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Gabi Bues ist Geschäftsführerin des Frankfurter Ortsverbands des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter. Der Ortsverband ist freier Träger der Kinder- und Jugendhilfe. Die Stadt unterstützt ihn.

Frankfurt

Alleinerziehende in Frankfurt: „Zeit ist ein großes Bedürfnis“

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Beraterin Gabi Bues spricht im Interview über unflexible Betreuungsangebote und mangelnde Zahlungsmoral von Unterhaltspflichtigen.

Frau Bues, wie schwer haben es Alleinerziehende in Deutschland?

Das kommt immer auf die individuelle Situation an. Aber was wir wissen ist, dass Alleinerziehende das allergrößte Armutsrisiko von allen Bevölkerungsgruppen in Deutschland haben. Das ist aber immer abhängig vom Alter der Kinder, von Voll- oder Teilzeitbeschäftigung und ob sie Unterhaltszahlungen bekommen. Ansonsten bewältigen Alleinerziehende Aufgaben wie Kindererziehung, Erwerbstätigkeit und Haushalt alleine. Deswegen ist die Zeit ein großes Bedürfnis von Alleinerziehenden.

Wie ist die Situation im Rhein-Main-Gebiet?

Was hier noch massiv dazukommt, sind die enorm hohen Mieten. Das macht es im speziellen Frauen, die in unliebsamen Ehen oder Beziehungen drinstecken, nicht möglich, sich zu trennen, weil sie schlicht und einfach keine Wohnung finden.

Was sind die häufigsten Probleme von Alleinerziehenden?

Oft sind es Probleme rund um das Thema Geld. Das fängt bei Fragen zu staatlichen Hilfen an. Welche gibt es überhaupt? Wo beantrage ich sie? Es gibt viele unterschiedliche Ämter und Behörden, wo diese Leistungen beantragt werden müssen, die oft aufeinander abgestimmt sind. Da ist es schwer, erst mal durchzublicken. Auch die Kinderbetreuung ist Thema. Die ist zwar grundsätzlich gut, aber nur in einem gewissen Zeitrahmen von montags bis freitags. Wer beispielsweise im Schichtdienst arbeitet, hat Probleme. Das geht in der Grundschule weiter, weil es keine Hortplätze mehr gibt. Der Pakt für den Nachmittag reicht nicht.

Haben Alleinerziehende Nachteile gegenüber Paaren?

In manchen Situationen schon. Es fängt damit an, dass man als Paar Synergieeffekte hat, wenn man Kinder gemeinsam aufzieht. Man teilt sich die Kosten, hat dann meist mehr Gehälter zur Verfügung und man teilt sich auch die Verantwortung bei der Erziehung der Kinder. Es geht aber auch um steuerrechtliche Nachteile. Paare können vom Ehegatten-Splitting profitieren, während Alleinerziehende in der Regel in der Steuerklasse zwei sind, die gerade mal geringfügig besser ist als die Klasse eins, also die von Singles. Das ist sehr ungerecht. Ein weiterer Nachteil kann die mangelnde Zahlungsmoral der Unterhaltspflichtigen sein. Ein Drittel der Alleinerziehenden bekommt den vollen Unterhalt, ein weiteres Drittel bekommt nichts beziehungsweise nur den Unterhaltsvorschuss vom Jugendamt. Das letzte Drittel bekommt unregelmäßig Unterhalt beziehungsweise immer mal wieder zu wenig.

Gibt es Unterschiede bei alleinerziehenden Vätern und Müttern?

Die Väter, in der Regel sind das je nach Region zehn bis 15 Prozent der Alleinerziehenden, haben meistens die älteren Kinder. Das ermöglicht ihnen, Vollzeit arbeiten zu gehen. Insofern sind sie finanziell oft besser gestellt als alleinerziehende Mütter. In der Regel haben sie auch nur ein Kind, bei Müttern sind das oft zwei oder mehr Kinder. Ansonsten sind die Probleme bei Vätern und Müttern, die mehrere Kinder oder kleine Kinder haben, recht ähnlich.

Was müsste sich ändern, um die Situation zu verbessern?

Zunächst mal müsste es einen Rechtsanspruch auf einen Hortplatz geben. Ähnlich zu dem auf einen Kindergarten- oder Krippenplatz, den es ja gibt. Das steht zwar auch im Koalitionsvertrag des Bundes, soll aber erst in einigen Jahren kommen. Es braucht auch ergänzende und flexible Kinderbetreuungsangebote.

Was wünschen Sie sich für Frankfurt?

Wir wünschen uns eine Art Lotsenkoordinierungsstelle, die den Alleinerziehenden sagen kann, wo welche Hilfen beantragt werden können, damit alles in einer Hand ist. Für Hessen gibt es das bereits seit 2018 in einem Pilotprojekt.

Wie hilft Ihr Verband den alleinerziehenden Müttern und Vätern?

In unserer Beratungsstelle können Alleinerziehende eine persönliche psychosoziale Beratung bekommen. Es besteht auch die Möglichkeit einer Rechtsberatung oder Informationen zu Steuerfragen und familienrechtlichen Fragen zu bekommen. Hinzu kommen noch Treffen, bei denen man sich mit anderen austauschen kann. Es gibt beispielsweise ein monatliches Frühstück oder den Feierabend-Kochtreff. Weitere Aktivitäten sind Flohmärkte oder Infoveranstaltungen zu speziellen Themen.

Interview: Steven Micksch

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