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Generaldirektor Volker Mosbrugger mit dem Fernrohr von Johann Christian Senckenberg.

Senckenberg-Museum

Geschichte in großen Portionen

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200 Jahre Senckenberg: Eine Ausstellung im Museum zeigt Riesenbücher, in denen verschiedene Epochen beleuchtet werden - auch die Zeit des Nationalsozialismus in Frankfurt.

Ein toter Affe von anno 1901. Eine tote Maus von 1914. Und da: das Grüngürteltier! Oder? Nein, sagt der Museumsleiter Bernd Herkner, „es sieht zwar dem Grüngürteltier ähnlich, aber ist der Edmontosaurus“ – wenn auch ein weitaus kleineres Exemplar als der berühmte Entenschnabelsaurier zwei Stockwerke tiefer, das einzige Originalskelett dieser Art in Europa. Man muss sich schon ein wenig mit den Exponaten beschäftigen, die Senckenberg seit Donnerstag in der Ausstellung zum 200-jährigen Bestehen zeigt. Aber dann sind sie umso spannender.

Sieben überdimensionale Bücher im Museum helfen bei der Einordnung – und überdimensional heißt riesig. Die Buchmodelle sind zwei Meter hoch und greifen jeweils eine Epoche auf; im ersten Stock etwa das 19. Jahrhundert, die Zeit der Gründer und Stifter. In der Vitrine flankiert sie ein Adlerfregattvogel aus dem Jahr 1830, daneben ein Australischer Lungenfisch, eingelegt in Konservierungsflüssigkeit seit kaum vorstellbaren 140 Jahren und doch erhalten, als wäre es gestern gewesen.

„Wir sind überzeugt davon, dass Geschichte etwas Wesentliches ist“, sagt Senckenberg-Generaldirektor Volker Mosbrugger bei der Ausstellungseröffnung. „Man versteht das Heute nur aus der Geschichte heraus.“ Auf dieser Basis habe die Senckenberg-Gesellschaft immer Neues angepackt, sich in den 60er Jahren schon früh der Umweltsorge zugewendet und heute dem Erhalt der natürlichen Artenvielfalt. Das alles soll die Ausstellung im ganzen Museum streiflichtartig erzählen, in enger Kooperation mit dem Institut für Stadtgeschichte und dem Historischen Museum. Dessen Direktor Jan Gerchow lobt Johann Christian Senckenberg, auf den alles zurückgeht, als Pionier in Deutschland und das Museum als Institution von Rang. Die vielen Exponate, die nach einem Konzept des Darmstädter Architekturbüros Point zusätzlich zur Dauerausstellung zu sehen sind, belegen das. Ins Foyer haben Kuratorin Maria Rahn und Herkner Stücke aus der Vorgeschichte gestellt: ein Wirbeltierskelett aus dem Jahr 1664; ein metallenes Fernrohr, durch das Senckenberg persönlich einst in die Ferne blickte. Weiter drinnen gibt es etwa einen Sammlungsschrank, in dem Carl Bosch Schmetterlinge aufbewahrte, ein Modell des Forschungskutters „Senckenberg“ von 1976, der immer noch auf den Meeren unterwegs ist, und auch ganz Neues: 3D-Ausdrucke und ein Gentechnik-Laborgerät.

Auf halbem Weg in den ersten Stock grüßt rechts ein eingelegtes Krokodil – und daneben die Abteilung, die zumindest einen kleinen Einblick in das Senckenberg der Nazizeit gewährt. Demnach kooperierte Museumsdirektor Rudolf Richter, soweit es im Interesse der Forscher war, und schützte jüdische Mitarbeiter. 1940 wurde Senckenberg als „kriegswichtig“ eingestuft, was bedeutete, dass es Fördermittel gab und Wissenschaftler vom Kriegsdienst freigestellt wurden. Allerdings mussten auch Mitarbeiter fliehen oder auswandern. 1943 wurde Senckenberg-Ehrenpräsident Arthur von Weinberg wegen seiner jüdischen Herkunft deportiert und starb in Theresienstadt. Kriegsbomben zerstörten Teile des Museums, Sammlungen wurden ausgelagert.

„200 Jahre Leidenschaft für Natur und Forschung“ heißt die Schau. Sie dauert bis Februar 2018, und sie hat auch Witz: Eine der Führungen im Rahmenprogramm würdigt Eduard Rüppell als den „Humboldt Frankfurts“ (13. September). Ein Vortrag genau zwei Monate später würdigt Alexander von Humboldt als den „Eduard Rüppell Berlins“. Mehr unter 200jahresenckenberg.de.

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