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Eine Frau schützt sich mit einem Mundschutz.

Interview

Ärztin an der Corona-Front: „Wir fühlen uns wertlos“

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Coronavirus-Pandemie: Allgemeinärztin Schaffner über die Arbeit am Limit und fehlenden Schutz für ihr Personal.

Sie fühle sich als Hausärztin von den Verantwortlichen alleine gelassen, sagte die Frankfurter Allgemeinärztin Martina Schaffner vor zwei Wochen im FR-Interview. Wir fragten nach, ob die Lage sich gebessert hat.

Frau Schaffner, wie war die dritte Woche an der Corona-Front?
Wir sind kurz vorm Auswandern. Für uns ist das hier seelisch und körperlich sehr belastend. Wir trennen die Sprechstunden in infektiös und nichtinfektiös. Das ist jeden Tag aufs Neue ein Riesenaufwand. Momentan geht das auch nur zeitweise gut: Da haben sie gerade alles durchgeputzt und dann saust ein Patient rein, der hochinfektiös ist. Das ist eine Gratwanderung.

Hat sich die Versorgung mit Schutzausrüstung verbessert?Die versprochene Lieferung, die durch die Bundeswehr verteilt werden soll, ist ausgeblieben. Die Kassenärztliche Vereinigung KV Hessen kann auch nicht helfen. Ich habe mittlerweile bei drei verschiedenen Medizinbedarf-Lieferanten eine Schutzkittel-Bestellung laufen. Alle können nicht liefern. Ich habe jetzt noch einen einzigen Kittel übrig. Und der Oberhammer: Die Masken, die ich beim Farben- und Lackehändler aufgetrieben hatte, werden von den Krankenkassen nicht bezahlt, obwohl der Schutz identisch ist mit dem des Medizinbedarfs. Einziger Grund ist, dass sie angeblich nicht ISO-zertifiziert seien. Das sind sie aber, aber halt nicht als Medizinprodukt. Das heißt ich bleibe auf den Kosten sitzen.

Die KV hat ja jetzt die Hotline für Ärzte eingerichtet. Hat sich dadurch nichts verbessert?
Die Hotline ist chronisch besetzt. Wenn man dann doch durchkommt, können die einem auch nicht helfen. Weder bei der Frage mit der Kostenerstattung noch bei Fragen zu der ausstehenden Lieferung der Bundeswehr.

Seit Wochenanfang gibt es in Frankfurt zwei Corona-Testzentren. Hat dies die Lage entspannt?
Das Problem ist, dass die Patienten zum Hausarzt geschickt werden, wenn sie nicht im Risikogebiet waren oder Kontakt zu einer infizierten Person hatten. In diesem Moment brauche ich wieder Schutzmaterial und Abstrichmedien. Denn jeder Patient, der hier reinkommt ist potenziell infektiös. Ich sehe ihm nicht an der Stirn an, ob er mit dem neuartigen Coronavirus infiziert sein könnte, Influenza hat oder nur einen harmlosen Infekt. Eigentlich müsste ich mich bei jedem hustenden, fiebrigen Patienten komplett maskieren. Aber das geht nicht, weil ich kein Schutzmaterial habe.

Das klingt dramatisch.
Ich bin gespannt, wie lange das noch so läuft. Wir sind die, die hier unten kämpfen und nicht gesehen werden. Wir fühlen uns wertlos. Ich darf mich gefährden und mein Personal dazu. Ich mache das hier weiter für die Patienten, die uns brauchen, aber eigentlich würde ich am liebsten sagen: Ihr lieben Leute da oben, redet nicht nur, tut was. Besorgt uns Schutzkleidung. Hinzu kommt noch, dass die Barmer Ersatzkasse im Moment Regressandrohungen für Krankengymnastik im Jahr 2018 quer durch die Hausärzteschaft verschickt. Das in einer solchen Phase! Meine eigene KV prüft aktuell die Dokumentation meiner Akupunkturen von vor einem Jahr. In einer Zeit von Corona und Infektionsbeherrschung. Als hätten wir nicht andere Probleme.

Wie ist die Stimmung unter den Patienten?
Man muss sie loben. Sie rufen fast alle vorher an. Aber sie sind sehr verunsichert. Sie wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen wenn sie gerade in Italien waren und es im Hals kratzt. Nur einzelne sind böse, beschimpfen mein Personal, weil sie nicht wegen Halskratzen in die Sprechstunde kommen dürfen, sondern so die Krankmeldung bekommen. Sie sind auch stark verunsichert, weil in Italien alles geschlossen wird, während bei uns alles so weiterläuft.

Interview: Jutta Rippegather

Einfach mal abwarten und abwägen. Fake News überprüfen, nicht alles teilen. Ein Kommentar von FR-Chefredakteur Thomas Kaspar zu Informationen in Corona-Zeiten.

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