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Für suchtkranke Menschen entstehen durch das Virus auch noch ganz andere Probleme
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Für suchtkranke Menschen entstehen durch das Virus auch noch ganz andere Probleme

Coronavirus

Alkoholverbot: Hohe Geldstrafen für Suchtkranke

  • Stefan Simon
    VonStefan Simon
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Sozialarbeiter werfen der Stadt Frankfurt Vertreibung aus dem Bahnhofsviertel vor. Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU) widerspricht: „Wir machen keine Jagd auf Suchtkranke.“

Ob alleine mit einem Bier am Mainufer, mit Freunden im Grüneburgpark oder als Alkoholiker:in am Kaisersack – für sie alle gilt dieselbe Regel: der Alkoholkonsum an bestimmten öffentlichen Plätzen, Wochenmärkten und Grünanlagen ist wegen der Corona-Regeln verboten. Doch gelten tatsächlich auch für alle dieselben Regeln?

Die Antwort lautet nein, zumindest für die beiden Sozialarbeiter Fabian und Tobias. Sie arbeiten im Bahnhofsviertel und wollen unerkannt bleiben. Daher haben wir ihre Namen geändert. Beide sind der Ansicht, dass die Stadt gezielt die Suchtkranken aus dem Bahnhofsviertel vertreiben will. Mindestens drei ihrer Klienten hätten seit Beginn des Verbots Anfang Oktober Bußgelder zwischen 1000 bis über 2000 Euro angesammelt – pro Person wohlgemerkt. „Es sind im Gesamten weitaus mehr von den hohen Bußgeldern betroffen. Wir wissen das, weil wir im ständigen Austausch mit anderen Einrichtungen stehen. Alle sehen das so. Die Bußgelder sind ein massives Problem“, sagt Fabian.

Wer mit einer Flasche Bier in der Hand erwischt wird, dem droht seit dem 1. Dezember vergangenen Jahres ein Bußgeld in Höhe von 200 Euro. Zuvor waren es noch 70 Euro. Bislang leitete die Stadtpolizei 759 Ordnungswidrigkeitsverfahren ein.

Die hohen Geldstrafen könnte der Großteil der Abhängigen nicht bezahlen. „Sie sind schwere Alkoholiker, konsumieren meist noch weitere Drogen und leben von 440 Euro Hartz IV im Monat“, sagt Tobias. Zu Beginn des Alkoholverbots seien seine Klienten etwa einmal im Monat kontrolliert worden. Mittlerweile fänden die Kontrollen fast wöchentlich statt.

„Wir stellen das vermehrt am Kaisersack, in der Elbe- und Moselstraße fest“, sagt Fabian. Wenn er jedoch am Wochenende durch den Grüneburgpark laufe, sehe er keine Stadtpolizei, die Knöllchen verteile. Dass auch die Polizei stundenlang keine Reaktion zeigte, als Hunderte Jugendliche vor zwei Wochen im Hafenpark feierten, gleichzeitig die Stadtpolizei im Bahnhofsviertel direkt Platzverweise erteile, zeige ihm, dass mit zweierlei Maß gemessen werde. „Es ist für mich mehr als offensichtlich, dass die Maßnahmen die Ärmeren treffen.“

Dem widerspricht Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU). „Wir machen hier keine Jagd auf Suchtkranke. Die Stadtpolizei hält sich an die Gesetze. Es ihre Pflicht, alle Bereiche des Stadtgebietes und damit zwangsläufig auch jene, in denen sich suchtkranke Menschen aufhalten, dahingehend zu kontrollieren“, sagt er.

Es werde auch überall dort kontrolliert, wo sich Anwohner beschwerten. Besonders viele Kontrollen fänden an den Hotspots wie in der Kleinmarkthalle, am Mainufer, den Parkanlagen und im Bahnhofsviertel statt. Wo allerdings die meisten Kontrollen stattfinden erfasse das Ordnungsamt nicht. Für Frank jedoch steht eines fest: „Die Maßnahmen treffen viele Leute und die Regeln sind für alle gleich“, sagt der Ordnungsdezernent.

Grundsätzlich werde vor allem dort kontrolliert, wo sich besonders viel Polizei und Stadtpolizei aufhalte, widerspricht ihm Fabian. Die Hygieneregeln mögen für alle gleich sein, die Strafen seien es nicht. „Die Strafen treffen sozialschwache Menschen in der Krise besonders hart.“ Die Situation der Drogensüchtigen verschärfe sich um ein Vielfaches. „Auf diese Weise lassen sich nunmal keine sozialen Probleme lösen, im Gegenteil“, kritisiert Fabian.

Die Stadt zumindest reagiert nun auf den Hotspot Hafenpark. Dorthin schickt die Stadt am Samstagabend 20 Übungsleiter:innen der Sportjugend. Sie sollen mit den jungen Leuten ins Gespräch kommen und darauf achten, dass die Corona-Regeln eingehalten werden.

Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter im Bahnhofsviertel weisen ihre Klient:innen schon seit Monaten auf die Vorschriften hin. Doch bei suchtkranken Menschen stoßen sie auch an ihre Grenzen. „Die Schwerstabhängigen am Kaisersack benötigen auch einen Konsumraum. Nur, solche Hilfsangebote gibt es für sie nicht“, sagt Tobias. Zudem sei der Kaisersack für die meisten seit vielen Jahren der einzige Ort für soziale Kontakte. (Stefan Simon)

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