+
Torsten Jens von der Naturschule Hessen in seinem – selten passt es so gut: Element.

Naturschule Hessen

Naturschule Hessen: Abschied vom Paradies

  • schließen

Die Naturschule Hessen zieht sich peu à peu aus Frankfurt zurück

Wenn sich kommende Woche eine Gruppe von Menschen trifft, um ein besonderes Projekt am Alten Flugplatz im Frankfurter Norden zu eröffnen – einen Flüchtlingspfad im Weidenlabyrinth – dann ist das auch ein Stück Lebewohl. Es ist der Beginn eines langen Abschieds – die Naturschule Hessen zieht sich nach 15 Jahren zurück aus Frankfurt, langsam, aber sicher.

Ein abruptes Ende wäre auch gar nicht möglich, so verwurzelt, wie die Naturschule in der Stadt ist. Landschafts- und Wildnislotsen, Floßfahrten auf der Nidda, ein Heilgarten in Ginnheim – alles Gewächse, die Torsten Jens und Stephanie König gepflanzt und gepflegt haben. Gewächse, die sie nun behutsam in andere Hände weitergeben wollen. „Uns blutet das Herz“, sagen sie, „aber wir sehen hier für uns kein Entwicklungspotenzial mehr.“

Was sicher nicht am Ort liegt. „Ein so schöner Ort“, schwärmt der 52-jährige Umweltpädagoge, Forst- und Verwaltungswirt Jens. Der Alte Flugplatz, einst US-Hubschrauberstützpunkt, 1992 als urbanes Naturparadies erkoren, seitdem bei Vögeln, Kleinsäugetieren und Amphibien beliebt wie kaum eine andere Gegend der Stadt. „Ich habe diesen Platz gesehen und mich sofort verliebt.“

Das war 2004, fünf Jahre nach der Gründung der Naturschule in Maintal. „Wir wollten Hessen erobern“, erinnert sich Jens, mit Floßfahrten, Feld-, Wald- und Wiesenpädagogik – dann rief der Frankfurter Umweltamtsleiter Klaus Hoppe an, ob die Naturschule nach Bonames kommen wolle. Nach dem Ortstermin stand fest: sie wollte.

Die Naturschule Hessen, 1999 gegründet, 2004 an den Alten Flugplatz Bonames/Kalbach gezogen, bringt Kindern und Erwachsenen alles nahe, was man draußen machen kann: in Kursen, auf Floßfahrten, bei Führungen u Tieren und Pflanzen, ins Weidenlabyrinth. Am Sonntag, 30. Juni, 10 Uhr, gibt es eine Gratis-Führung. Treffpunkt ist der Tower.

„Wir haben dann das Projekt Landschaftslotsen entwickelt“, erzählt Jens: Leute, die als Ansprechpartner vor Ort sind, Führungen anbieten, alles über den Alten Flugplatz und seine Umgebung wissen. Die ersten Jahre lief es prächtig, alles wuchs, Stephanie König kam 2009 dazu, weitgereist, Heilpraktikerin, Tanztherapeutin, Heilpflanzenkundlerin. Sie schuf aus 1600 Stecklingen das Weidenlabyrinth hinterm großen Hangar, einen magischen Ort nach innen und außen.

Doch vor etwa fünf Jahren verschlechterte sich die Lage für die Naturschule. Sie war mehrmals gezwungen, ihr Domizil auf dem Gelände zu wechseln. „Wir fühlten uns hin- und hergeschoben“, sagt Torsten Jens. Mit der 2016 eröffneten Flüchtlingsunterkunft hat das erklärtermaßen nichts zu tun. „Wir haben uns richtig gefreut, als wir davon erfuhren. Da kamen Menschen, mit denen man Sachen auf die Beine stellen konnte. Wir glaubten: Das wird der Ort der Integration.“

Auf einmal hatten 90 Prozent der Naturschul-Arbeit vor Ort mit den Flüchtlingen zu tun. Eine intensive Zeit. „Es hieß: Um Gottes willen, du kannst doch mit diesen übers Meer geflüchteten Menschen keine Floßfahrt machen!“, sagt Jens, „und ich antwortete: ,Tut mir leid – ich hab’s schon gemacht.‘“ Die Gruppen, viele traumatisierte Menschen, hätten zusammen geweint und zusammen gelacht auf den Nidda-Touren mit selbstgezimmerten Flößen. Die Emotionen sind bis heute im Gespräch zu spüren. „Ein Mann sagte danach: ,Wenn ich je zurück nach Syrien gehe, dann nur mit dem Floß und mit dir.‘“

Die Art Integration, wie sie sich die Naturschule wünschte, kam freilich nicht zustande. „Das ist es, was mich am meisten bewegt und beschäftigt“, sagt Jens, „dass es nicht möglich ist, alle Rädchen hier vor Ort so ineinander greifen zu lassen, dass ein Begegnungs- und Bildungszentrum entsteht. Vorschläge haben wir genug gemacht.“ Er betont, alle wollten das Beste, vom Umweltamt mit dem Projekt „Wildnis wagen“ über den Feuerwehrstützpunkt und die Vereine im alten Hangar bis zur Umweltdezernentin Rosemarie Heilig, mit der sich König und Jens sehr gut verstehen, wie sie hervorheben.

Allein: Das gemeinsame Potenzial der Akteure liege brach. Sinnbild dafür ist das Tower Café unter Regie der städtischen Qualifizierungsgesellschaft SFG, einer der schönsten Orte der ganzen Stadt. Noch 2011 konnte man dort an Sommerabenden draußen sitzen, essen, trinken, dem überwältigenden Froschkonzert lauschen. Jetzt ist dort täglich um 18 Uhr Feierabend, wenn nicht ein Schild „Geschlossene Gesellschaft“ an der Tür hängt. Ausflügler schütteln die Köpfe.

„Die Akteure vor Ort arbeiten in ihrem Mikrokosmos“, sagt Jens, „aber es gibt keinen Zusammenhalt, keine Perspektive.“ Der Alte Flugplatz verliere mehr und mehr seinen Bezug zu Bonames und Kalbach – es fehle ein klares Leitbild. Er wüsste beispielsweise gern, was geschehen soll, wenn die Flüchtlinge in einigen Jahren das Areal verlassen. „Man kann doch nicht einfach wieder einen Parkplatz daraus machen.“

Bis 2023 läuft der Vertrag der Landschaftslotsen noch. Die Naturschule will das Projekt und das Weidenlabyrinth geordnet übergeben, auch die Floßfahrten beenden, bei denen rund zehntausend Menschen übers Wasser schipperten, und sich einen neuen Mittelpunkt suchen. „Ich will immer noch die Menschen mitreißen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen“, sagt Torsten Jens, „dafür brenne ich.“ Die Zuversicht, dass das am Alten Flugplatz geht, hat er verloren.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare