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Ein wahres Farbspektakel.
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Ein wahres Farbspektakel.

Museum

Alles fließt im Senckenberg-Museum Frankfurt

  • VonTomas Cabanis
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Spannende Ausstellung über Wasser und Flusssysteme. Auch für Kinder sehr interessant.

Am Montag nieselt es in Frankfurt. Es prasselt nicht, nur kleine Tröpfchen fallen aus den Wolken, perlen an den Fenstern ab und rutschen auf den Boden. Auf der Wiese vor dem Senckenberg-Museum ist es ein wenig matschig. Der Boden ist nass, kleine Pfützen bilden sich. Wir alle wollen Sonne, schon klar, aber das Wetter passt perfekt zum neuen Ausstellungsraum des Museums. Es dreht sich um Wasser, viel Wasser: Flüsse.

Nass wird man zwar nicht in der Ausstellung, dafür gibt es aber prickelnde Exponate rund um das Lebenselixier H2O. Den größten Wassertropfen der Welt zum Beispiel, der so riesig ist, dass man in ihn hineingehen kann. Drinnen bietet sich ein Naturspektakel der Natur. Kleinstlebewesen schwirren umher, fressen sich gegenseitig oder reinigen das Wasser. Das Rädertierchen etwa sieht aus wie eine Kehrmaschine und sammelt Bakterien auf. Und selbst hier hat man es mit Corona zu tun – so nämlich heißen die Wimpern des Tierchens, sein Putzorgan. Also schnell das Thema wechseln. Beziehungsweise den Einzeller.

Besucher:innen sehen Sonnentierchen, die wie wir Menschen gerne gemeinsam essen. Allerdings etwas extremer: Sie bilden eine Fressgemeinschaft, jagen und verdauen zusammen. Danach lösen sie sich wieder voneinander. Designstudent:innen der Hochschule Trier haben das ästhetische Video des Wassertropfens produziert, skurrilen Soundtrack inklusive.

Die Selbstreinigungskraft des Wassers sei Grundlage für saubere Flüsse, kommentiert Kuratorin Stefanie Klein. Ihre Aufgabe sei es, die Forschung zu übersetzen. Bei der breiten Fülle an Informationen dauert das: Vor drei Jahren begann Klein, Langzeitforschungen zu sichten.

Die Fließgewässer in Hessen sind zum Teil bestens untersucht. Den plätschernden Breitenbach bei Fulda zum Beispiel hatte die Max-Planck-Gesellschaft bis 2006 vier Jahrzehnte lang unter die Lupe genommen. Er zählt zu einem der am besten erforschten Bäche und Flüsse der Welt, sein Ökosystem ist intakt, was nur auf zehn Prozent aller Gewässer zutrifft. Die Artenvielfalt in Flüssen, Seen und Feuchtgebieten gehe doppelt so schnell verloren wie in den Meeren und dreimal so schnell wie in den Wäldern, warnt eine Infotafel.

Um zu zeigen, wie ein Fluss wieder zu einem intakten System mit gesunder Flora und Fauna werden kann, hat Kuratorin Klein einen regionalen Fluss gewählt. Die 90 Kilometer lange Nidda fließt nicht nur durch Hessen, sondern begleitet auch das Publikum durch die Ausstellung. Sie gehöre zwar zu den 90 Prozent, denen es schlechtgehe, aber es werde besser, sagt Klein. Seit den 1990er Jahren wird versucht, die Nidda wieder in einen naturnahen Zustand zu bringen. Wissenschaftler:innen sprechen von Renaturierung. Klapptafeln zeigen Vergleiche auf, Grafiken, Diagramme. Allgemein gibt es viel zum Anfassen, 57-mal muss man eine Schublade öffnen, eine Holztafel schieben und so weiter, um an Fakten zu kommen.

Auch Flora und Fauna kehren an die Nidda wieder zurück, und was wäre das Senckenberg ohne präparierte Tiere? Der bläulich gefiederte Eisvogel teilt sich den Erfolg der Renaturierung mit der Nase, einem Fisch mit ausgeprägter ebensolcher. Die Zebramuscheln sehen aus wie aufgeknackte Nüsse auf einem Haufen, und der amerikanische Nerz schaut hinter einer Klappe hervor. Das Lieblingstier der Kuratorin Klein ist allerdings die Köcherfliege: Sie baut sich aus kleinen Hölzchen winzige Häuser, die als Schutz und Tarnung vor Feinden dienen. Architektonisch vielfältig geht es zu: Abstraktes trifft auf Durcheinander. Mal sind es Hölzchen, die übereinandergestapelt sind, mal zusammengeheftete Blättchen. Die Larven produzieren ihren eigenen Klebstoff, der in Zukunft auch bei Operationen zum Kleben von Wunden eingesetzt werden soll.

Diese Welt der Wunder ist bedroht. Deshalb sieht die EU-Wasserrahmenrichtlinie vor, die Wasserqualität bis 2027 in Europa zu verbessern. Die festgelegten Ziele seien allerdings nicht erreichbar, sagt Klement Tockner. Für den neuen Generaldirektor der Gesellschaft ist die Eröffnung Premiere. Seit diesem Jahr ist der Österreicher bei Senckenberg und zuständig für sieben Forschungsinstitute und drei Museen unter dem Dach der Frankfurter Zentrale, von Wilhelmshaven bis Tübingen. Er zählt zu den international führenden Gewässerökologen, die untersuchen, wie sich Lebewesen und Gewässer gegenseitig beeinflussen.

Brigitte Franzen, die neue Museumsdirektorin in Frankfurt, bringt ebenfalls Erfahrung mit. Mehr als 100 Ausstellungen hat die Kunst- und Kulturwissenschaftlerin kuratiert. Darunter viel hochrangige Gegenwartskunst, wie etwa ein „Museum der Neugier“, das 40 000 Jahre alte Skulpturen mit zeitgenössischen Positionen in Beziehung setzte.

Aber zurück zur aktuellen Ausstellung: Franzen weist auf die Simulation des Wasserkreislaufs im Rhein-Main-Gebiet hin. Was mit dem passieren würde, wenn plötzlich überall nur noch Häuser stünden, sehen die Besucher:innen digital auf einem Bildschirm. So viel sei verraten: Es sieht nicht gut aus. Auf einem Tablet kann jede:r die Relation zwischen Stadtgebiet, Landwirtschaft und Wald so einstellen, wie er möchte. Rumspielen eben.

Wer die Nidda abspaziert hat, kann sich noch mächtigeren Gewässern widmen. Amazonas, Ganges, Nil und Rhein werden verglichen. Wussten Sie, dass über den Amazonas keine Brücke führt? Oder dass der Rhein durch Begradigungen des Flussbetts 100 Kilometer kürzer geworden ist? Und so spannend, wie es klingt, so hart ist die Realität: Die Flüsse sind in Gefahr, unser Wasserfußabdruck ist zu hoch, warnt die Ausstellung.

Beim Blick aus dem Fenster sind Wolken zu sehen. Es hat aufgehört zu regnen.

Es gibt viel Spannendes zu lernen.

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