Sie nimmt all den Stress auf sich, damit es ihrem Sohn an nichts fehlt. Foto: Rolf Oeser
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Sie nimmt all den Stress auf sich, damit es ihrem Sohn an nichts fehlt. 

Stress

Alleinerziehende in Frankfurt: Jeder Tag ist ein Kampf

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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Ihr Leben ist durchgetaktet. Anders könnte die alleinerziehende Mutter ihren Alltag nicht meistern. Ihrem Sohn möchte sie ein Vorbild sein.

Wenn ich keinen Hortplatz bekomme, muss meine Mutter Hartz IV beziehen“, steht in einem Brief, den Soraia Delgado, die in dieser Geschichte so genannt wird, an eine Hortleitung in Frankfurt schickt. Den Brief hat sie im Namen ihres achtjährigen Sohnes Benjamin, dessen Name ebenfalls geändert wurde, verfasst. Acht Monate lang suchte Delgado für ihn einen Hortplatz. Der Brief war ihr letzter Ausweg. Mit Erfolg.

Soraia Delgado, 47 Jahre alt, gebürtige Offenbacherin, die Eltern Gastarbeiter aus Portugal, ist seit über acht Jahren alleinerziehend. Damit ist sie nicht alleine. Nach Angaben der Stadt lebten in Frankfurt im Jahr 2018 16 711 Alleinerziehende. 15 208 davon sind Frauen, 1503 Männer. Mehr als ein Fünftel aller Frankfurter Familien sind sogenannte Ein-Eltern-Familien. Der Anteil von ihnen, die Hartz IV beziehen, liegt bei 40 Prozent.

Delgados Geschichte klingt so wie bei vielen alleinerziehenden Frauen. Als Hochschwangere wurde sie von einem Tag auf den anderen von ihrem Ex-Verlobten sitzengelassen, der damals als US-Soldat in Wiesbaden stationiert war. Ihre Welt fiel wie ein Kartenhaus zusammen. „Das war Gefühlschaos pur, mal wurde mir heiß, mal kalt. Und dann hast du noch das Kind im Bauch“, sagt sie.

Den einzigen Rückhalt in dieser Zeit bekommt sie von ihren Freunden. Ihre Eltern brechen den Kontakt zu ihr ab, weil sie nicht verheiratet ist, als sie schwanger wird. Benjamin, der im September 2011 auf die Welt kommt, war ein Wunschkind. Warum Benjamins Vater sie verließ, weiß die alleinerziehende Mutter bis heute nicht.

Im August 2011 wendet sie sich an das Jugendamt und das Deutsche Institut für Jugendhilfe und Familienrecht (Dijuf) und beantragt die Beistandschaft. Mit deren Hilfe wird Benjamins Vater zum Jugendamt bestellt, um die Vaterschaftsanerkennung und die Unterhaltsverpflichtung zu unterschreiben. Seitdem erhält Delgado sehr unregelmäßig von ihrem Ex-Verlobten monatlich 110 Euro Unterhalt. Davon behält sich das Dijuf zehn Prozent pro Monat ein, als Spesen für die Eintreibung des Unterhalts.

Seit November letzten Jahres sieht sie keinen Cent mehr. „Die Beistände aller Stadtteile wurden zentralisiert. Seitdem ist die Bearbeitung dort ein Chaos“, sagt sie. Seit drei Wochen rufe sie dort an, erreiche niemanden und warte vergebens auf eine Rückmeldung. Seitdem fehlen ihr über 300 Euro. Neben ihrem Gehalt erhält sie 204 Euro Kindergeld und seit Anfang des Jahres 220 Euro Unterhaltsvorschuss. Zuvor waren es noch 202 Euro. Am Ende bleiben für sie und Benjamin 1150 Euro zum Leben. Hartz IV bezieht Delgado nicht. Sie ist kein Mensch, der sich von anderen abhängig machen will, erst recht nicht vom Staat.

Seit ihrem 19. Lebensjahr steht sie auf eigenen Beinen, als ihre Eltern sie vor die Tür setzten, während sie mitten in ihrer Ausbildung zur Bürokauffrau steckte. Heute arbeitet sie Vollzeit bei einem Unternehmen im Finanzsektor. Doch in einer Stadt wie Frankfurt, mit hohen Lebenshaltungskosten, bedeutet das Leben als voll arbeitende Alleinerziehende vor allem eines – Stress. Damit sie all das hinbekommen kann, ist ihr Alltag komplett durchgetaktet. „Anders würde es nicht funktionieren“, sagt sie.

