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Daniela Schadt, die Lebensgefährtin des Bundespräsidenten, Bundespräsident Joachim Gauck, Rebecca Casati, die Witwe von Frank Schirrmacher, und Frankfurts OB Peter Feldmann (von links) zu Beginn der Gedenkfeier für den Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ).
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Daniela Schadt, die Lebensgefährtin des Bundespräsidenten, Bundespräsident Joachim Gauck, Rebecca Casati, die Witwe von Frank Schirrmacher, und Frankfurts OB Peter Feldmann (von links) zu Beginn der Gedenkfeier für den Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ).

Frank Schirrmacher

Abschied von einem Überwältiger

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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In der Paulskirche wird des Publizisten und Journalisten Frank Schirrmacher gedacht. Prominente aus Politik, Kultur und Medien erinnern an den Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ). Bei den Ansprachen fallen auch offene Worte.

Nein, gewiss lässt sich einem Menschen nach seinem Tode durch Worte, durch Sprache allein nicht vollständig gerecht werden. Und viele dieser postumen Würdigungen verraten ihr Subjekt geradezu durch Formulierungen wohlfeiler Routine. An diesem Morgen in der Frankfurter Paulskirche aber, an dem die deutsche Öffentlichkeit Abschied nimmt von Frank Schirrmacher, wird nachvollziehbar durch sehr persönliche Erinnerungen, welcher Mensch da am 12. Juni sein Leben verloren hat.

An dem Tag, an dem er seinen 55. Geburtstag gefeiert hätte, sind Repräsentanten ganz unterschiedlicher geistiger Strömungen und Traditionen gekommen, die sich Schirrmacher verbunden fühlen. Vom Alt-Liberalen und Bürgerrechtsanwalt Gerhart Baum (FDP) über die Linken Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine bis hin zur Feministin Alice Schwarzer, zur Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz und zum Grünen-Mitbegründer Milan Horaczek.

Und Bundespräsident Joachim Gauck, der an der Seite der Witwe, der Autorin Rebecca Casati, den Saal betritt, setzt durch seine Anwesenheit ein Zeichen. Es werden Wahrheiten an diesem Vormittag ausgesprochen. Schirrmacher, zwei Jahrzehnte Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Autor wichtiger Bücher und unzähliger Essays und Polemiken, war umstritten, hatte Feinde. In seiner Gedenkrede erwähnt es der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht. Dieses merkwürdige Paradox, dass alle nach dem Tode Schirrmachers des Lobes voll gewesen seien. Dass es aber zu Lebzeiten nicht opportun gewesen sei, „ohne Vorbehalt positiv über ihn zu reden – man durfte nicht sagen: Ein Freund.“

Mehrfach betont der US-Bürger Gumbrecht das Gehetzte, das Getriebene am Leben des Publizisten, das eigentlich gar keine Zeit gelassen habe, um eine Freundschaft, aber auch „eine Gemütlichkeit“ auszuleben. Und dass dieses Leben am Ende seinen gesundheitlichen Preis gehabt habe: Kein Mensch fürs „early-morning-jogging“ sei der Freund gewesen.

Es entsteht in Gumbrechts Worten das Porträt eines frühen „Nerds“, der „vor Eile und Intensität vergessen hatte, seine Kindheit und Jugend abzulegen.“ In dessen Büro sich immer „die leeren, vollen und halbvollen Cola-Flaschen“ ebenso wie die Aschenbecher gesammelt hätten. Der „ungeschliffen war in vielerlei Hinsicht.“

"In jedem Moment monoman"

Zum Ungeschliffenen addiert der Wissenschaftler „das Pathos, die Leidenschaft“ beim Publizisten Schirrmacher und am Ende „die Sorge“. Und der Freund verschweigt nicht: „Er war in jedem Moment monoman“. Und in dieser Monomanie habe er „gewiss auch andere verletzt.“

Aber da war auch das dritte Element in Schirrmachers Leben, das Gumbrecht „die Sorge“ nennt. Die Sorge, die dem Publizisten von seinen Kritikern als Alarmismus ausgelegt worden ist. Wenn er 2004 („Das Methusalem-Komplott“) von der Überalterung der Gesellschaft schrieb, 2006 („Minimum“) von der drohenden Auflösung der Familie, 2009 in „Paback“ vor der Herrschaft moderner Medien warnte und 2013 in „Ego: Das Spiel des Lebens“ von der Manipulation der Menschen durch eine „monströse“ Ökonomie sprach.

