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Blumen für Jutta Stössinger auf dem Hauptfriedhof.

Trauerfeier Jutta Stössinger

Trauer um FR-Redakteurin

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Abschied von FR-Redakteurin Jutta Stössinger: Wie sie Türen öffnete, das war einmalig. Stössinger war bei der FR zuständig für Literarisches und Wortgewandtes.

Das kann man sich ja heute kaum noch vorstellen, wie das gewesen sein muss, 1968, in Bielefeld und auch anderswo. Aber man bekommt einen Eindruck davon. „Damals haben Geflüchtete zusammengefunden“, sei es aus anderen Ländern, aus Ehen geflüchtet, aus engstirnigen gesellschaftlichen Umfeldern, und sie suchten eine neue gemeinsame Heimat. „Jutta war die Botschafterin Berlins in Bielefeld“, sagt ein Weggefährte: „Sie wollte die Kommune 3 unbedingt – und da haben wir uns darangemacht.“

Es gab große Pläne in jener Zeit – aus der Kommune 3 wurde dann doch nichts. Aber aus so vielem, was sich Jutta Stössinger vornahm, wofür sie lebte, wofür sie kämpfte. Was für eine warme, großherzige, tolerante und in manchen Angelegenheiten auch unerbittliche Frau sie war, das rufen ihre Freunde, Familie und Kollegen einander ins Gedächtnis, am Freitag auf der Trauerfeier für die im Mai 73-jährig Verstorbene.

Viele aus dem Kreis der Frankfurter Rundschau sind gekommen. Denn natürlich blieb Jutta Stössinger nicht lang die „Botschafterin“ in Bielefeld, schon sehr bald zog es sie nach Frankfurt – hier fand sie eine neue Heimat als FR-Redakteurin, zuständig für Literarisches und Wortgewandtes. Und machte aus den FR-Wochenendseiten „Zeit und Bild“ etwas ganz Besonderes, „einen Ort für Zeitung und Literatur zugleich“, erinnert die Schriftstellerin und enge Freundin Ulrike Kolb: „So viele verschiedene Formate!“

Bei der FR half Jutta Stössinger jungen Journalisten in die Höhe, bestärkte sie in ihren Verrücktheiten und förderte sie, spornte sie an, auch mal hinter den Horizont zu fliegen und sich selbst zu überholen. Wie sie Türen öffnete, das war einmalig. Sie nahm sich die Zeit und reichte die Arbeiten ihrer Autoren sogar bei Wettbewerben ein; oft gewannen sie verdiente Preise.

Kindliche Freude am Leben

Eine kindliche Freude am Leben strahlte die Frau aus, dazu nicken alle lächelnd. Sie nahm sich auch gern Sachen heraus. Über Alice Schwarzer habe sie geschrieben in einer Art, erzählt Ulrike Kolb, dass die Oberfeministin erbost in der Redaktion angerufen und verlangt habe: „Geben Sie mir mal Ihren Chef!“ Maskulinum. Abends hätten sich die Freundinnen in der Clique darüber beim Wein gekringelt.

Wie sich die Familie in der Trauerhalle des Hauptfriedhofs von Jutta Stössinger verabschiedet: Mach’s gut. Tschüs, Omi, die Erinnerung kann uns keiner nehmen. Gute Reise, Mama – das geht allen zu Herzen. Und der meistzitierte Charakterzug heitert alle wieder auf: Dieses „Also weeßte, jetz muss aber auch mal Schluss sein mit Jammern“, das die Ur-Berlinerin jedem Lamento irgendwann entgegensetzte. Jenes Aufmunternde, nach vorn Gerichtete konnte auch erleben, wer sie einst zufällig in der Frankfurter Innenstadt traf, auf dem Bürgersteig gegenüber dem alten Rundschau-Haus, das just in diesem Moment abgerissen wurde. „War aber auch’n alter Kasten“, sagte sie schließlich, nach Minuten des sprachlosen Zusehens. Und ging ihrer Wege.

Als die Trauergemeinde hinauszieht aus der Halle, begleitet sie das italienische Partisanenlied „Bella ciao“, ein Lied des Widerstands, ein Lied des Aufbruchs, ein Lied der Mutigen. ill

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