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Keine Sichtprobleme: Eintracht-Maskottchen Attila.

Justiz

Eintracht Frankfurt: Adler müssen sitzen

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Ein blödsinniger Streit im Waldstadion endet tragisch - vor dem Amtsgericht zeigt der Täter nicht einmal rudimentäre Reue.

Zwei, drei mal im Jahr gehen Günter K. und seine Freunde ins Frankfurter Waldstadion, um echten Fußball zu sehen. Sie sitzen dann immer in Block 16, Reihe 2. Dort sitzen und sehen sie gut, und wenn jemand in Reihe 1. herumtoben sollten, dann befiehlt die Rentner-Gang „Sitzen machen!“ Das klappt fast immer.

Am 3. März 2018 klappt es nicht. Die Eintracht gewinnt zwar letztlich mit 1:0 gegen Hannover 96, aber der 71 Jahre alte K. und seine Kumpels können das Spiel nicht recht genießen. Der 29 Jahre alte Immobilienkaufmann Marc O. sitzt mit seiner Freundin, seiner Mutter und seinem Vater in Reihe 1. Oder schlechter: Er steht. „Respekt- und rücksichtslos“ sei das Verhalten der Familie gewesen, die immer wieder vorschriftswidrig aufgestanden sei: beim Singen der Eintracht-Hymne vor Anpfiff, bei torgefährlichen Szenen nach Anpfiff. Als Sebastien Haller kurz vor Ende mutterseelenallein auf das Hannoveraner Tor zuläuft und es O. schon wieder vom Sitz reißt, reißt K. der Geduldsfaden: Er zieht O. an seinem Schal, dass dem die Luft wegbleibt, nimmt ihn in den Schwitzkasten, O. kann sich befreien, will jetzt K. eine verpassen, haut daneben, rutscht unglücklich vom Stuhl und fällt hin.

Was da noch keiner ahnt und was am selben Abend auch in der Notaufnahme des Krankenhauses nicht erkannt wird: O. hat sich bei dem Sturz die Wirbelsäule gebrochen. Das wird erst Wochen später erkannt, als O. die Uni-Klinik aufsucht, weil er sich nicht mehr bewegen kann und die Schmerzen immer schlimmer werden. Noch heute muss er ein Stützkorsett tragen, seinen Beruf hat er verloren, er kann keinen Sport mehr treiben, ins Stadion traut er sich auch nicht mehr.

110 Kilo gegen 60

Niemand wirft K. vor, das gewollt zu haben. Aber dass er und seine Freunde sich am Dienstag vor dem Amtsgericht aufführen wie Veteranen der Selbstgerechtigkeitsliga, das ist schon allerhand. Noch immer geben sie sich fassungslos über die asoziale Aufsteherei von Familie O. Günter K. sagt, er habe lediglich nach mehreren ebenso höflichen wie vergeblichen Bitten, sitzen zu bleiben, O. nur ganz sanft berührt. Da sei der „wie ein Berserker“ auf ihn losgegangen, so dass er lediglich sein nacktes Leben verteidigt habe. Es muss ein kurioser Anblick gewesen sein: K. ist 1,81 Meter groß und wiegt 110 Kilo, O. bring bei einer Größe von 1,68 Metern keine 60 auf die Waage.

Die Aussagen von K.s Freunden wirken lieblos am Stammtisch abgesprochen. Allein, dass fast alle wortwörtlich aussagen, „der Günter“ habe lediglich „mit zwei, drei Fingern am Saum der Jacke gezupft“ habe, wirkt doch etwas verdächtig.

Am Ende sind alle fassungslos. Günter K., weil das Amtsgericht ihn wegen gefährlicher Körperverletzung und Nötigung zu einer Bewährungsstrafe von acht Monaten und 3000 Euro Schmerzensgeld an O. verurteilt. K.s Freunde, weil die Staatsanwaltschaft ankündigt, gegen sie wegen Falschaussage ermitteln zu wollen. Am fassungslosesten aber ist Marc O. „Warum entschuldigt sich der nicht einfach?“, fragt er laut sich selbst, als K. zum zigsten male lamentiert, er habe doch „für Sitzplätze gezahlt“. Dabei ist die Antwort darauf recht klar: Weil er es nicht kann.

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