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Jugendarrest in Friedberg. Das Haus des Jugendrechts soll helfen, dass es nicht unbedingt so weit kommen muss.
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Jugendarrest in Friedberg. Das Haus des Jugendrechts soll helfen, dass es nicht unbedingt so weit kommen muss.

Eröffnung Haus des Jugendrechts

Alle unter einem Dach

In Frankfurt-Höchst eröffnet das Haus des Jugendrechts. Staatsanwaltschaft, Polizei und Jugendgerichtshilfe arbeiten hier Tür an Tür. Es ist das zweite Haus seiner Art in Hessen. Innenminister Boris Rhein lobte die Einrichtung als "Investition im Kampf gegen Jugendkriminalität".

Von Boris Schlepper und Georg Leppert

In Frankfurt-Höchst eröffnet das Haus des Jugendrechts. Staatsanwaltschaft, Polizei und Jugendgerichtshilfe arbeiten hier Tür an Tür. Es ist das zweite Haus seiner Art in Hessen. Innenminister Boris Rhein lobte die Einrichtung als "Investition im Kampf gegen Jugendkriminalität".

An der linken Glastüre prangt das Schild „Staatsanwaltschaft“. „Polizei“ ist an der mittleren Pforte zu lesen, rechts die Aufschrift „Jugendgerichtshilfe“ – darunter hängt ein Zettel „Täter-Opfer-Ausgleich“. Drei Eingänge, die doch zu einer einzigen Einrichtung führen: dem Haus des Jugendrechts. Am Mittwoch wurde das Haus in Höchst als zweites seiner Art in Hessen eröffnet.

Innenminister Boris Rhein lobte die Einrichtung vor zahlreichen Vertretern aus Politik, Polizei und Staatsanwaltschaft als „Investition in den Kampf gegen Jugendkriminalität, die wir vielfach zurückbekommen werden“. Schnellere Verfahren, engere Kontakte und kürzere Wege machten dort „eine neue Qualität im Engagement gegen Jugendkriminalität“ möglich, sagte Rhein. Für den Hessischen Justizminister Jörg-Uwe Hahn ist das Haus des Jugendrechts auch ein wichtiger Baustein, um Jugendkriminalität vorzubeugen. Bislang sei Prävention im Jugendbereich besonders schwer, da die Behörden auf unterschiedlichen Ebenen zugange sind.

Auch Anlaufstelle Täter-Opfer-Ausgleich ist im Haus

In der Höchster Einrichtung arbeiten seit dem 17. Januar Sozialarbeiter, Polizisten und Staatsanwälte unter einem Dach. Auch die Anlaufstelle Täter-Opfer-Ausgleich ist dort zu finden. Ein erstes Haus hat Ende des Jahres in Wiesbaden eröffnet. Mit den Häusern reagiert das Land auch auf Kritik, die hessische Justiz arbeite in Jugendstrafsachen zu langsam. Jugendliche müssten Strafen als Reaktion auf ihre Tat verstehen, sagte Rhein. Dabei könne das Haus des Jugendrechts helfen. Zwar sei die Kriminalität Jugendlicher meist auf einen Lebensabschnitt begrenz. Auch sei die Kriminalitätsrate bei Jugendlichen in Frankfurt rückläufig, so Rhein. Es sei allerdings eine neue Qualität zu beobachten: „Immer öfter sind Waffen im Spiel, immer öfter wird mit ziemlich großer Brutalität vorgegangen.“

Inzwischen legten die Täter häufig „erst dann richtig los, wenn die Opfer schon am Boden liegen“. Im Haus des Jugendrechts gehe es nicht „um Härte und Milde“, sagte Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU). „Wir wollen einen Drehtür-Effekt vermeiden.“ Jugendliche Straftäter dürften nicht stigmatisiert werden. Nötig sei eine intensive Zuwendung: „Wir geben niemanden auf.“ In einigen Monaten werde das Projekt überprüft. Dann könne es auch in andere Stadtteile und über die Stadt hinaus ausgeweitet werden. Ähnlich sieht es Justizminister Hahn: „Ich träume davon, dass das Modell der Häuser des Jugendrechts in ganz Hessen umspringt und überall eingesetzt werden kann.“ Diese müssten nicht immer in „prächtigen Bauten“ untergebracht sein. Auch in kleineren Kommunen seien ähnliche Einrichtungen möglich. „Prävention ist besser als nachher verurteilen.“

Wie lange dauert es heute ehe ein jugendlicher Straftäter verurteilt ist - Georg Leppert berichtet:

