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Nach dem Attentat von Halle haben sich zahlreiche Menschen vor der Synagoge in Frankfurt zu einer Gedenkveranstaltung versammelt. 

Widerstand gegen rechts

Rechte Gewalt: „Die AfD und die neue Rechte sind Teil des Problems“ 

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Der Frankfurter DGB-Chef Philipp Jacks fordert im Kampf gegen Rechts den Einsatz von allen anständigen Bürgerinnen und Bürgern.

Seit drei Jahren ist Philipp Jacks Geschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes in der Region Frankfurt/Rhein-Main. Politisch engagiert sich der 43-Jährige unter anderem gegen Rechtsextremismus. Nach den Anschlägen in Halle hielt er vor der Westend-Synagoge in Frankfurt eine vielbeachtete Rede. Die FR sprach mit Jacks über Antisemitismus und den Protest gegen die AfD,

Herr Jacks, der DGB spielt eine große Rolle im Römerbergbündnis aus Kirchen, Jüdischer Gemeinde, Gewerkschaften und Jugendring. Zuletzt trat das Bündnis aber recht selten auf. Waren Sie zu leise? Oder anders gefragt: Hätten Sie stärker und häufiger gegen die Wahlerfolge der AfD protestieren sollen?
Wir haben uns im Bündnis intensiv darüber unterhalten. Die AfD stellt uns tatsächlich vor die Schwierigkeit, dass sie zwar in relevanten Teilen rechtsextremistisch ist, aber eben nicht so offen rechtsextremistisch wie die NPD und andere Gruppen, gegen die das Bündnis in der Vergangenheit Zeichen gesetzt hat. Wir wollten auch nicht bei jeder AfD-Wahlkampfveranstaltung das Römerbergbündnis aktivieren. Das hätten wir einerseits nicht leisten können, das Römerbergbündnis soll andererseits aber auch weiterhin nur in besonders relevanten Fällen aktiv werden, um die Wichtigkeit des Anliegens zu unterstreichen. Wir hatten zum Protest gegen die NPD-Demonstration am 1. Mai aufgerufen, die aber glücklicherweise abgesagt wurde.

NPD und AfD: Widerstand hört bei vielen „beim Jammern und Meckern leider auf“

Zur Mahnwache nach den Anschlägen in Halle kamen rund 1000 Leute. Ist das wirklich ein Erfolg?
Klar ist: Mehr ginge immer. Da sind wir dann aber auch bei der Frage: Wie hoch ist die Bereitschaft in der Bevölkerung, sich gegen rechts zu engagieren? Überhaupt an Demonstrationen teilzunehmen? Wir waren sehr froh über die 10 000 Menschen bei der Europa-Demo im Mai und die 10 000 beim Konzert „Rock gegen rechts“ im vergangenen Jahr.

Aber noch mal die Frage: Sind diese Zahlen wirklich ein Erfolg? Zum ersten Rock-gegen-rechts-Festival im Jahr 1979 in Frankfurt kamen 50 000 Menschen, bei der Demonstration gegen einen NPD-Aufmarsch waren damals 40 000 Leute auf der Straße.
Für Deutschland sind das gute Zahlen, aber in anderen Ländern gibt es da ein viel ausgeprägteres Bewusstsein und eine höhere Bereitschaft, auf die Straßen zu gehen, um den politischen Verantwortlichen in den Hintern zu treten. Bei vielen hört es beim Jammern und Meckern leider auf, ein wirkliches Interesse, an Veränderungen mitzuwirken, gibt es viel zu wenig. Ich glaube, das liegt auch an mangelnder politischer Bildung, viele kennen ihre Möglichkeiten gar nicht. Noch nicht mal ihre Rechte. Etliche Schüler lernen in der Schule nicht mal, was Gewerkschaften sind, dass sie die Interessen der Lohnabhängigen vertreten. Das ist schon ein Armutszeugnis für eine angeblich soziale Marktwirtschaft.

Philipp Jacks (Zweiter von rechts neben Oberbürgermeister Peter Feldmann) kämpft gegen rechte Strukturen.

