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Flucht aus der Ukraine: Weihnachten in Deutschland

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Von: Kathrin Rosendorff

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Alexandra Kosiakova (98) war als junge Frau Zwangsarbeiterin in Deutschland. Im März floh sie mit ihrer Familie wegen des Kriegs in der Ukraine nach Frankfurt.

Frankfurt - Als die 98-jährige Alexandra Kosiakova gemeinsam mit Tochter, Enkelin, Urenkelin und ihrem Hündchen Roma im März aus Kiew nach Frankfurt flüchtet, rechnet niemand von ihnen damit, dass sie an Weihnachten noch hier sein werden. Kosiakovas Tochter Alla Skliaruk (64) sagt: „Wir dachten, wir sind in ein, zwei Monaten wieder zu Hause.“ Die vier Generationen sitzen ein paar Tage vor Weihnachten auf dem roten Sofa ihrer Frankfurter Wohnung.

Alla Skliaruk erzählt, wie sie an einem Tag, als es nicht ganz so kalt war, ihre Mutter, die nur noch mit einem Gehstock gebückt ein paar Schritte laufen kann, in den Rollstuhl gesetzt und sie auf den Frankfurter Weihnachtsmarkt gebracht hat. Sie habe sich Pommes und Schokofrüchte gewünscht. „Das war lecker“, sagt Alexandra Kosiakova, und ihre blauen Augen leuchten. Sie war gerade beim Friseur, die Haare sind wieder so kurz wie bei ihrer Ankunft. Obwohl ihre Arme und Beine altersbedingt oft zittern, wie sie erzählt, kocht die „Babuschka“ im Sitzen für ihre Familie Suppen und korrigiert die Aufgaben der Enkelin aus dem Deutschkurs. In der Schule hatte Kosiakova Deutsch gelernt.

Flucht aus der Ukraine: Nicht das erste Weihnachten in Deutschland

Für Alexandra Kosiakova wird es nicht das erste Weihnachten in Deutschland sein. Denn als 19-Jährige wird sie im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten nach Deutschland verschleppt, muss zwei Jahre auf einem Bauernhof als Zwangsarbeiterin arbeiten. „Ich musste als Hofangestellte immer arbeiten. Zu Weihnachten mussten wir das Haus aufräumen, das Essen vorbereiten und alles wieder aufräumen und sauber machen.“ Daran erinnert sie sich noch genau. Die Flucht jetzt nach Deutschland hatte sie nur auf sich genommen, weil sie ihre Familie retten wollte. Das hatte sie beim ersten Treffen im April erzählt. Die Stimmung ist fröhlich, aber auch nachdenklich.

Alexandra Kosiakova (98), Tochter Alla Skliaruk (64), Enkelin Alina Khimich (32), Urenkelin Viktoria (11) und Hündchen Roma feiern in diesem Jahr zweimal Weihnachten.
Alexandra Kosiakova (98), Tochter Alla Skliaruk (64), Enkelin Alina Khimich (32), Urenkelin Viktoria (11) und Hündchen Roma feiern in diesem Jahr zweimal Weihnachten. © christoph boeckheler*

An diesem Tag ist die 98-Jährige, die immer noch bis tief in die Nacht die ukrainischen TV-Nachrichtensendungen verfolgt, stiller als bei den ersten beiden Interviews. Sie wünscht sich, dass an Weihnachten endlich Schluss ist mit dem Krieg in der Ukraine, es keine Bomben, Schüsse, Drohnenangriffe mehr gibt: „Putin soll auf Selenskyis Vorschlag eingehen, an Weihnachten alles zu beenden.“ Viel Hoffnung, dass es so kommen wird, hat sie aber nicht. Dazu ist sie zu realistisch.

Ihre Tochter sagt: „Ich habe sie vor ein paar Tagen gefragt, ob es okay, wäre, wenn Putin ein paar Gebiete der Ukraine besetzen würde, wenn dafür Frieden einkehrt.“ Alexandra Kosiakova sagt: „Nein, alle Gebiete müssen befreit werden.“ An diesem Tag gibt es Drohnenangriffe auf ihren Stadtteil in Kiew. „Diesmal waren es nur Amtsgebäude. Aber wenn eine Drohne unsere Wohnung, die ganz oben im zehnten Stock ist, trifft, ist sie sofort zerstört“, sagt Kosiakova.

