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Die Besetzerinnen und Besetzer wollen mit Aktionen auf die Wohnraumproblematik aufmerksam machen.

Wohnungslose

Aktivistinnen und Aktivisten besetzen Brachfläche neben Ostbahnhof

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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Die Gruppe möchte einen weiteren Wagenplatz in Frankfurt etablieren. Tag für Tag erstellen sie ein Programm, von Frühsport über einen Erste-Hilfe-Kurs bis hin zu einem Kinoabend.

Eine Gruppe von zehn Leuten hat die Brachfläche neben dem Ostbahnhof mit ihren Bussen besetzt. Das Gelände befindet sich leicht versteckt neben dem Ostbahnhof und gegenüber dem Danziger Platz. Am Eingang zur Brachfläche hängt gut sichtbar ein großes Banner mit einem bunten Graffiti. Darauf steht: „We need homes to stay at home“ („Wir brauchen Häuser, um zu Hause zu bleiben“).

In einem offenen Brief, den die Gruppe auf dem Kurznachrichtendienst Twitter veröffentlichte, schreibt sie, dass es gerade in der Zeit der Pandemie besonders problematisch sei, dass viele Menschen kein Zuhause hätten und obdachlos in Frankfurt leben müssten. „Es gab bereits von vielen Seiten die Forderung, Hotels und Leerstand, den es in Frankfurt ja zu genüge gibt, für Menschen ohne festen Wohnsitz zur Verfügung zu stellen.“

Doch die Forderungen fanden in ihren Augen bisher zu wenig Beachtung. Deswegen wollen sie durch Aktionen weiterhin auf die Problematik aufmerksam machen.

Die Botschaft ist also klar, und im besten Falle wollen sie einen neuen Wagenplatz in Frankfurt neben der Au in Rödelheim und der Baumschule in der Nähe der Mainkur etablieren. „Optimal wäre natürlich, einen Vertrag mit der Stadt zu vereinbaren, sagt einer der Besetzer, der sich „Dutt“ nennt, weil er seine Haare zu einem Dutt gebunden hat. Doch so einfach wird es wohl nicht. Das Gelände gehört der Deutschen Bahn, die sei bereits über die neuen Anwohnerinnen und Anwohner informiert worden, sagt Ralph Rohr, ein Sprecher des Ordnungsamts. „Offenbar ist das Gelände vor kurzem auch veräußert worden.“

„Nachbarschaft ist sehr positiv auf uns gestimmt“

Bisher habe es jedoch noch keine negativen Besuche gegeben, sagt Dutt. „Die Nachbarschaft ist sehr positiv auf uns gestimmt, vom Frankfurter Garten erhalten wir täglich Wasser, eine ältere Frau bot uns an, bei ihr zu duschen.“

Die Bewohnerinnen und Bewohner erweitern nun täglich ihren Wagenplatz, haben aus dicken Ästen ein Waschbecken gebaut oder aus einer Plane und Holzpaletten ein Schwarzes Brett.

Jeden Abend planen sie im Plenum ein Tagesprogramm für den nächsten Tag. Am Sonntag spielte ein Musiker ein paar Songs auf seiner Akustikgitarre, am Montag schauten sie abends in ihrem Freiluftkino einen Film. „Es kamen Leute vorbei mit einem Generator und einem Beamer“, sagt Dutt. Die Leinwand besteht aus einem großen weißen Laken, das sie an einen Bauzaun gehängt haben. Jeden Tag kämen immer mal wieder Leute vorbei. Vor kurzem hatten sie Besuch von Politikern der Grünen und Linken. „Wir sind eine offene Gruppe. Jeder ist bei unserem Plenum willkommen“, sagt Dutt.

Die Brachfläche haben sie sich nicht zufällig ausgesucht. Neben Dutt sitzt Anna. „Wir hatten uns erkundigt, wo in zentraler Lage ein geeigneter Platz frei wäre“, sagt Anna. Dutt und Anna kennen sich durch eine Wagenplatz-Initiative. Sie sind beide von der Corona-Krise und dem schwierigen Wohnungsmarkt in Frankfurt betroffen. „Ich komme jetzt mit meinem Bus in den dritten Winter“, sagt Dutt. Er studiert im Master Soziologie, lebte zuvor auf dem alten Wagenplatz der Baumschule am Borsigplatz. Doch den Platz mussten sie wegen den Bauarbeiten zum Riederwaldtunnel räumen. Seitdem wohnte er in verschiedenen Straßen der Stadt.

Dutt hat sich für das Leben im Bus entschieden, weil er wusste, wenn er ein Vollzeitstudium beginnt, könnte er nebenbei nicht arbeiten gehen. Und ein WG-Zimmer in Frankfurt könnte er sich so nicht leisten. Darüber hinaus hat Dutt durch die Corona-Krise seinen Nebenjob verloren und sich dann Geld von Freunden geliehen, weil er als Student eine Zeit lang keinen Anspruch auf staatliche Hilfe hatte. „Ich überlegte sogar, mein Studium abzubrechen, um Hartz IV zu erhalten.“

Anna hingegen wohnt noch in einer WG, allerdings wird sie dort in drei Monaten ausziehen. „Die Wohnung ist zu klein und zu teuer. Wir mussten dort einziehen, weil mein Mitbewohner und ich aus unserer alten Wohnung rausgeschmissen wurden, weil der Vermieter Eigenbedarf angemeldet hatte“, sagt sie. Auch Anna verlor ihren Job. Sie arbeitete bei Stageservice, doch das Unternehmen ging bankrott, seitdem lebt Anna von Hartz IV – und nun mit ihrem Freund in einem Bus auf dem Wagenplatz am Ostbahnhof.

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