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Hans Fleischhacker (vorne li.) und Bruno Beger (vorne re.) im Auschwitz-Prozess am 28.10.1970 auf der Anklagebank.

Auschwitz-Prozess

Morden für die Schädelsammlung

Zwei Frankfurter Anthropologen vermaßen in Auschwitz Menschen und wählten Häftlinge aus, die für die "Wissenschaft" sterben mussten. Vor 50 Jahren standen sie vor Gericht.

In Frankfurt am Main wurde Bruno Beger 1911 geboren. In den 1960er Jahren, als die Frankfurter Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelte, lebte er wieder in seiner Geburtsstadt. Der promovierte Anthropologe trat im Sommer 1943 eine besondere Reise an. Zusammen mit seinem Kollegen, Dr. habil. Hans Fleischhacker, in den sechziger Jahren Privatdozent an der Goethe-Universität, fuhr er nach Auschwitz. Im Konzentrations- und Vernichtungslager vermaßen die „Wissenschaftler“ Häftlinge. Ein mitgereister Präparator fertigte Abformungen von 20 ausgewählten Lagerinsassen an. Die Gesichtsmasken wurden an das SS-Ahnenerbe geschickt, dem Heinrich Himmler als Präsident vorstand.

Beger und Fleischhacker führten nicht nur Vermessungen durch, sie wählten auch 115 Häftlinge aus: 79 Juden, 30 Jüdinnen, vier „Innerasiaten“ und zwei Polen. 86 von ihnen, ihre Namen und ihre Herkunft hat der Journalist Hans-Joachim Lang recherchiert, wurden in das im Elsass gelegene KZ Natzweiler verbracht.

Vor ihrer Vergasung in einer eigens hergerichteten Gaskammer entnahm Beger den Opfern noch Blutproben für Blutgruppenuntersuchungen und machte Röntgenaufnahmen von den Männern und Frauen. Nach ihrer Ermordung wurden die Opfer ins Anatomische Institut der „Reichsuniversität“ Straßburg gebracht. An dem von Professor August Hirt geleiteten Institut sollte eine „Schädel-“ beziehungsweise „Skelettsammlung“ aufgebaut werden.

Bereits im Dezember 1941, der „Russland-Feldzug“ war in den Augen der Nationalsozialisten noch ein siegreiches Unternehmen, notierte der Geschäftsführer des „Ahnenerbes“, der in Nürnberg zum Tode verurteilt und in Landsberg hingerichtete Wolfram Sievers, in sein Diensttagebuch: „SS-Obersturmbannführer Dr. Beger: Besprechung eines Vorschlags zur Beschaffung von Judenschädeln zur anthropologischen Untersuchung. Zusammenarbeit mit SS-Untersturmführer Prof. Dr. Hirt, Straßburg.“

Von wem der Vorschlag kam und auf welche Weise „Judenschädel“ beschafft werden sollten, notierte Sievers nicht. Anfang 1942 sandte er aber an Heinrich Himmler unter anderem eine „Denkschrift“, die den Vorschlag aufgriff und zugleich konkretisierte. Wer das schreckliche Dokument verfasst hat, ist ungeklärt. In dem Himmler unterbreiteten Schriftstück ging es um die „Sicherstellung der Schädel von jüdisch-bolschewistischen Kommissaren zu wissenschaftlichen Forschungen in der Reichsuniversität Straßburg“. Der „Krieg im Osten“ bot die Gelegenheit, einem Mangel abzuhelfen, den der unbekannte Verfasser mit großem Bedauern feststellte: Von nahezu „allen Rassen und Völkern“ gab es „Schädelsammlungen“, von „Juden“ jedoch nicht.

Da der von Hitler erlassene „Kommissarbefehl“ die Tötung aller „jüdisch-bolschewistischen Kommissare“ vorsah, war die bereits im Dezember 1941 angesprochene Beschaffung von „Judenschädeln“ kein Problem. In der „Denkschrift“ heißt es deshalb: „In den jüdisch-bolschewistischen Kommissaren, die ein widerliches aber charakteristisches Untermenschentum verkörpern, haben wir die Möglichkeit, ein greifbares wissenschaftliches Dokument zu erwerben, indem wir uns ihre Schädel sichern.“ Behilflich sollte die vorgeblich von Sieg zu Sieg eilende Wehrmacht sein, die die gefangengenommenen „Kommissare“ der Feldpolizei übergeben sollte.

Ein „besonderer Beauftragter“ sollte die Opfer sammeln, vermessen und fotografieren, Herkunft, Geburtsdatum und sonstige Personalangaben festhalten und sodann die „Köpfe“ der ermordeten Kommissare, „in eine Konservierungsflüssigkeit gebettet“, „in eigens zu diesem Zwecke geschaffenen und gut verschließbaren Blechbehältern zum Bestimmungsort“ senden. Als Adressat vorgesehen war die Straßburger Universität. Dort galt es sodann, „die vergleichenden anatomischen Forschungen, die Forschungen über Rassenzugehörigkeit, über pathologische Erscheinungen der Schädelform, über Gehirnform und -grösse“ durchzuführen.

Wussten die Angeklagten von der Tötungsabsicht? 

Wie vorgestellt und vorgeschlagen, klappte die Beschaffung der Schädel nicht. Himmler und seine Helfer wählten deswegen Auschwitz als geeigneten Ort aus, an dem sich vorgeblich „Judenschädel“ besorgen ließen. Bereits im August 1942 hatte Beger die Reise nach Auschwitz antreten wollen. Eine im Lager ausgebrochene Fleckfieber-Epidemie verhinderte das Vorhaben. Erst im Juni 1943 kam die Fahrt nach Auschwitz zustande. Vorgeblich suchten Dr. Beger und Dr. Fleischhacker nach sowjetischen Kriegsgefangenen „mongolischen Typs“. Doch gefangene Angehörige der Roten Armee gab es zu diesem Zeitpunkt so gut wie keine mehr in Auschwitz.

