Maria Wismeth hat 18 Jahre lang die Hessische Filmförderung geleitet.
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Maria Wismeth hat 18 Jahre lang die Hessische Filmförderung geleitet.

Hessische Filmförderung

Kulturelle Filmförderung stärken

  • Regine Seipel
    vonRegine Seipel
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Maria Wismeth hat sich 18 Jahre um die Filmförderung in Hessen gekümmert. Jetzt ist sie ihr Ruhestand. Im Interview spricht sie über das Filmland Hessen und die Zukunft der Filmförderung.

Maria Wismeth sieht nicht aus wie eine Rentnerin. Groß, schlank, kurze graue Haare, trägt sie ein buntes Shirt mit engem lila Rock, als sie das Konferenzzimmer in der Hessischen Filmförderung betritt. Eine Frau mit Stil, einnehmendem Lächeln und positiver Ausstrahlung. Es passt in ihr Erscheinungsbild, dass sie seit Jahren Yoga praktiziert. In dem hellen Raum mit Filmplakaten, in dem mancher Deal ausgehandelt wurde, wird einer ihrer letzten Kaffees aus der neuen Büromaschine eingeschenkt.

Frau Wismeth, ich hoffe, Sie trinken Kaffee?
Sehr gern. Ich mag nur den mit Luft aufgeblasenen Milchschaum nicht.

Wann waren Sie eigentlich das letzte Mal nur so zum Spaß im Kino?
Da muss ich wirklich überlegen, normalerweise gehe ich mindestens einmal pro Woche. Ja, es war der neue Spielfilm von Jan Schomberg, „Vergiss mein Ich“ – ein toller Regisseur, der auch schon den Hessischen Filmpreis für Kurzfilm bekommen hat. Von ihm werden wir sicherlich noch viele tolle Filme sehen. In den vergangenen Wochen habe ich ständig Filme geschaut – für die Nominierung des Hessischen Filmpreises.

Das ist ja Arbeit. Wo sichten Sie das Material?
Zu Hause, wenn so ein Termin wie der Hessische Filmpreis ansteht, beinahe pausenlos. Für die Förderung von HessenInvestFilm, wo ich in der Entscheidungskommission über die Auswahl mit entscheide, musste ich in den vergangenen Wochen auch noch Filme schauen.

Der Filmpreis wird also Ihre letzte Amtshandlung sein?
Nur die Vorschläge habe ich noch gemacht und die Jurysitzung Ende Juli vorbereitet. Dabei sein werde ich nicht mehr.

Dafür haben Sie künftig viel Zeit, öfter ins Kino gehen.
Das werde ich auch. Das Mal-Seh’n- Kino liegt ja vor meiner Haustür. Bisher habe ich fast alle Filme auf Festivals gesehen, das gehörte zu meinem Job. Künftig brauche ich wieder mehr Kino.

Haben Sie einen Lieblingsfilm zu Hause im Schrank, den Sie immer wieder sehen?
Ganz viele.

Die kulturelle Förderung hat ein kleines Budget

Zum Beispiel?
Von Truffaut „Jules und Jim“, „Der Clou“, ich mag auch Blockbuster wie „Pretty Woman“ oder „Jenseits von Afrika“. Gerade entdecke ich wieder die Fassbinder-Filme neu, die mir in den 70er Jahren zu manieriert erschienen. Fassbinder würde ich mir nie zu Hause anschauen, er hat noch echte Leinwandfilme gedreht, mit gewaltigen Bildern, ausgeklügelten Licht- und Schattenverhältnissen und Figurenkonstellationen.

Sie haben eine Leidenschaft für Arthouse-Kino und anspruchsvolle Filme. Werden diese in Hessen ausreichend gefördert?
Die kulturelle Filmförderung, für die ich zuständig war, hat ein sehr, sehr kleines Budget. Wir können also nicht wirklich aufbauend arbeiten. Aber wir haben immer versucht, innovative Regisseure und Regisseurinnen über mehrere Jahre zu begleiten.

Sie haben sich vor einigen Jahren für Exzellenzförderung junger Talente stark gemacht. Was ist daraus geworden?
Das war eine Idee, die gemeinsam mit Anja Hennigsmeyer von der Medienakademie entstand. Wir haben überlegt, wie wir ausgebildete Leute in Hessen halten. Die meisten müssen nach Berlin gehen, wenn sie wirklich weiterkommen wollen. Leider fehlte das Geld für die Umsetzung eines solchen Konzepts. Es ist daher dringend nötig, dass der lange geplante Umbau der Filmförderung endlich vorankommt.

