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Abiplakate in Frankfurt: Mutmacher am Schulzaun

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Von: Sandra Busch

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Hat einen guten Platz fürs Plakat ergattert: Nataša Artemis.
Hat einen guten Platz fürs Plakat ergattert: Nataša Artemis. peter jülich (6) © Peter Jülich

Plakate gehören inzwischen zum Abitur wie die Schultüte zur Einschulung. Für die Abiplakate legen sich die Familien ins Zeug – und kämpfen um die besten Plätze zum Aufhängen.

Als Nataša Artemis am Montagmorgen um sechs Uhr vor der Frankfurter Wöhlerschule ankommt, sind die allerbesten Plätze schon weg. Die Plätze am Zaun direkt rechts am Eingang. Dabei dürfen die Abiplakate erst ab acht Uhr aufgehängt werden. „Ich wollte eigentlich brav bis acht Uhr warten“, erzählt Artemis. Nur eben schon früh einen guten Platz sichern. Aber als sie die anderen Plakate hängen sieht, geht sie dann doch ans Werk. Schnürt das bemalte Bettlaken mit Mutmach-Spruch für die Tochter „mit semi-schlechtem Gewissen“ vor der offiziellen Aufhängzeit an den Zaun. Auf der linken Seite des Eingangs. Auch ein Premiumplatz.

Am Mittwoch beginnen in Hessen die Abiturprüfungen, los geht es mit Deutsch. Bis zum 11. Mai wird geschrieben, als Letztes ist Chemie dran. Doch vor den Abiturprüfungen ist der Kampf um die besten Plätze für die Abiplakate angesagt. Eltern kommen mit Leitern und Kabelbindern an die Schule – aber ohne Klebeband. Das ist nicht erlaubt. Das hinterlasse unschöne Reste, die nicht oder nur mit enormem Aufwand zu entfernen seien, teilte die Schule den Eltern der Abiturientinnen und Abiturienten mit. Und während sich einige zwar nicht so recht an die Aufhängzeit halten, ist die Elternschaft bei den Klebebändern aber ganz einheitlich regelkonform. Es werden nur Kabelbinder und Schnüre benutzt.

Es gehört inzwischen zur Tradition, dass vor den Prüfungen bunte Plakate an den Schulzäunen der Gymnasien hängen. Um Glück, Erfolg und gutes Gelingen zu wünschen. Eltern, Geschwister, Omas und Opas, Freundinnen und Freunde feuern mit Transparenten und Bannern die Prüflinge an und legen sich beim Entwerfen der Plakate mächtig ins Zeug. Sie malen, basteln, reimen und designen. Transparente gehören inzwischen zum Abitur wie die Schultüte zur Einschulung.

Irgendwann Mitte bis Ende der 90er Jahre kam der Brauch auf und ist nicht mehr wegzudenken. „Bei uns gab es das noch nicht“, sagt Artemis, die ihr Abitur 1992 in Frankfurt machte. „Da gab es ein gutes Frühstück, und es wurde zu Hause viel Glück gewünscht.“ Und weil sie nun selbst keine Erfahrung mit Abiplakaten hat, hatte sie vor dem Malen bei der Tochter erst einmal nachgefragt, „was denn No-Gos dabei für sie sind“. Wunsch der Tochter: Der echte Name darf nicht auf dem Plakat stehen. Aber ein Spitzname. „Sie hat sehr viele“, sagt Artemis. „Einen hat sie erlaubt.“ Auf dem Plakat landete dann „Froschi“.

Eine Froschkönigin und eine goldene Weltkugel sind auf ein Bettlaken gemalt, „Froschi, küss sie wach und hol Dir die goldene Kugel“ steht darauf. Gemeinsam mit zwei Freundinnen – mit denen sie einst Abitur machte – hat Artemis das entworfen. Auf einem Bettlaken, das die Tochter früher zum Höhlebauen benutzte. „Es sollte oldschool sein“, sagt Artemis. Selbst gemalt. „Kein Plakat, das man in Auftrag gibt.“

Die hängen aber auch an der Wöhlerschule. Am Computer kreierte Designs, die an die Druckerei gesendet und dort ausgedruckt werden. Da wird das Bild der Kinder in Filmplakate montiert – und so wirft dann Leonardo DiCaprio in „Alina und das Abiteuer“ schmachtende Blicke auf die Abiturientin. Besonders beliebt in jedem Jahr bei Abi-Filmplakaten: Star Wars. „Das Wars, möge das Abi mit Dir sein“, wird etwa Benni gewünscht. Und ebenfalls immer ein Dauerbrenner: Eintracht Frankfurt. „Make the (Abi)-Diva smile, Oskar“, heißt es da neben dem Eintracht-Adler.