Wohl waren im Oktober 1941 über 10 000 sowjetische Kriegsgefangene nach Auschwitz verbracht worden. Doch von diesen waren bereits Anfang Mai 1942 nur noch rund 190 am Leben. Was suchten also die deutschen „Wissenschaftler“ in Auschwitz? Welchen Auftrag hatten sie auszuführen? Nach welchen Kriterien wählten sie die 115 Häftlinge aus? Wussten sie, als sie in Auschwitz tätig waren, von dem Plan, die Häftlinge zu töten und ihre Leichen dem Anatomischen Institut der Universität Straßburg zur Verfügung zu stellen?

Das Verbrechen der „Straßburger Schädelsammlung“ ist bereits im Nürnberger Ärzteprozess verhandelt worden. Eugen Kogon und Alexander Mitscherlich/Fred Mielke schrieben darüber. Als im Sommer 1959 die Frankfurter Staatsanwaltschaft begann, gegen Auschwitz-Täter zu ermitteln, stießen sie auch auf Dr. Bruno Beger, wohnhaft in Frankfurt-Sachsenhausen.

Da er dringend verdächtig war, an den Morden beteiligt gewesen zu sein, erließ das Amtsgericht Frankfurt am Main Ende März 1960 Haftbefehl. Unverzüglich wurde er vollstreckt, doch Anfang August kam der Beschuldigte aus der Untersuchungshaft frei. Seine Mitwisserschaft an den Morden hatte sich nicht konkretisieren lassen.

Staatsanwalt Warlo verfasste die Anklageschrift 

Die mit den Auschwitz-Verfahren und mit Prozessen gegen Mitarbeiter Adolf Eichmanns überlastete Frankfurter Staatsanwaltschaft kam mit der Erhebung der Anklage gegen Beger nicht voran. Deshalb beauftragte Fritz Bauer einen jungen Staatsanwalt seiner Behörde, die Anklageschrift auszuarbeiten. Allein auf der Grundlage der Akten, die neben Vernehmungsprotokollen eine Vielzahl von erhalten gebliebenen Dokumenten des „Ahnenerbes“ enthielten, verfasste Staatsanwalt Johannes Warlo die Anklageschrift. Mit Datum vom 8. Mai 1968 wurde die von Fritz Bauer unterzeichnete Anklage beim Landgericht eingereicht. Nachdem das Gericht das Hauptverfahren eröffnet hatte, konnte im Oktober 1970 der Prozess beginnen.

Nicht nur Beger und Fleischhacker, auch der Persönliche Referent von Wolfram Sievers, Wolf-Dietrich Wolff, stand in Frankfurt vor Gericht. Die Anklage wurden von zwei Staatsanwälten der landgerichtlichen Staatsanwaltschaft vertreten, einer von ihnen war Gerhard Wiese, der bereits in den beiden ersten Frankfurter Auschwitz-Prozessen (1963/65 und 1965/66) Anklagevertreter gewesen war. Die Angeklagten hatten gute, in NS-Prozessen vielfach erprobte Verteidiger. Bruno Beger, der Hauptangeklagte, wurde von den Rechtsanwälten Fritz Steinacker und Rainer Eggert vertreten.

Im Gegensatz zu der in der Anklageschrift vertretenen Auffassung, dass Bruno Beger der Verfasser der furchtbaren „Denkschrift“ war und von Anbeginn des Vorhabens von der Tötungsabsicht wusste, gelangt das Frankfurter Schwurgericht zu der Erkenntnis, dass Beger weder die Urheberschaft der „Denkschrift“ noch ein Wissen um den Tötungsplan nachzuweisen war. Für erwiesen erachteten die drei Richter freilich, dass der Angeklagte Frankfurter Beger, einst ein weitgereister Anthropologe mit allerhand akademischen Ambitionen, im KZ Natzweiler Kenntnis vom Schicksal der ausgewählten 86 Häftlinge hatte. Er führte die Blutgruppenuntersuchungen und die Röntgenaufnahmen aus, im Wissen um den bevorstehenden Tod der Menschen. Das Urteil lautete auf Beihilfe zum gemeinschaftlich begangenen Mord an 86 Menschen, der Strafausspruch: drei Jahre Freiheitsstrafe.

Da Beger nach dem Krieg in Internierungshaft und 1960 einige Monate in Untersuchungshaft gesessen hatte, wurde sie ihm angerechnet und die Strafe galt als verbüßt. Der Gehilfe zum Massenmord hatte noch ein langes Leben. 2009 verstarb er hochbetagt in Königstein im Taunus. Seine beiden Mitangeklagten kamen gleichfalls glimpflich davon. Der Frankfurter Privatdozent Fleischhacker wurde freigesprochen, die Taten von Wolff waren verjährt. Die „Straßburger Schädelsammlung“, die in Frankfurt am Main ihr gerichtliches Nachspiel hatte, erschreckt noch heute. „Wissenschaftler“ erwiesen sich als willige Gehilfen einer von Rassenhass geleiteten Staatsführung. Der Antisemitismus eines Hitler und Himmler gebar verantwortungslose Helfershelfer, sofern sie nicht selbst die Rassenideologie ihrer Befehlshaber teilten. Vor Gericht war ihnen ihre innere Einstellung zur vollbrachten Tat schwerlich zweifelsfrei nachzuweisen.

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