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Lilli (8) und Philipp (5) mit ihren Rüben.

Sachsenhausen

Alles dreht sich um die Runkelrübe

Vermutlich ist das Runkelrübenfest am Rande der Heimatsiedlung heute das letzte seiner Art. Kinder aus 50 Nationen und allen sozialen Schichten schnitzen und toben hier.

Gleich am Eingang zum Abenteuerspielpatz Wildgarten bot sich am Freitag ein ungewohntes Bild. Rund 200 Kinder saßen mit ihren Eltern auf Bänken und Baumstämmen und schnitzten an Rüben herum. Runkelrüben, in Zeiten von Halloween? „Eigentlich gibt’s das nur noch hier“, sagte Jo Meyer. Der Mittsechziger ist sich sicher, dass das jährliche Runkelrübenfest am Rande der Heimatsiedlung heute das letzte seiner Art ist: „Wir bekommen die nur, weil Schafe kein Silofutter fressen“, erklärt er. Ein befreundeter Schäfer liefere die Rüben. „Damit wir den Kindern zeigen können, wie wir das vor der Halloween-Manie gefeiert haben“, sagt er.

Mayer ist seit 1977 im Wildgarten dabei, damals veranstaltete er zusammen mit ein paar anderen Anwohnern das erste Runkelrübenfest. „Mit knapp 20 Rüben“, erzählt er. Heute sind es mindestens 250. Den stetigen Zulauf erklärt er sich damit, dass sie hier viele Dinge anders machen. Nicht nur mit den eigentlich längst durch Kürbisse ersetzten Rüben. „Wir lassen Kinder hier Kinder sein, wir machen Feuer, spielen, toben, werden dreckig, probieren aus“, sagte Mayer. „Das schafft eine kleine Oase mitten in der Stadt.“

Deshalb war auch Renate Köstler wieder hier. Sie kommt seit 30 Jahren zum Wildgarten, ein paar Jahre mit ihrer Tochter, nun mit dem siebenjährigen Enkel Tizian im Schlepptau. „Ich bin fast ein bisschen verwundert, dass es beiden Generationen hier gleich gut gefällt“, sagte sie. Das Geheimnis sei die perfekte Mischung aus Freiheit und Anleitung hier, meinte Köstler und zeigte auf einen Tisch, wo Kinder mit großem Eifer die Rüben bearbeiteten. Der elfjährige Anis war mit seinen Schnitzereien schon fertig. „Ich komme jeden Tag hier her“, sagte er und fischte geschickt einen Apfel aus der benachbarten Feuerstelle. „Man lernt so viele Freunde kennen und macht einfach mal andere Sachen als sonst“, erzählte er. „Wie die Rüben hier, meine ist aber etwas zu freundlich geworden.“

Doch den Machern geht es um mehr: „Feste wie dieses sind gerade hier ungemein wichtig“, sagte der Vereinsvorsitzende Jürgen Reichel-Odié. Die Gegend um die Heimatsiedlung ist nicht sehr wohlhabend, soziale Konflikte scheinen vorprogrammiert. Der pensionierte Pädagoge arbeitet für das Gegenteil: „Hier toben 50 Nationen und alle sozialen Schichten zusammen“, sagte er. „Die verstehen sich spielend“, stimmte auch Jo Meyer zu: „Wir haben hier keine Integrationsdebatte.“ (dp)

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