+
In der Altkönigstraße war sie einmal zuhause: Hilde Hess von der AG Westend.

Frankfurt Westend

Rosa Magnolien, sausende Bagger

  • schließen

Drei Filmemacher dokumentieren die sozialen Folgen der Aufwertung im Westend: "Frau Lenke wohnt nicht mehr hier" soll den Stadtpolitikern zeigen, was passiert, wenn Investoren in bewohnten Mietshäusern „ein profitsteigerndes Entwicklungspotential sehen“.

Oh, wie schön ist das Westend! In voller Pracht grünt und blüht es. Zu sehen im Hintergrund einer neuen Filmdokumentation. Von allen Seiten schieben sich die rosa Magnolienblüten des warmen Frühjahrs ins Bild. Dann aber Schnitt: Lärmende Minibagger rasen brechende Mauern entlang, es staubt und kracht.

Es sind genau die Bilder, die man aus dem Stadtteil seit Jahrzehnten kennt. Nun aber in Neuauflage, eingefangen von zwei Studenten der Goethe-Universität. Die Bildungsstätte thront ja selbst auf dem grünen Hügel über dem Westend.

Michael Stadnik und Martin Brüggemann, Studenten der Film- und Medienwissenschaften, arbeiten bei Uni-TV, dem Studierendensender. Sie spüren seit ein paar Jahren mit der Kamera den Nöten mit dem Wohnraum nach – erst leerstehend, dann umkämpft, zerstört und schließlich fehlend.

Dritte im Bunde der Doku-Autoren ist die Filmemacherin Edith Marcello, die seit Jahrzehnten im Stadtteil zu Hause ist. Marcello hat gerade ihre angestammte Wohnung Auf der Körnerwiese räumen müssen, es aber durch Beharrlichkeit geschafft, vom Eigentümer um die Ecke eine neue und auch bezahlbare Behausung zu bekommen.

„Der Film wird seine Runde machen!“, kündigt Marcello an. Es klingt kämpferisch, sie hat viel Trauriges erlebt. Der Filmtitel „Frau Lenke wohnt hier nicht mehr“ geht auf eine dieser traurigen Geschichten zurück – die einer alten Dame, die ein Aufkäufer unter Druck gesetzt hatte und die „eines Tages tot neben den Mülltonnen lag“.

Der Streifen soll den Stadtpolitikern zeigen, was passiert, wenn Investoren in bewohnten Mietshäusern „ein profitsteigerndes Entwicklungspotential sehen“. So grassiert es im Westend und „es trifft meist Frauen“, analysiert der Arzt Michel Roumer aus der Böhmerstraße 4 in einer Filmszene.

Und er fügt an: „Die treffe ich dann in den Altenheimen, die ich betreue.“ Auch René Chambosse hat seinen Auftritt. Im grün-karierten Hemd steht er vor dem Haus Schumannstraße 13, aus dem er sich mit allen Mitteln vertrieben sah. Er philosophiert: „Das Problem mit einem Mietshaus ist, dass es voller Mieter ist.“

„Heute spricht man von Investoren, früher nannte man sie Spekulanten“, konstatiert Hilde Hess in der Altkönigstraße, wo sie 1971 ein altes Haus räumen musste, ehe die Bagger kamen. Wie es in solchen Fällen zuging, zeigt der Film auch, gedreht vor 45 Jahren von Alexander Kluge.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare