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Alexander Skipis, langjähriger Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, bleibt kämpferisch.
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Alexander Skipis, langjähriger Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, bleibt kämpferisch.

Göpferts Blick

Alexander Skipis: Die Freiheit aushalten

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, geht in den Ruhestand. Im Kampf für Menschenrechte und Meinungsvielfalt bleibt er aktiv.

Mitten im Gespräch federt Alexander Skipis aus seinem Sessel hoch, eilt zum Regal und fischt eine Chronik des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels heraus. Es ist der 14. Mai 1933, der ihn besonders umtreibt: An diesem Tag beschloss eine Versammlung des Börsenvereins in Leipzig ein „Sofortprogramm des deutschen Buchhandels“. Darin finden sich folgende Sätze: „In der Judenfrage vertraut sich der Vorstand der Führung der Reichsregierung an. Ihre Anordnungen wird er für seinen Einflussbereich ohne Vorbehalt durchführen.“ Diese Unterwerfung unter das nationalsozialistische Regime bedeutet für Skipis bis heute: „Der Börsenverein hat erbärmlich versagt.“ Dieses Versagen hat der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins in seinem Amt sechzehn Jahre lang als besondere Triebfeder für sein Handeln empfunden. Ende des Jahres geht der 67-Jährige in den Ruhestand, übergibt sein Büro im Haus des Buches in Frankfurt an seinen Nachfolger Peter Kraus vom Cleff. Mit Skipis an der Spitze hat sich die Organisation der deutschen Buchbranche verändert: Aus einem abgeschotteten, verstaubten Honoratiorenclub ist ein Vorkämpfer für Menschenrechte und Meinungsfreiheit und gegen rechts geworden.

Unvergessen der Oktober 2017, als Skipis auf dem Messegelände eine Demonstration gegen rechtsextreme Verlage anführte. Unvergessen die Mahnwachen, die der Jurist vor türkischen Gefängnissen für die Freilassung von Autorinnen und Autoren organisierte. In Erinnerung geblieben die Kampagne „On the same page“ für kulturelle Vielfalt und Toleranz, die er 2018 mit aus der Taufe hob.

Tatsächlich hat der Sohn einer tschechischen Mutter und eines griechischen Vaters selbst sehr früh Diskriminierung erfahren. „Die Frage: ’Woher kommen Sie eigentlich?‘ wurde mir oft gestellt.“ Im Frankfurter Gymnasium musste er vor der Klasse seinen Namen langsam buchstabieren: „Es war schrecklich.“ Auch an der Uni fragte der Professor den Jurastudenten nach seiner Herkunft und sagte dann öffentlich, „na ja, auch in Griechenland soll es ja gute Juristen geben“.

Deutsche Erfahrungen. Skipis’ Mutter, in Brünn geboren, rettete 1945 mit der Großmutter zusammen bei einem Vertriebenentreck aus der Tschechoslowakei nach Westen knapp ihr Leben. „Über ihren Zug wurde Benzin gegossen, das dann angezündet wurde.“ Der Sohn schlug sich auf dem Gymnasium mit Lehrern herum, die eine Ehe zwischen einem schwarzen Mann und einer weißen Frau als „unvorstellbar“ und „unappetitlich“ verurteilten. Als sich seine Klasse für das Buch „Abschied von den Eltern“ von Peter Weiss als Deutschlektüre entschieden hatte, den autobiografischen Bericht über eine Auseinandersetzung mit Vater und Mutter, „da warf der Deutschlehrer das Buch aus dem Fenster.“ Deutsche Erfahrungen.

Alexander wollte Arzt oder Pilot werden. Für Medizin waren seine Abiturnoten aber nicht gut genug („Ich war relativ faul“), dem Flugschein stand eine Sehschwäche im Wege. Also Entscheidung für ein Jurastudium. 1985 fiel der Rechtsreferendar dem damaligen Frankfurter Rechtsdezernenten Wolfram Brück (CDU) auf. Der holte den jungen Mann in sein Büro und nahm ihn mit, als er 1986 Frankfurter Oberbürgermeister wurde. So fand sich Skipis unvermittelt im Machtzentrum der Kommunalpolitik. 1995 dann der nächste Karrieresprung: Büroleiter der überraschend gewählten Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU).