Lieblingsfilme, Lieblingsvereine, Lieblingsgames sind die Themen auf den Plakaten, die am Zaun der Wöhlerschule hängen. Oder Hobbys und der weitere Lebensweg der Schülerinnen und Schüler. „AB In die Welt“ geht es offenbar für Lilli mit einem Interrailticket, Lennart holt die Punkte nicht nur bei der Abfahrt im Skifahren, für Finja geht es leichtathletisch ins Abi-Finale. Auch beliebt als Aufschrift: Du schaffst das! Du packst das! Yes you can! Aber ob nun als aufwendiger Druck oder handgemalt: Alle Plakate sollen Mut zusprechen. Es werden überall Daumen und manchmal sogar Pfoten gedrückt.

Auch das Plakat von Jalew Dejene soll Mut machen Vier Stunden haben er und seine Frau gebraucht, um es zu kreieren. „Edom, hol Dir Deinen 2023 Abi-Pokal“ steht darauf. Daneben ein Bild von Edom mit einem Pokal und: „Do your best to get the rest.“ Allerdings wird Edom das Plakat eher beim Hinausgehen aus der Schule sehen. Es hängt auf der Zaunhinterseite. „Wir waren um acht da, und es waren alle Plätze weg“, sagt Dejene verärgert. „Wir sind froh, dass wir überhaupt noch einen Platz gefunden haben.“

Oder vielmehr: zwei. Denn bei den Dejenes machen Zwillinge Abitur. Doch nebeneinander konnten die Eltern die Plakate nicht mehr anbringen. Nirgendwo war mehr genügend Platz. Die Brüder hängen nun weit auseinander. „Manche haben aber auch Plakate in Stadion-Größe hier“, sagen Dejenes missbilligend. Eine Mutter bietet den Dejenes derweil Kabelbinder zum Befestigen an. Sie selbst hat um zehn vor acht noch einen schönen Platz gefunden. „Na ja, das ist wie Liegen reservieren im Urlaub hier“, sagt sie.

Jede Schule hat ihre eigenen Vorgaben, wann, wie und wo Plakate aufgehängt werden dürfen. An der Max-Beckmann-Schule dürfen bereits seit Freitag die Glückwünsche angebracht werden, an der Bettinaschule erst ab dem heutigen Dienstag, 14 Uhr. Ebenfalls am Montag, aber erst ab 13.15 Uhr, durften an der Schillerschule die Plakate gehängt werden. Maximalgröße: ein mal ein Meter. „Bitte bleiben Sie fair und halten Sie Uhrzeiten sowie Maximalgrößen ein“, schreibt die Schulleiterin in einer Mitteilung. „Es gibt hier in jedem Jahr immer bittere Enttäuschungen, wenn nicht alle Abiturienten Platz für ihr Plakat haben.“

An der Wöhlerschule ist man da erfinderisch, wenn die allerbesten Plätze bereits belegt sind, der Zaun voll ist. Ganz frankfurterisch wird einfach in die Höhe gebaut. Darya, „spring über die Hürde und schnapp Dir die Punkte!!! Du schaffst das!!!“ heißt es auf dem Plakat – das am oberen Ende von Holzlatten aufgespannt ist und hinter dem Zaun alle Plakate überragt.

Kreativität mit Kaktus und mehr an der Wöhlerschule.
Kreativität mit Kaktus und mehr an der Wöhlerschule. © Peter Jülich
Selbst die Frau Rauscher wird an der Wöhlerschule bemüht, um Mut zu machen.
Selbst die Frau Rauscher wird an der Wöhlerschule bemüht, um Mut zu machen. © Peter Jülich
Bei so vielen guten Wünschen kann ja nichts mehr schief gehen. Ein weiteres Beispiel an der Wöhlerschule.
Bei so vielen guten Wünschen kann ja nichts mehr schief gehen. Ein weiteres Beispiel an der Wöhlerschule. © Peter Jülich
Und nach dem Abi ab in die Welt - und Präsident werden.
Und nach dem Abi ab in die Welt - und Präsident werden. © Peter Jülich
Gute Wünsche: Den Ball in den Korb - und das Abi bestehen.
Gute Wünsche: Den Ball in den Korb - und das Abi bestehen. © Peter Jülich
Handgemalt oder professionell bedruckt: Beispiele für Abiplakate an der Musterschule.
Handgemalt oder professionell bedruckt: Beispiele für Abiplakate an der Musterschule. © Monika Müller
Nochmal viel Glück wünschen vor den Prüfungen - dazu haben sich Familien - hier an der Musterschule - einiges einfallen lassen. Monika Müller (2)
Nochmal viel Glück wünschen vor den Prüfungen - dazu haben sich Familien - hier an der Musterschule - einiges einfallen lassen. Monika Müller (2) © Monika Müller

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