Für den Cellisten Frank Wolff war Adorno ein „Gegenvater“.

Interview 

„Adorno hatte Angst vor den Beatles“

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Frank Wolff, Cellist und einst Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS), über sein Verhältnis zu dem großen Philosophen.

Frank Wolff (73) wurde als Cellist und geistreicher Kritiker der Verhältnisse mit dem „Frankfurter Kurorchester“ berühmt. Der Träger der Goetheplakette lebt heute in Berlin. 

Herr Wolff, können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Theodor W. Adorno erinnern?
Aber ja. Das war in einem Proseminar, das er an der Frankfurter Universität im Hörsaal VI gehalten hat, und ich hielt ein Referat über die Klassentheorie bei Marx. Ich war erst im zweiten Semester, und er hat mir spontan die Doktorarbeit angeboten. Ich weiß noch, dass ich mich an diesem Abend total betrunken habe, weil ich so begeistert war. Sie müssen sich vorstellen, dass da 600 Leute waren in diesem Proseminar. Ich trug einen schwarzen Anzug, ganz brav. Und so jung.

Wie würden Sie ihr Verhältnis zu Adorno beschreiben? War das eine Hassliebe?
Aber nein. Von Hass gab es da keine Spur. Ich habe ihn verehrt. Das galt schon für die Zeit, als ich noch in Freiburg Musik studiert hatte. Damals hatte er gerade seine Kritik an dem Philosophen Martin Heidegger und dessen Verhalten in der Nazizeit veröffentlicht. Die fand ich interessant und einleuchtend.

„Adorno wurde für mich zu einem Gegenvater“

Wo lagen die Wurzeln für diese Verehrung?
Nun, Sie müssen sich vorstellen, er kam als jüdischer Emigrant wieder zurück nach Deutschland, in das Land der Täter, das so viele Juden getötet hatte. Ich hatte früh meine Eltern verloren, ich war zu diesem Zeitpunkt schon Waise. Adorno wurde für mich zu einem Gegenvater. Er war eine theoretische und politische Autorität für mich. Und natürlich war ich als Aktivist und dann auch als zweiter Bundesvorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) auch gegen die Nazis.

Wie war er in seinem persönlichen Auftreten?
Erstaunlich präsent. Er sprach bemerkenswert gut und präzise, auch komplizierte Sätze konnte er auswendig und ohne Manuskript sprechen. Er wirkte genauer und überlegter als viele andere. Er besaß große und sehr eindrucksvolle Augen, die zugleich immer ein wenig ängstlich wirkten.

Er hat die Studentenbewegung ja anfangs durchaus unterstützt und mit Sympathien begleitet.
Ja, anfangs schon. Wir haben mit ihm diskutiert. Wir waren seine Schüler, und er war ein bisschen stolz auf uns. Als wir uns dann gegen ihn gewandt haben, als wir das Institut für Sozialforschung besetzt haben, war das schrecklich für ihn, und die Situation wurde bedrückender.

„Es wurde behauptet, wir hätten ihn umgebracht“

Als er am 6. August 1969 im Alter von nur 65 Jahren starb, wurde ja behauptet, die Auseinandersetzungen an der Universität in Frankfurt hätten ihn so belastet, dass er daran gestorben sei.
Ja, es wurde behauptet, wir hätten ihn umgebracht. Das ist falsch. Das ist einfach Unsinn. Es gab damals im Sommer 1969 alle möglichen Dinge, die ihn belasteten, unter anderem auch die Revolte der Studenten. Eine Geliebte hatte ihn verlassen, habe ich gehört. Sein Buch über Beethoven wurde nicht fertig. Tatsächlich ist er ja im Urlaub gestorben, in seinen geliebten Bergen in der Schweiz. Er ist einfach den Berg hochgerannt, da hat er einen Herzschlag erlitten.

Im Sommersemester 1969, kurz vor seinem Tod, hatte es ja das berühmte „Busenattentat“ in einer Vorlesung Adornos gegeben. Junge Frauen sprengten die Vorlesung, verteilten Flugblätter, auf denen stand „Adorno als Institution ist tot“, und entblößten schließlich ihre Brüste.
Ich weiß. Ich bin ja dabei gewesen im Hörsaal, als das geschah. Das war sicherlich schockierend für ihn, auch für mich, aber daran stirbt man nicht. Heute denke ich als alter Mann, warum sind sie nicht zu mir gekommen … (Solche drei Pünktchen mochte Adorno gar nicht.)

„So jemand wie Adorno fehlt uns“

Welche Werke von Adorno haben Sie damals gelesen?
Nun, natürlich habe ich als Musiker das gelesen, was er über Musik geschrieben hat. Und dann natürlich die „Dialektik der Aufklärung“ und „Minima Moralia“. Ich wurde ja dann selbst als Künstler mit meinem Cello so eine Art Missing Link zwischen der Frankfurter Schule Adornos und der Neuen Frankfurter Schule der Satire. Ich habe die alte Frankfurter Schule dann verlassen und bin zur Musik zurückgekehrt.

Gab es da Parallelen zwischen ihrer musikalischen Entwicklung und seiner?
Ja, er hat schon früh in seinem Leben, als Jugendlicher, komponiert, und er wurde später Schüler von Alban Berg. Er hat sich dann aber dagegen entschieden, eine musikalische Laufbahn einzuschlagen, weil er bemerkt hatte, dass er nicht so genial war wie Berg oder Schönberg. Er hat sich dann ganz auf die Philosophie und das Schreiben verlegt; er meinte, damit das höchste Niveau zu erreichen. Was ja stimmt.

Was hat uns Adorno heute noch zu sagen?
Es ist jetzt gerade wieder ein Text über Rechtsradikalismus von ihm veröffentlicht worden, ein Vortrag, den er 1967 gehalten hat und der jetzt wieder bei Suhrkamp erschienen ist unter dem Titel „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“. Da beleuchtet er schon vieles von dem, was heute geschieht. So jemand wie Adorno fehlt uns in Deutschland und in den USA. Er brachte die Dinge auf den Punkt wie kein anderer.

„Das enthemmte Gekreische war ihm nicht geheuer“

Hat Adorno auch geirrt?
Ja, sicherlich. Das, was er über Strawinsky oder über den Jazz geschrieben hat, ist eine heikle Sache und war auch falsch. Er hat den US-Komponisten John Cage noch wahrgenommen und die Neue Musik in den 60er Jahren, aber damit war für ihn eine Grenze erreicht. Adorno hat zum Beispiel Angst gehabt vor den Beatles, das war nicht seine Welt.

Er hatte Angst vor den Beatles, warum das denn?
Es ging ihm dabei nicht um die Musik der Beatles. Es ging ihm dabei um die Reaktionen des Publikums, als Massenphänomen, das enthemmte Gekreische. Das war ihm sicherlich nicht geheuer. Es hat ihn wahrscheinlich an die Reaktionen der Massen in Deutschland auf Hitler erinnert.

Warum stieß er damals an seine Grenzen?
Weil er nun einmal aus einer bürgerlichen Musiktradition kam. Beim Beat und beim Rock haben sich diese ganzen überkommenen Formen aufgelöst. Das hat ihn überfordert und erschreckt.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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