Mit Roth zusammen habe er „ein starkes Team“ gebildet. Das Ziel: „Die stark verkrustete CDU in die Neuzeit zu bringen.“ Damals trat der Jurist auch in die CDU ein, deren Mitglied er nach wie vor ist. Mit seiner Partei aber hadert er damals wie heute. „Die CDU hat immer ein Problem: Sie nimmt gesellschaftlichen Wandel nicht zur Kenntnis und wenn überhaupt, dann mit großer Zeitverzögerung.“ Heute, in der Gegenwart, erhielten „die Volksparteien die Quittung dafür, dass sie es nicht schaffen, die Entwicklung in der Gesellschaft nachzuvollziehen, hin zu Transparenz, Partizipation und mehr Freiheitsrechten, hin zu mehr Respekt.“ Skipis trinkt schon den zweiten Espresso. Das Thema bringt ihn auf. „Wer die Veränderungen nicht versteht, hat keine Chance.“

Damals, in den 90er-Jahren im Frankfurter Römer, trat der Christdemokrat an der Seite der Oberbürgermeisterin für entschiedene Reformen ein. Etwa in der Drogenpolitik. Skipis unterstützte die von SPD und Grünen vorangetriebenen „Druckräume“, in denen Drogenkranke medizinisch versorgt wurden und Drogenkonsum möglich war. „Die CDU stand auf den Barrikaden, in München sprach Peter Gauweiler von Freibier für Alkoholiker.“ Das OB-Büro warb auch für die Rechte von schwulen und lesbischen Menschen, für den Bau von Moscheen in Frankfurt. Skipis lächelt in der Erinnerung. „Es ist uns gelungen, den Politikbetrieb zu verändern.“

Skipis setzte sich vor fünf Jahren für türkische Autoren und Autorinnen ein.

Aus dem Fenster seines Büros fällt der Blick über die Dächer der Altstadt auf die Paulskirche und Teile des Römers. Die 90er-Jahre waren die Zeit, in der Skipis in der Kommunalpolitik übte, was er dann ab 2005 im Börsenverein erfolgreich nachvollzog: Mehrheiten organisieren, Verhältnisse langsam umkrempeln. Der Manager kann dabei unglaublich penetrant und beharrlich auftreten. „Meine Mutter hatte einen großen Gerechtigkeitssinn, das hat mich sehr beeinflusst.“ Im Börsenverein überwand er so nach und nach die Trennung der einzelnen Sparten, der Buchhändler, Verlage, Zwischenhändler: „Die Sparten haben nie miteinander geredet, aber ich habe dann thematische Gruppen gebildet.“

Das Ziel des Hauptgeschäftsführers war und ist: Der Börsenverein müsse nach außen auftreten, müsse „Meinungsfreiheit und Menschenrechte deutlich ansprechen. Und die Branche, mit dem, was sie tut positionieren: Einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen einer freien, toleranten und demokratischen Gesellschaft zu leisten.“

In vielen Interviews, Auftritten vor Kameras machte Skipis das wahr. Er ist längst zum Medienprofi geworden, spricht nahezu druckreif, jederzeit zitatfähig. Er weiß, dass es darum geht, in einer durch das Internet irrwitzig beschleunigten Medienwelt noch Aufmerksamkeit zu erzeugen. Dabei legt er sich immer wieder mit der Bundesregierung an. „Das Eintreten der Politik für die Menschenrechte ist viel zu gering.“