In Ihrer Rede haben Sie geforderte, dass der Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus über das regelmäßige Bedauern nach Taten wie in Halle hinausgehen müsse. Was meinen Sie konkret?
Wir müssen den Mut haben, zu widersprechen, wenn judenfeindliche, menschenfeindliche oder andere herablassende Sprüche im Bekanntenkreis gekloppt werden. Im Verein, im Beruf, in der Familie. Wir müssen in der Praxis um unsere Demokratie kämpfen. Wir dürfen auch die von unseren Großeltern tradierten Herrenwitze nicht mehr tolerieren und mit den Achseln zucken, vielleicht sogar mitlachen. Wir müssen klare Grenzen setzen: keine Toleranz den Intoleranten und den Chauvinisten. Es geht nicht um Juden oder Ausländer, Flüchtlinge oder Arbeitslose. Es geht um die Würde des Menschen, es geht um die Demokratie, es geht um uns alle. Im menschenverachtenden Weltbild des rechtsextremen Terroristen von Halle verbinden sich Antisemitismus, Antifeminismus und Rassismus. Daraus entsteht eine mörderische Ideologie. Genau diese Verbindung der drei selbstüberschätzenden, also chauvinistischen Ideologien finden wir auch bei der AfD.

Rechtsextremismus: AfD kultiviert den Menschenhass 

Die jetzt in Thüringen von jedem Vierten gewählt wurde.
Ja. Die AfD hat zwar keinen offensichtlichen Antisemitismus in ihrem Programm und hat sich nach dem Anschlag in Halle unschuldig gezeigt. Es führt aber kein Weg daran vorbei, die AfD und die neuen rechten Bewegungen als Teil des Problems zu sehen. Erstens kultiviert die AfD Menschenhass. Menschen werden objektiviert, und vor allem Minderheiten werden kollektiv negative Eigenschaften zugeordnet. Zweitens tolerieren und akzeptieren die AfD und die rechten Bewegungen in ihren Reihen Leute, Gruppen und Medien, die offen oder verdeckt Antisemitismus vertreten.

Was erwarten Sie von der Politik?
Die politisch Verantwortlichen müssen Aufklärung und politische Bildung stärken, statt Antifaschisten zu Verfassungsfeinden zu erklären. Lehrerinnen und Lehrer müssen besser qualifiziert und gestärkt werden, um rechtsradikales und chauvinistisches Gedankengut zu erkennen und ernstzunehmen. Sie brauchen Ansprechpartner, die sie in schwierigen Situationen beraten.

Rechtsextremismus: Antisemitische Ideologien 

In Ihrer Rede haben Sie einen weiten Bogen geschlagen bis hin zur Bluttat in Frankfurt-Bornheim, bei der eine Frau von ihrem Ex-Partner erstochen wurde. Passt dieser Vergleich tatsächlich? Hier ein antisemitisch motivierter Anschlag, dort eine Beziehungstat?
Den Täter von Halle als geisteskranken Einzeltäter zu beschreiben, wie es immer wieder zu gerne bei rechtem Terror geschieht, ist ein – wohlwollend gesagt – naiver Fehler. Alle diese Attentäter sind eingebettet in Ideologien, die sich bis in die Mitte der Gesellschaft ätzten. Fast allen Attentätern ist außerdem gemein, dass sie Männer sind. Wir müssen uns auch endlich mit toxischer Männlichkeit beschäftigen und deren zerstörerische Kultur brechen. Vor diesem Hintergrund ist auch der Messermord in Bornheim kein tragischer Einzelfall mehr, keine Beziehungstat. Es ist wieder einmal ein Mann, der seine empfundene Demütigung in Überlegenheit fantasiert und Probleme mit Gewalt lösen will.

Sie sagen, chauvinistisches Denken und Vorurteile seien weit verbreitet in der Gesellschaft. Sind Sie selbst immun dagegen?
Nein. Ebenso wenig wie Sie. Wir dürfen nicht denken, wir selbst seien gefeit gegen chauvinistisches Denken. Wie denken Sie über den Bettler an der Straße? Behandeln Sie die Menschen am unteren Rand der Gesellschaft mit dem gleichen Respekt wie die Menschen auf den höheren Sprossen der sozialen Leiter? Ist uns die Gesundheit von arbeitenden Kindern am anderen Ende der Welt ebenso wichtig wie die Gesundheit deutscher Kinder? Auch wir dürfen die Schuld für die gesellschaftlichen Zustände nicht nur bei den anderen suchen. Die Politik muss nun schleunigst die Rahmenbedingungen für eine aufgeklärte, demokratische und gerechte Welt schaffen, aber auch wir müssen jeden Tag daran arbeiten.

Interview: Georg Leppert

Der Attentäter von Halle ist Antisemit und gegen Gleichberechtigung. Über diesen Zusammenhang muss gesprochen werden. Der Gastbeitrag.

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