Die Zusammenlegung der Töpfe und ein einheitliches Film-Förderkonzept für Hessen ist eine der Baustellen, die Sie nicht beenden können. Beunruhigt Sie das?
Schön ist das nicht. Ich habe sehr gehofft, dass ich die Gründung einer solchen GmbH noch mitgestalten kann. Es gibt Befürchtungen bei kleinen Produktionsfirmen und Filmemachern, dass das Geld nur noch in Großprojekte wie Matthias Schweighöfers „Schlussmacher“ fließt. In anderen Bundesländern ist das teilweise passiert. Aber in Hessen sitzt die kulturelle Filmförderung gut im Sattel. Die hessische Filmszene, mit Filmbüro, Filmhaus und der Vereinigung hessischer Filmemacher ist gut vernetzt und stellt eine starke politische Kraft dar. Wenn sie diese bei der Umstrukturierung einbringt, kann etwas Gutes entstehen.

Warum konnten Sie den Prozess nicht mehr zu Ende bringen?
Die Verhandlungen stagnieren im Moment, auch bedingt durch den Politikwechsel im Januar. Auf der Berlinale hat der neue Kultusminister Boris Rhein erklärt, dass er die neue Förderstruktur 2015 umsetzen will. Da werden ihn alle beim Wort nehmen. Film hat in Hessen leider keine Priorität, was schade ist, weil er zur kulturellen Identität gehört und auch ein Wirtschaftsfaktor ist. Man könnte da viel mehr daraus machen.

Was erwarten Sie von einer neuen Filmfördergesellschaft?
Die kulturelle Filmförderung muss gestärkt werden: Dokumentarfilme, Nachwuchsprojekte, experimentelle Arbeiten. Das Budget von rund zwei Millionen Euro muss im Moment auch noch für Kinoförderung, Festivals, Produktionsförderung und die Filmpreise reichen. Das ist einfach zu wenig. HessenInvestFilm kann etwa fünf Millionen Euro im Jahr, allerdings zu völlig anderen Konditionen, vergeben.

Was muss passieren?
Das Geld sollte teilweise von oben nach unten umgeschichtet werden. Ich vertraue da auf eine gewisse politische Vernunft. Wenn man sich nicht nur am roten Teppich orientiert und Mainstream fördert, sondern auch anspruchsvolle Filme für ein Zielgruppen-Publikum, gewinnt man am Ende mehr. Mit München und Berlin kann Hessen ohnehin nicht mithalten, muss es auch nicht. Ein eigenes Profil ist wichtiger. Außerdem kann nur mit einer differenzierenden Förderung die hiesige Filmszene stabilisiert und neue Kreative angezogen werden.

Sie waren auch für die Kinoförderung zuständig. Wie zufrieden sind Sie mit dem Angebot in der Region?
Wir haben in Hessen einige Programmkinos und kommunale Kinos auch auf dem Land, das ist sehr schön. In Frankfurt gibt es zu wenige. Hier muss man sich beeilen, wenn man einen Film sehen will, nach einer Woche läuft er nicht mehr. Europäisches Kino jenseits der Blockbuster wird außer im Mal Seh’n, Orfeos Erben, der Harmonie und im Cinema kaum abgebildet. Von solchen Kinos bräuchten wir mehrere in einer Großstadt. Angesichts der Verfügbarkeit von Filmen im Internet wird ja mal wieder über das Sterben der Kinos diskutiert. Ich glaube nicht daran, die Menschen schätzen das gemeinsame Erlebnis in öffentlichem Raum. Die Kinos werden sich verändern, aber Untergangsgesang ist verfrüht.

Was macht für Sie die Qualität von Kino aus?
Man konzentriert sich mehr auf den Film und hat danach den Austausch. In dieser Richtung sollten Kinos gehen, Veranstaltungen zum Film, Diskussionen und Themenschwerpunkte organisieren. Die mit dem Kinoprogrammpreis ausgezeichneten Filmtheater setzen all das beeindruckend um. Außerdem hat ein Kinofilm eine andere Erzählstruktur als ein Fernsehfilm, weil er viel stärker auf Bilder statt auf Dialoge setzt. Eine Totale auf dem Bildschirm bringt nichts, auch sehr dunkle Bilder gehen unter. Ich meine das nicht wertend, Kino ist einfach ein anderes Medium.

Die Digitalisierung hat eine große Umstrukturierung für die Kinos gebracht. Wie weit ist dieser Prozess in Hessen?
Ziemlich abgeschlossen, die Filmkunsttheater sind alle modernisiert. Es fehlen nur noch etwa zehn Kinos, überwiegend im ländlichen Raum, einige auch Teilzeit-Kinos, deren Besitzer älter sind und sich die digitale Technik vielleicht auch nicht zutrauen. Außerdem entstehen durch die nötigen Updates erhebliche Folgekosten, die Kinos müssen also einen gewissen Umsatz haben.