Beispiel Saudi-Arabien: „Der Blogger und Menschenrechtsaktivist Raif Badawi sitzt dort jetzt seit neun Jahren in Haft, ohne dass wirklich etwas geschieht.“ Besonders zornig macht ihn, dass die Bundesregierung nach wie vor mit dem türkischen Regime kooperiert, obwohl dort viele Menschen aus politischen Gründen inhaftiert sind. Skipis kritisiert den Flüchtlingsdeal Deutschlands mit dem türkischen Präsidenten Recep Taycyp Erdogan: „Man engagiert einen Türsteher, der die Drecksarbeit macht.“

Die Drecksarbeit: Das heißt, die geflüchteten Menschen von den deutschen Grenzen fernzuhalten. Nicht nur gegenüber der Türkei, auch gegenüber Polen brauche es viel mehr politischen Druck. „Man muss klar fordern, dass z. B. die Disziplinarkammern für die Gerichte abgeschafft werden, sonst darf kein Geld der EU mehr fließen.“

Das sind Erwartungen an die neue Bundesregierung, die sich gerade bildet. Skipis hatte sich besonders für den Journalisten Can Dündar und die Autorin Asli Erdogan eingesetzt, die in der Türkei im Gefängnis saßen und heute beide in der Bundesrepublik im Exil leben. Beiden verschaffte die Frankfurter Buchmesse als Wirtschaftsunternehmen des Börsenvereins die Gelegenheit zu öffentlichen Auftritten. Der scheidende Manager glaubt an die Zukunft der Buchmesse, wenn die Corona-Pandemie erst einmal überwunden sein wird. Auch, wenn 2021 nur 1700 statt der sonst üblichen mehr als 7000 Aussteller nach Frankfurt kamen. „Die physische Messe wird über lange Zeit eine Bedeutung haben.“

Und dass, obwohl der Rechtehandel zunehmend im Internet abgewickelt wird und die sozialen Medien immer wichtiger werden. „Die Buchmesse in diesem Jahr hat gezeigt, dass es für viele in der Branche eine große Freude war, sich physisch wieder zu begegnen.“

Die Debatte um den Auftritt von rechtsextremen Verlagen auf dem Messegelände und die Gefahr, die von ihnen ausgehe, treibt Skipis um. Die schwarze Autorin Jasmina Kuhnke hatte ihren Auftritt abgesagt, weil sie sich auf der Buchmesse bedroht fühlte. Andere hatten sich ihr angeschlossen. Skipis widerspricht energisch: „Es gab keinen sichereren Ort als die Buchmesse.“ Dennoch müsse man „die Gefühle von Menschen sehr ernst nehmen, wenn sie sich bedroht fühlen.“ Skipis kontert auch die Ansicht der Frankfurter Grünen-Politikerin Mirrianne Mahn, Schwarze seien auf der Buchmesse nicht willkommen: „Das ist so falsch wie es nur falsch sein kann.“ Die Haltung der Messe, rechten Verlagen prinzipiell die Teilnahme zu erlauben, verteidigt er: „Solange nicht gegen Gesetze verstoßen wird, werden wir sie unter dem Gesichtspunkt der Meinungsfreiheit zulassen. Das muss man aushalten.“

Der scheidende Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins wünscht sich grundsätzlich eine andere Debattenkultur in Deutschland. Er warnt davor, die „Cancel Culture“ zu überziehen und gegen Werke der Kultur zu wenden. „Ein Stück wie Publikumsbeschimpfung von Peter Handke von 1966 wäre dann heute nicht mehr denkbar, es hat aber das Theater enorm weiterentwickelt.“ Das Gleiche gelte etwa für Inszenierungen des Frankfurter Schauspielintendanten Peter Palitzsch in den 70er-Jahren. Skipis Fazit: „Wir beginnen, uns selbst zu begrenzen und Kultur einzuschränken, die aber ihre Freiheit braucht.“

Alexander Skipis scheut klare Worte nicht. Und der Begriff der Freiheit wird für seine Arbeit weiter zentral bleiben. Im nächsten Jahr will er sich als selbstständiger Rechtsanwalt niederlassen. Von ihm wird man weiter hören.

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