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Stadtentwicklung in Frankfurt

"Städte verlieren an Lebenswärme"

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Alexander Kluge spricht im FR-Interview über Frankfurt heute und wie er die Stadt wahrnimmt.

Gestern als Betonbabel geschmäht, heute als Architekturmetropole gefeiert: Das Bild von Frankfurt hat sich deutlich verändert. Wie nehmen Sie Frankfurt wahr?
Die Städte sind versteinert. Sie verlieren an Lebenswärme. Das gilt auch für Frankfurt. Die Menschen, die in Frankfurt beispielsweise in den Banken arbeiten, versuchen, kleine Gemeinden zu bilden. Das ist eine verständliche Reaktion. Aber das Resultat ist, dass in der Stadt unterschiedliche Dörfer koexistieren, ohne sich auszutauschen. Da ist keine Reibung, sondern viel Flucht und Verdrängung. Wenn ich zurückschaue, von den Sechziger- über die Siebziger- bis hin zu den Achtzigerjahren, stelle ich fest, dass das Kulissenhafte in der Stadt überhandgenommen hat. Der Fassadenglanz überall, das ist Gründerzeit.

Die Siebzigerjahre bezeichnen Sie auch als Gründerzeit?
Ja, für mich reicht die Zeit nach der Gründung des Kaiserreichs bis weit in die Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts hinein. Der Wiederaufbau in den Fünfzigerjahren? Weitgehend Gründerzeit! Davon hat sich ein Architekt wie Ferdy Kramer auf eine wohltuende Weise abgehoben. Doch damals waren viele nicht in der Lage, eine architektonische Qualität aufzugreifen. Das war ungerecht. Auch das gestalterische Sensorium der Protestbewegung schien wenig entwickelt, obwohl diese Generation so reich an Erfahrung ist. Der Tenor war; Bauen ist uns egal, wir müssen die Welt verändern.

Stadtforscher haben das Ende der realen Stadt prognostiziert: Sie löse sich in den gegenwärtigen Globalisierungsprozessen von Ökonomie und Kultur auf. Vorwiegend junge Städter träfen sich nur nunmehr im globalen Netz und formierten imaginäre Gemeinschaften.
Die neuen Medien verhalten sich in gewisser Weise wie Stadtsanierer in den Siebzigerjahren: Sie produzieren entmischte Städte. In den Foren treffen sich Gleichgesinnte und bestätigen einander. Wir dürfen den Mittelwegen nicht vertrauen, diesen digitalen Autobahnen, die überall betoniert werden. Wir brauchen die Wiedergeburt des Polyphonen und die Reibung unterschiedlicher Milieus, Akteure und Interessen.

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