#Umbr

Als Jens W. damals auf der Anklagebank saß, konnte er sich an seine Tat kaum noch erinnern. Einige Monate zuvor habe er einen Mitschüler zusammengeschlagen, sagte der Staatsanwalt. Mag sein, schon möglich, sagte Jens W. und zuckte nur die Schultern. Beim Richter kam das nicht gut an, aber der 17-jährige Angeklagte, der vor ihm saß, war nur ehrlich. Seit der Attacke, für die er sich verantworten musste, hatte er sich bereits drei weitere Strafanzeigen wegen Körperverletzung eingehandelt. Und vermutlich 30 Schlägereien angezettelt, die kein juristisches Nachspiel hatten. Denn dass die Dunkelziffer bei Taten mit jugendlichen Opfern und Verdächtigen extrem hoch ist, sagt die Polizei Jahr für Jahr, wenn sie ihre Kriminalstatistik vorstellt.

Dabei findet sich in jedem Lehrbuch der Kriminologie der Grundsatz, dass Jugendstrafverfahren schnell über die Bühne gehen müssen. Zwischen der Tat und der Verurteilung liegen im besten Fall nur wenige Wochen. Und bis zum Strafantritt darf dann auch nicht mehr viel Zeit vergehen. Nur auf diese Weise, so sagen die Juristen, sei von einem pädagogischen Erfolg des Jugendstrafverfahrens auszugehen. Tempo, Effizienz, räumliche Nähe – diese Schlagworte dürften auch am heutigen Mittwoch in der Kurmainzer Straße in Höchst fallen. Dort, auf dem Gelände, auf dem einst Möbelcity Wesner ansässig war, eröffnen der hessische Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP), Innenminister Boris Rhein (CDU) und Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) am Vormittag das Haus des Jugendrechts.

Synergien sollen entstehen und genutzt werden

Staatsanwaltschaft, Polizei und die Sozialarbeiter der Jugendgerichtshilfe arbeiten in dem Gebäude, das für den gesamten Bezirk des Amtsgerichts Höchst zuständig ist, Tür an Tür. Synergien sollen entstehen und genutzt werden. Die Akte eines Tatverdächtigen muss nicht mehr umständlich zwischen den Beteiligten des Verfahrens hin- und hergeschickt werden, man bringt sie einfach ins benachbarte Büro. Und in manchen Fällen setzen sich alle an einen Tisch und besprechen, was geschehen soll. Drei Staatsanwälte und elf Polizisten werden in Höchst arbeiten. Hinzu kommen dreieinhalb Stellen der städtischen Jugendgerichtshilfe und die Vermittlungsstelle Täter-Opfer-Ausgleich des Evangelischen Regionalverbandes. Dem Modell, bei dem sich der Täter beim Opfer entschuldigt und es in irgendeiner Form entschädigt, kommt im Jugendstrafrecht eine große Bedeutung zu. Den Beschluss, ein Haus des Jugendrechts in Frankfurt einzurichten, traf die Politik bereits vor mehr als zwei Jahren. Doch die Umsetzung verzögerte sich immer wieder. Erst musste ein Gelände gefunden werden, dann zogen sich die Bauarbeiten hin.

Vorbild der Einrichtung ist das Haus des Jugendrechts in Stuttgart, das bereits 1999 eröffnet wurde. Seitdem nahmen bundesweit mehrere Institutionen ihre Arbeit auf, die einem ähnlich Modell folgen. Doch die größten Erfolge, da sind sich die Experten einig, feierten Staatsanwälte, Polizisten und Sozialarbeiter im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt.

Der Justizminister von Baden- Württemberg, Ulrich Goll (FDP), äußerte sich schon zum zehnjährigen Bestehen des Hauses geradezu euphorisch: „Die Zusammenarbeit der Beteiligten hat eine neue Qualität erreicht“, sagte er. Und: „Ursprünglich bestehende Berührungsängste und Vorbehalte konnten überwunden und eine besondere Form der engen und vertrauensvollen Kooperation entwickelt werden.“

Kritik der SPD - kein ordentliches Konzept

Doch trotz dieser positiven Erfahrungen gibt es in Frankfurt auch Vorbehalte. Die SPD-Fraktion im Römer hatte am Montag zu einer Pressekonferenz geladen. Für das Haus des Jugendrechts gebe es kein wirkliches Konzept, monierte die sicherheitspolitische Sprecherin, Ursula Busch. Den Einwand, dass die Einrichtung doch gerade erst ihre Arbeit aufnehme und sich das Zusammenspiel der Beteiligten entwickeln müsse, ließ sie nicht gelten.

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