussehen, als sei sie aus der DDR.“ Im Nachgang habe sie Ärger mit ihren Tanten aus Sachsen-Anhalt bekommen, aber das sei die Sache wert gewesen. Denn neben den 300 Mark habe sie ja auch eine wunderschöne Jeansjacke bekommen. Die „SZ“ verrät: „Die Jacke, sagt Dagmar, die ziehe sie heute noch gerne an.“

Und ebendiese Jacke soll jetzt so gut wie neu in der Vitrine der Caricatura hängen? Ein starkes Stück! Aber Satire darf das ja.

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