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Zu Dürer durch Sylvesterreste.

Neujahr in Frankfurt

Mit Dürer ins neue Jahr

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Am Neujahrsmorgen ist Frankfurt menschenleer und voller Müll. Man konnte fleißige Mitmenschen beim Saubermachen zusehen oder in Ruhe die Dürer-Ausstellung besuchen.

Im Film „Der Omega-Mann“ (USA/1971) spielt Charlton Heston den letzten Menschen auf der Welt. Hat Nachteile: In der Stadt sieht’s unordentlich aus, weil die Müllabfuhr ja auch verstorben ist. Hat Vorteile: Heston kann jederzeit bargeldlos shoppen gehen. Oder eine Albrecht-Dürer-Ausstellung besuchen, falls Heston so etwas täte. Tut er aber nicht.

Am Neujahrsmorgen 2014 sieht es in Frankfurt auch unordentlich aus. Während man durch das Scherbenmeer radelt, stellt man fest, dass man zumindest nicht ganz allein ist. Die jungen Männer von der Ahmadiyya-Gemeinde fegen mal wieder den Eisernen Steg und haben Schilder dabei, die verraten, dass sie „Liebe für alle – Hass für niemand“ empfinden. Immerhin haben sie eine Beschäftigung. Sicherlich, man darf auch Menschen lieben, die ihre Silvesterraketenabschussbuddel im Vollsuff fröhlich auf dem Radweg zerdeppern. Muss man aber nicht.

Gemalter Schweinskram

Am Neujahrsmorgen in einer menschenleeren, vollgemüllten Stadt darf sich jeder beschäftigen, mit was er will. In der Nacht zuvor musste sich die Frankfurter Feuerwehr nach eigenen Angaben mit „verletzten Personen durch Feuerwerkskörper, verletzten Personen in Folge von tätlichen Auseinandersetzungen sowie Personen, die durch übermäßigen Alkoholkonsum medizinische Hilfe benötigten“ beschäftigen. Also der Art Personen, die Albrecht Dürer gern gezeichnet hat.

Ein Neujahrsmorgen hat neben vielen Nachteilen den Vorteil, dass man die Dürer-Ausstellung im Städel besuchen kann, ohne beim Warten verrückt zu werden. Albrecht Dürer (1471 - 1528) hat sich ausgiebig mit „der subtilen Ingenia der Menschen in frembden Landen“ beschäftigt. Gemalt hat er dann aber manchmal, bei Licht betrachtet, einen rechten Schweinskram, wie beispielsweise „Sechs nackte Figuren, in der Mitte an einen Baum gefesselter Mann“. Aber gut, die Muttergottes ist auch im Portfolio, dann passt‘s schon wieder.

Vor der „Himmelfahrt und Krönung Mariens“, einem der eher erhabenen Dürer-Bilder, steht der ehemalige Bundesinnenminister Manfred Kanther. Oder sein Doppelgänger. Man will nicht fragen, denn Kanther scheint innere Zwiesprache zu halten. Seine Augen aber sprechen für sich. „Liebe für alle – Hass für niemand“ scheinen sie zu sagen, und vielleicht ist ja was dran, wenn Kanther das auch sagt. Vielleicht sind auch die Glasflaschenschmeißer gar keine Saubande mehrfach verkommener Subjekte, sondern bedauernswerte Produkte unserer Gesellschaft, die man verstehen könnte, wenn das man nur wollte.

Unrat auf dem Holbein-Steg

Will man aber nicht. Weil Städel, Dürer und Kanther ist ein bisschen viel auf einmal, da kann man schon auf seltsame Gedanken kommen. Also schnell noch einen Blick auf „Fünf nackte Figuren um einen brennenden Leuchter“ geworfen, kurz daran gedacht, dass fünf nackte Figuren um einen brennenden Leuchter wenigstens keinen nennenswerten Unrat hinterlassen können, und hinaus auf den Holbein-Steg, der immer noch so ausschaut, als habe der General Blücher selig sich hier mal richtig ausgekotzt. Wer hier in der Silversternacht auch gefeiert haben mag – fünf nackte Figuren um einen brennenden Leuchter waren das jedenfalls nicht.

Dienst an der Schöpfung

Die Ahmadiyya-Mitglieder fegen am Eisernen Steg, weil „das Telos einer Geburt darin besteht, dem Schöpfer und gleichzeitig auch der Schöpfung zu dienen“. Ihre Kollegen von der FES fegen derweil das Bahnhofsviertel, nicht des Telos‘ wegen, sondern weil sie dafür bezahlt werden, wenn auch kümmerlich. Sie haben bereits am späten Vormittag ganze Arbeit geleistet und den Unrat soweit beseitigt, dass das menschliche Elend sich hier wieder Bahn brechen kann. Sie rauchen filterlose Zigaretten und werfen sich derbe Worte in vielen Zungen zu. Lebte Dürer noch, er zeichnete sie. Tut er aber nicht.

Am Ende von „Der Omega-Mann“ stellt sich übrigens heraus, dass Heston doch nicht der letzte Mensch auf Erden ist. Er stirbt zwar, aber das Leben geht weiter. So wohnt jedem Ende auch ein Anfang inne, und diese tröstliche Botschaft passt auch viel besser zu einem Neujahrsmorgen.

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