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Eine Viertelmillion von ihnen zieht über Hessen: Kraniche auf dem Weg nach Süden.

Kranichzug

Alle Vögel sind noch nicht da

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Ein spektakulärer Zug der Kraniche zieht gen Süden. Mit weiteren V-Formationen am Himmel ist in den nächsten Tagen zu rechnen.

Bei manchen Leuten haben die Nackenschmerzen schon wieder nachgelassen. Die anderen erinnert der steife Hals ans Wochenende – an das unglaubliche Spektakel am Himmel.

„Da! Noch mehr!“ – „Das sind ja Hunderte!“ – „Das sind ja Tausende!“ – „Das hört ja überhaupt nicht mehr auf!“ – „Ich liebe diese Vögel!“ Ja, manchen trieb der schier unaufhörliche Zug der Kraniche die Tränen der Rührung in die Augen.“

Zu Wochenbeginn nahm das Phänomen dann ab. War’s das schon für diesen Herbst? „Nein, da stehen bestimmt noch einige oben“, sagt Gerd Bauschmann von der Staatlichen Vogelschutzwarte in Fechenheim. Und wenn er „einige“ sagt, meint er: viele.

Wo stehen sie denn? Nördlich von Berlin, an den Müritzer Seen, bei Diepholz in Niedersachsen – aber „unsere“, die über Frankfurt und Umgebung fliegen, die kommen von der Ostsee, Rügen, Darß. „Wenn sie abends hier zu hören sind, sind sie in Mecklenburg-Vorpommern gestartet“, erklärt Bauschmann. „Und wenn wir sie vormittags sehen, dann haben sie in der Nähe übernachtet.“ Irgendwo zwischen Wetterau und Gießen, im Bingenheimer Ried etwa oder in der Mittleren Horloffaue. Die nächste Station ist dann schon die Champagne in Frankreich. „500 oder 600 Kilometer am Tag schaffen sie sicher“, sagt der Vogelkundler. Dabei hilft die V-Formation, mit der sie einander Windschatten geben und sich in der Führung abwechseln. Was ist das, wenn sie plötzlich das V aufgeben, auf der Stelle schweben, scheinbar Orientierung suchen? Bauschmann: „Thermik. Die merken ja, wenn von unten ein Luftstrom kommt. Dann schrauben sie sich einfach hoch.“ Nutzen geschickt die Windverhältnisse, um ohne Kraftaufwand Höhe zu gewinnen.

Nimmt man das Schauspiel als Experte eigentlich emotionslos hin? I wo. „Ich finde den Kranichzug immer wieder schön“, gesteht er. „Wenn ich merke, das Wetter passt, gucke ich nur noch in die Luft.“ Nur schade, dass der herbstliche Kranichzug stets das Ende der schönen Jahreszeit bedeutet. „Dafür dauert er länger“, tröstet Bauschmann. „Im Frühling haben sie es viel eiliger.“

Die Temperatur ist für den Vogelzug gar nicht ausschlaggebend; der Wind aus Ost-/Nordost ist es, auf den sie warten. Am Ziel, etwa in der Extremadura auf der iberischen Halbinsel, stehen sie dann nachts zu Tausenden in den Reisfeldern, weil sie sich dort sicher fühlen, und gehen tagsüber im Familienverband auf Nahrungssuche. Im Norden dagegen, in der Brutzeit, leben sie paarweise, bis sie sich auf den großen Sammelplätzen zum Start in den Süden treffen. Gute Reise, liebe Kraniche, fliegt vorsichtig – und bis zum nächsten Jahr!

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