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Ein Beben im Stadion und in der City 

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Von: Stefan Behr

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Die Eintracht-Fans jubeln nach dem Siegtreffer beim Public Viewing im Waldstadion.
Die Eintracht-Fans jubeln nach dem Siegtreffer beim Public Viewing im Waldstadion. © Harald Bremes/Jan Huebner

Die Frankfurter Triumphnacht zeigt lautstarke Adler als Krone der Schöpfung. In der Stadt findet man Scherben, Bengalos und Hupkonzerte.

Das Eichhörnchen (sciurus vulgaris) und der Eintracht-Fan (homo hoelzenbein) haben eines gemeinsam: Beide nähren sich mühsam. Der Eintracht-Fan freut sich alle Jubeljahre mal über einen großen Titel und muss von diesem dann Jahre zehren. Das Hörnchen bunkert Nüsse und hat es auch nicht leicht.

Das war’s dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Das Eichhörnchen ist ein tagaktiver Einzelgänger – der Eintracht-Fan das genaue Gegenteil, wie am Mittwochabend im Stadion eindrucksvoll zu beobachten war. Zehntausende Zuschauer:innen brachten das Stadion zum Beben, es war so brechend voll, dass noch vor dem Anpfiff der Innenraum gesperrt wurde, und je später der Abend, desto lauter die Gäste. Spätestens zum Elfmeterschießen erreichte die Lautstärke Jericho-Niveau.

Das Eichhörnchen hat auch noch alle Nüsse im Baum. Der Eintracht-Fan hingegen nicht mehr einen Böller im Schrank. Offenkundig hat er seit dem letzten internationalen Titel fleißig Feuerwerk gehortet, um es in einer einzigen Nacht der Nächte abzufackeln. Bereits im Stadion war zum Entsetzen der Ordnungskräfte etwa soviel Pyrotechnik im Einsatz wie beim jüngsten Rammstein-Konzert. Bengalos brannten dann auch nachts in der Innenstadt, wurden als Fackeln aus fahrenden Autos gehalten, während dazu die Hupen tröteten, dass es eine Art hatte. Bis in die frühen Morgenstunden wurde geböllert, wie man das sonst nur vom Eisernen Steg in Silvesternächten kennt. Wer keinen Knallkörper zur Hand hatte, machte Krach mit anderen Hilfsmitteln. Bereits gegen 2 Uhr nachts glich ein Lauf über die Hauptwache einem Scherbengericht für die Füße. Zum Glück war dank ausreichender Bengalo-Illumination stets zu sehen, wo man besser nicht hintreten sollte.

Das Eichhörnchen hat es da ohnehin besser, es schwingt sich elegant von Ast zu Ast und ist daher vor Scherben gefeit und weder auf Tram noch U- oder S-Bahn angewiesen. Der Eintracht-Fan hingegen schon. Zwar war es nach Spielende noch durchaus möglich, wenn auch nicht schön, mit viehwagenähnlich vollgestopften Waggons zum Hauptbahnhof zu gelangen, dort aber war für die meisten dann schon Endstation. „Aus Sicherheitsgründen“, wie auf Infotafeln zu lesen war, hatten die Trambahnen dort den Verkehr eingestellt, es ward empfohlen, auf U- und S-Bahnen auszuweichen, die aber auch nicht mehr fuhren, ebensowenig wie fast alle Nachtbusse, ebenfalls „aus Sicherheitsgründen“. Wer die Nacht nicht in der City durchmachen wollte, war auf Taxis angewiesen. Eines zu erwischen aber war in der Innenstadt zumindest in dieser Nacht damit vergleichbar, beim Dippemess-Familiennachmittag einen Auto-Scooter zu ergattern. Nun aber zurück zur Fauna.

Selbst erfahrene Bahnveteranen haben noch nie davon berichtet, dass eine Horde stockbesoffener Eichhörnchen einen Zug kapert, drinnen mit Händen und Füßen auf alles einhämmert, was niet- und nagelfest erscheint und das Kunststück bewerkstelligt, zeitgleich zu rülpsen und sehr laut und falsch zu singen. Wenn dem so wäre, wäre das Eichhörnchen vermutlich auch „aus Sicherheitsgründen“ längst ausgerottet. Dieses unpossierliche Verhalten kann natürlich auch mit Kompensation zu tun haben. Das Eichhörnchen hat einen wunderschönen langen Schwanz, während der Eintracht-Fan… ach, ist eigentlich nicht so wichtig.

Viel wichtiger is’ auf’m Platz, und da hat der Eintracht-Fan ganz klar die Nase vorn. Das Eichhörnchen mag den direkten Schwanzvergleich gewinnen, aber niemals nicht die Europa-League. Und eher fällt ein Eichhörnchen vom Himmel, als dass es Deutscher Meister wird. Oder den DFB-Pokal holt.

Um es in der Sprache des ewigen Frankfurter Zoodirektors Bernhard Klemens Maria Hofbauer Pius Grzimek zu sagen: Adler frisst Eichhörnchen – und das ist auch gut so. Oder abschließend mit den Worten der Durchsage der Lokführerin, die einen rappelvollen Fantransporter vom Stadion zum Hauptbahnhof ein wenig zu entgrappeln versuchte: „Liebe Leute, macht euch gerne auch in der Ersten Klasse breit.“ Was man zuvor ja zumindest fußballerisch ganz ohne Erlaubnis bereits getan hatte. Unerlaubt Europameister werden, Freudenfeuer zünden, Freudentänze torkeln, Singen, Hupen, anderen auf die Nüsse gehen – das ist es doch, was den Eintracht-Fan letztlich vom Eichhörnchen unterscheidet und ihn zur Krone der Schöpfung macht. Zumindest europaweit.

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