Sie mussten beruflich bedingt immer viel auf Festivals präsent sein. Werden Sie den Glamour solcher Veranstaltungen vermissen?
Das kann gut sein. Ich war ja regelmäßig in Saarbrücken, bei der Berlinale, dem Filmfest München, in Locarno, manchmal auch in Venedig, je nachdem, wo von uns geförderte Filme vertreten waren. Vielleicht fahre ich im Herbst privat zu einem Festival nach Korea.

Und der Umgang mit schwierigen Filmleuten, wird der Ihnen auch fehlen?
Ja. Ich mag sie, auch wenn in der Kommunikation manchmal eine gewisse Klarheit nötig ist. Ich bewundere diese Menschen für die Anstrengung, dieses Durchhaltevermögen, das Klinkenputzen beim Geld einsammeln. Jeder Film, der fertig wird, ist schon eine Leistung an sich. Ich habe großen Respekt vor Filmemachern und verstehe, dass sie manchmal kapriziös sind.

Beim Hessischen Filmpreis im Oktober werden Sie aber dabei sein.
Dieses Jahr nicht. Ich finde, man muss einen Schnitt machen, und den Neuen das Feld überlassen. Ich will nicht als graue Eminenz im Hintergrund wirken. Das ist für mich kein guter Stil. Vielleicht komme ich nächstes Jahr als Gast.

"Ich habe großen Respekt vor Filmemachern"

Nach 18 Jahren Filmförderung – was war Ihr größter Erfolg?
Man hat nie allein Erfolg. Ich freue mich, dass wir die Kulturelle Filmförderung über alle Sparrunden gerettet haben, dass wir gerade Dokumentarfilme in Hessen stark machen konnten, und dass der Hessische Filmpreis aus dem Keller des Filmmuseums zu einem gesellschaftlichen Ereignis im Rampenlicht aufgestiegen ist. Das hat Hessen als Filmland gestärkt. Und Feiern ist eh immer gut. Ich finde nur, dass die Preisträger noch stärker im Mittelpunkt stehen sollten.

Sind Sie stolz, dass Hessen auch als Drehort immer beliebter wird?
Klar, da hat die wirtschaftliche Filmförderung von HessenInvest- Film viel dazu beigetragen, aber auch in der Kulturellen Filmförderung haben wir darauf geachtet, dass Filmemacher mehr in Hessen drehen. Das Potenzial ist riesig, gerade der nordhessische Raum ist unverbraucht, da lässt sich viel machen, wenn die Kräfte in der neuen Gesellschaft gebündelt werden.

Sie waren mal Lehrerin für Deutsch und Englisch. Wie kamen Sie zum Film?
Ich habe schon als Schülerin einen Filmclub organisiert, in Lohr am Main. Unter der Bedingung, dass wir genug Leute hereinholen, durften wir einmal in der Woche im örtlichen Kino einen Film zeigen. Ingmar Bergman und Alain Resnais in einer unterfränkischen Kleinstadt – und es war immer voll. Nach dem Studium habe ich kurz als Lehrerin gearbeitet und dann mit zwei Freundinnen in einem leer stehenden Kino in einem Dorf bei Limburg den Mondpalast eröffnet.

Wann war das?
1980, eine Superzeit für Programmkinos, es herrschte große Aufbruchstimmung für alternative Projekte. Wir haben gut verdient, „Rocky Horror Picture Show“, „Harold und Maude“: Solche Filme waren immer voll. Dazwischen konnten wir Experimentelles zeigen, wie etwa New Yorker Aktionskünstler.

Das klingt spannend, warum haben Sie aufgehört?
Aus familiären Gründen. Ich habe meinen Sohn bekommen, danach habe ich in der Werbung gearbeitet, bis ich zurück zum Film wollte.

Haben Sie den Wechsel bereut? Sie könnten jetzt eine Beamtenpension bekommen.
Nein, ich wollte ja nicht Beamtin werden. Die Vorstellung, dass ich mit Mitte Zwanzig schon weiß, wie mein Leben bis zur Rente abläuft, fand ich furchtbar. Deswegen habe ich damals als Lehrerin gekündigt.

Was haben Sie jetzt vor, außer weiterhin Filme anzuschauen? Haben Sie Angst vor der Leere?
Nein, ich freue mich, ich habe mir ein halbes Jahr Pause verordnet und will bewusst keine Pläne machen. Diesen Luxus habe ich mir noch nie gegönnt. Ob ich es aushalte, weiß ich nicht. Vielleicht suche ich mir doch schnell irgendwas Neues.

Wie wäre es mit einem neuen Programmkino in Frankfurt?
Mal schauen. Kann schon sein, dass ich mich weiter mit Kino beschäftigte. Wenn ich nochmal etwas Neues anfange, muss es auf jeden Fall sinnhaft sein. Was das sein könnte, weiß ich jetzt wirklich noch nicht. Hauptsache, das Leben bleibt interessant.

Interview: Regine Seipel

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