Am Ende, sagt Gumbrecht, sei so „eine Mythologie der Gegenwart“, habe der Schreiber stets aufs Neue „Themen entdeckt und verdichtet“, Debatten ausgelöst.

Auch Jakob, der Sohn aus erster Ehe mit der Schriftstellerin Angelika Klüssendorf, verfolgt die leise und doch so eindringliche Rede Gumbrechts. Manchmal an diesem Morgen geht ein Raunen, geht ein leises Lachen durch die Reihen. Wenn FAZ-Mitherausgeber Holger Steltzner beschreibt, wie Schirrmacher am Telefon seine Gesprächspartner in Spannung versetzte – etwa mit den Worten: „Sie glauben nicht, was ich gerade gehört habe.“ Oder wie er an die Kollegen die letzte Buchempfehlung aussprach: Den Roman „The Circle“ des US-Autors Dave Eggers über die Internetgesellschaft – mit den für Schirrmacher typischen Worten: „Das müssen Sie unbedingt lesen. Da steht alles drin!“

Gemeinsam Vaterunser gebetet

Steltzner bekennt aber auch, wie gut man mit dem Kollegen streiten konnte. Und er erwähnt die „düsteren Stunden, in den wir fast verzweifelten wegen der Lage unserer Branche oder der Gleichgültigkeit der Gesellschaft angesichts heraufziehender Gefahren.“

Wie groß der Verlust durch den Tod des Journalisten empfunden wurde, spart der Mit-Herausgeber nicht aus: „Als Frank Schirrmacher starb, haben in der Redaktion die Kolleginnen und Kollegen auf den Fluren geweint und wir haben gemeinsam das Vaterunser gebetet.“ Steltzner findet einen Begriff für den Kollegen, der im Gedächtnis bleibt: „Er war ein Überwältiger.“

Mit gewohnter Wortgewalt und Präzision spricht Dieter Graumann, der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, über den Toten. Und er beschwört noch einmal die schwierige gesellschaftliche Atmosphäre der zurückliegenden Wochen in Deutschland herauf: „Wir Juden haben keinen leichten Sommer hinter uns.“ „Schockwellen von Judenhass“ seien durchs Land gegangen. Antisemitische Slogans von schamloser Scheußlichkeit. Und immer wieder, so Graumann, habe er sich gefragt, was wohl Frank Schirrmacher dazu gesagt und geschrieben hätte.

Und er nennt drei prominente Beispiele, bei denen der Publizist an der Seite der Juden gestanden habe. Da war der Herausgeber, der im Jahre seinerzeit den Vorabdruck des Romans „Tod eines Kritikers“ von Martin Walser in der FAZ verweigerte.

Da war der Journalist, der 2012 „mit scharfsinniger Brillianz“ das israelkritische Gedicht von Günter Grass „dekuvriert und damit auch im Renomee ruiniert“ habe. Und im gleichen Jahr in der Debatte über Beschneidung die Jüdische Gemeinde unterstützt habe. Graumann verabschiedet sich von einem „feuerköpfigen Vordenker“, einem „titanischen, grandiosen Debatten-Anschieber.“

Der Bundespräsident spricht nicht an diesem Vormittag, er trägt sich mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt ins Kondolenzbuch ein. . Dafür ergreifen Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) das Wort. Der CDU-Politiker verneigt sich „mit Dank, Respekt und Hochachtung vor einer großen Persönlichkeit.“ Und Feldmann stellt ein Fazit heraus, das sich aus den Facetten dieses Abschieds zusammensetzt: Dass Frank Schirrmacher ein besorgter Konservativer war. „In seiner Person vereinten sich die politischen Grundfarben des Bürgertums in unnachahmlicher Weise.“ Mit dem Choralvorspiel von Johann Sebastian Bach „Nun komm, der Heiden Heiland“ von Bach wird die Trauergemeinde entlassen.

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