Flucht aus der Ukraine: „Wir sind Deutschland sehr dankbar“

Hier in Frankfurt fühlen sie sich geschützt vorm Krieg. „Wir sind Deutschland sehr dankbar, dass wir so ruhig hier leben und schlafen können“, sagt Alla Skliaruk. Gleichzeitig machten sich alle große Sorgen um die Menschen, die in der Ukraine geblieben sind. Alina Khimich (32) hat sich bei ihrer Oma Alexandra liebevoll eingehakt. Die Enkelin trägt ein 200 Jahre altes Vhshyvanka-Kleid, eine Nationaltracht. Um 5.30 Uhr hatte sich ihr Freund bei ihr gemeldet, als wieder ein Luftalarm in Kiew war und die Stromversorgung für wenige Stunden eingeschaltet wurde. Die Menschen säßen dort den Großteil des Tages im Dunkeln und Kalten. Viele Heizungen seien elektrisch. „Das ist Alltag. Es ist sehr schwer ohne meinen Freund. Gerade jetzt an den Feiertagen. Normalerweise feiert er Weihnachten immer mit uns zusammen“, sagt Khimich. Seit vier Jahren sind sie ein Paar.

Manche Feiertage werden zweimal nach der Flucht aus der Ukraine gefeiert

Weihnachten feierten sie als Orthodoxe in Kiew immer am 6. und 7. Januar. Am 6. Januar gibt es traditionell zwölf Gerichte, am 7. Januar liegen die Geschenke unter dem Baum. „Weil wir jetzt in Deutschland sind, feiern wir zum ersten Mal auch am 24. Dezember Weihnachten. Bei uns gibt es sogar an Silvester Geschenke“, sagt Alina Khimich und lacht.

Silvester feiern sie übrigens auch zweimal: Am 31. Dezember und auch das Silvester nach dem alten Kalender am 13. Januar. Ein großer Feiertag ist auch der 19. Januar, die Taufe Jesus’: Khimich zeigt auf ihrem Smartphone ein Video, wie sie in Kiew noch wenige Wochen vor Kriegsausbruch im Bikini in den eisigen Fluss Dnipro rennt, dreimal komplett eintaucht und sich bekreuzigt. Sie ist die erste in der Familie, die diese Tradition durchzieht. „Ich suche hier in Frankfurt oder Umgebung jetzt dringend noch einen See oder Fluss, wo ich das am 19. Januar machen kann“, sagt sie.

Integration in Deutschland nach Flucht aus der Ukraine

Sie sucht auch für 2023 einen Mini-Job. Sie hat Luftfahrttechnik studiert, aber als ihre Tochter Viktoria geboren wurde, hat sie einen Schönheitssalon eröffnet. Gerade macht sie einen Online-Deutschkurs. „Ich versuche, bald auch in einen Integrationskurs reinzukommen. Ich lerne auch mit Viktoria Deutsch.“ Ihre Tochter, die am 6. Dezember ihren elften Geburtstag feierte, ist in den vergangenen Monaten sehr gewachsen und nun größer als ihre Mutter.

Viktoria trägt ein Sweatshirt, auf dem „No Bad Vibes“ steht. Sie hatte bis eben Unterricht in ihrer Integrationsklasse an einem Gymnasium. Sie ist die Jüngste in der Klasse. Da alle zwei Jahre älter seien, habe sie wenig Gemeinsamkeiten mit den anderen und dort noch keine Freund:in gefunden. „Sie hatte in ihrer letzten Deutscharbeit 14 von 15 Punkten“, erzählt Khimich stolz. „Viktoria kann als einzige in der Familie Rad fahren. Sie wird es mir hoffentlich beibringen. In Kiew fährt fast niemand Rad, weil der Verkehr zu gefährlich ist“, erzählt Khimich und lacht.

Nach Flucht aus der Ukraine – ein zweites Mal in Frankfurt

Dann sagt sie: „Wir haben gerade herausgefunden, dass die Oma von Viktorias Opa väterlicherseits aus Frankfurt in die Westukraine kam. Viktoria hat also Frankfurter Wurzeln.“ Alla Skliaruk sagt zum Schluss: „Wir sind gerade auf der Suche nach den Kindern oder Enkeln meiner Tante Natalia Borisovna Kosikova. Sie war die Schwester meines Vaters. Sie wurde während des Zweiten Weltkriegs wie meine Mutter auch nach Deutschland als Zwangsarbeiterin verschleppt. Sie ist aber in Deutschland geblieben und hat hier geheiratet.“ Der Kontakt sei aber bald nach dem Krieg abgebrochen. „Einmal bekamen wir einen Brief von Werner Richter aus Leipzig und einer Erna Müller, die wohl beide die Familie kannten. Aber auch da haben wir keinen Kontakt mehr.“

Alina Khimich sagt: „Es wäre so toll, wenn wir unsere deutschen Verwandten finden würden, dann könnten wir das nächste Weihnachten mit den alten und neuen Verwandten zusammen feiern.“ (Kathrin Rosendorff)

Wir begleiten die Familie, berichten in regelmäßigen Abständen über ihr neues Leben in Deutschland.

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