Delgado plant jede Woche vor, damit sie auf ihre 39 Arbeitsstunden kommt. Ihr Tag beginnt morgens um 5 Uhr. Sie schmiert die Brote für die Schule. Um 6.30 Uhr fährt sie zur Arbeit und um 16.30 Uhr macht sie Feierabend – dreimal in der Woche. Sie muss die Stunden vorarbeiten, weil sie ihre vorgegebene Arbeitszeit inklusive 45 Minuten Arbeitsweg irgendwie abdecken muss. „Wenn ich nicht vorarbeiten würde, hätte ich jede Woche 2,5 Minusstunden. Das kann ich mir nicht erlauben“, sagt sie. Der Zeitdruck sei ihr größter Feind. Bis 17 Uhr ist Benjamin im Hort, dann holt sie ihn dort ab.

Doch wie wirkt sich all das auf ein achtjähriges Kind aus? Ihr Sohn, sagt Delgado, kenne es ja nicht anders. Für sein Alter sei er schon sehr reif. Er habe keine hohen Ansprüche. In ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung in Frankfurt hat der Achtjährige kein eigenes Zimmer, aber das will er auch nicht. „Wenn ich koche, hilft er mir. Wenn er nach Hause kommt, packt er seinen Schulranzen aus, holt die Brotdose raus und hängt seine Jacke auf“, erzählt sie. Benjamin muss sozusagen lernen, auch selbstständig zu sein. Deswegen erarbeitete Delgado eine Checkliste für ihren Sohn, an die er sich auch hält. So legt er seine Kleidung ordentlich auf sein Bett oder steckt seine dreckige Wäsche in den Wäschekorb. „Klar ist er selbstständig, vielleicht mehr als andere Kinder in anderen Familienkonstellationen“, sagt Delgado.

Den Stress nimmt sie für ihren Sohn gern in Kauf, denn sie möchte Benjamin vieles im Leben ermöglichen. „Ich möchte meinem Sohn gern den Führerschein bezahlen oder ihn finanziell unterstützen, falls er studieren möchte“, erzählt Delgado.

Doch so langsam merke sie, wie jeder Tag seit der Geburt ihres Sohnes Spuren an ihr hinterlasse. Sie ist müde, ihr Körper ist erschöpft. Der 47-Jährigen ist bewusst, dass sie aus dieser „Stress-Spirale“, wie sie sagt, nicht herauskommt, selbst dann nicht, wenn sich das Betreuungsangebot verbessern sollte. „Als Alleinerziehende kann sich die Lage nur minimal verbessern. Das Problem ist einfach, dass du alleine bist.“

Hilfe für Alleinerziehende

Zum 1. Januarwurden die Beiträge beim Unterhaltsvorschuss erhöht und liegen bei Kindern bis 5 Jahren bei 165 Euro, im Alter von 6 bis 11 Jahren gibt es 220 Euro und bei Kindern von 12 bis 17 Jahren 293 Euro. 

Alleinerziehendehaben unter bestimmten Voraussetzungen Anspruch auf 14 Monate Basiselterngeld. Berufstätige und Selbstständige bekommen 67 Prozent ihres zuvor erzielten Nettoeinkommens oder Nettogewinns, bis zu maximal 1800 Euro. Für Geringverdienende und Teilzeitbeschäftigte mit einem Einkommen unter 1000 Euro wird individuell ein höherer Prozentsatz berechnet. 

Seit 2008gilt ein neues Unterhaltsrecht. Vorrang hat der Unterhalt für das Kind, unabhängig davon, ob seine Eltern verheiratet sind oder waren. 

Kindesunterhaltmuss bezahlen, wer nicht überwiegend betreut. Die Höhe wird durch das verfügbare Einkommen des unterhaltspflichtigen Elternteils und das Alter des Kindes bestimmt. 

Die Unterhaltsansprüchedes Kindes gegenüber dem zum Unterhalt verpflichteten Elternteil können auf Antrag im Rahmen einer Beistandschaft durch das Jugendamt vertreten werden. Der Beistand hilft auf Antrag auch bei der Feststellung der Vaterschaft. 

Hilfe für Alleinerziehendebietet unter anderem der Verband alleinerziehender Mütter und Väter. Die Beratungsstelle in Frankfurt ist in der Adalbertstraße 15-17. die Bürozeiten sind Mo-Mi 10 bis 16 Uhr und Do 12 bis 18 Uhr. Tel. 069/97 98 18 84, E-Mail: info@vamv-frankfurt.de

Die Kontaktdatenzum Verband in Hessen lauten Tel: 069/97 98 18 79 und E-Mail info@vamv-hessen.de

Auch das Frankfurter Alleinerziehendennetzwerk hilft unter Tel. 069/21 23 90 01. mic/stn

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