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Parolen an den Wänden gehörten zur Uni wie die Mensa.

Kultur

Kluge präsentiert seinen „Winter of Love“

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Der Filmemacher und Autor lädt zu einer Zeitreise in den Dezember 1968 ein.

Einen Anruf von Alexander Kluge bekommt man nicht alle Tage. Der renommierte Filmemacher und Schriftsteller ist zwar schon 86 Jahre alt, aber noch immer höchst produktiv und beschäftigt. Wolfgang Schopf, der Leiter des Literaturarchivs der Goethe-Universität, war deshalb positiv überrascht, als sich der in München lebende Veteran des Neuen Deutschen Films bei ihm meldete. Kluge bot ihm an, seine Geschichte des Jahres der Revolte, also des Jahres 1968 in Frankfurt am Main, auch in Frankfurt zu erzählen.

Und genauso kommt es jetzt. Am Samstag, 13. Oktober, präsentiert der Filmregisseur nun unter dem ironischen Titel „Winter of Love“ historische Filmaufnahmen vom Geschehen an der Goethe-Universität im Dezember 1968. Dieses Filmmaterial von Günther Hörmann montiert Kluge dann mit eigenen Texten zu einem literarischen und filmischen Gesamtmotiv. Um 14.30 Uhr und um 16 Uhr geschieht das bei freiem Eintritt im Literaturarchiv der Goethe-Universität, im sogenannten „Dante 9“, eben im Haus Dantestraße 9, nur wenige Meter von der alten Universität in Bockenheim entfernt.

Kluge selbst hat sein Studium der Rechtswissenschaften, Geschichte und Kirchenmusik (!) lange vor 1968 absolviert, von 1950 an in Freiburg im Breisgau, Marburg und Frankfurt am Main. Anfang der 60er Jahre dann leistete er im Institut für Sozialforschung sein juristisches Referendariat ab, aber nicht beim berühmten Theodor W. Adorno, sondern beim Justitiar des Instituts, Hellmut Becker.

1962 gehörte KLuge zu den Initiatoren des berühmten Oberhausener Manifests, in dem junge Filmregisseure den Aufstand gegen „Opas Kino“ probten, den kommerziellen und künstlerisch uninteressanten deutschen Mainstream-Film. 1968 präsentierte Kluge seinen zweiten Spielfilm „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“, eine ironische Auseinandersetzung mit dem Geist der Utopie. Die Idee eines Reformzirkus scheitert – und die junge Frau, die sie hegt, geht zum Fernsehen. Noch im September 1968 gewann Kluge mit diesem Werk den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig.

Wenig später setzte an der Universität Frankfurt der „Winter of Love“ ein, von dem Kluge jetzt erzählen möchte - in ironischer Anspielung auf den „Summer of Love“ 1967, den Höhepunkt der Hippiebewegung in den USA. Tatsächlich deutete sich im Dezember 1968 ein langsamer Abgesang auf die Revolte an. Am 9. Dezember hatten Studenten das Institut für Sozialforschung an der Senckenberganlage besetzt. Sie begannen, einen alternativen Lehrplan zu verwirklichen. Das Haus wurde in „Spartacus-Seminar“ umbenannt.

Anders als im Sommer 1968 fackelte die Staatsgewalt nicht lang. Am Morgen des 18. Dezember rückte ein großes Polizeiaufgebot an, wollte das Gebäude räumen. Vergeblich: In der Nacht waren die Studenten gegangen. All das wird sich in den Filmaufnahmen von damals widerspiegeln.

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