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Acht Meter, die Respekt und Bewunderung der Tiefsee wecken. Der Riesenkalmar musste in Bergamo lange darauf warten, für Frankfurt schick gemacht zu werden.

Museum

Abenteuer unter dem Meer

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Senckenberg eröffnet in Frankfurt seine neue Tiefseewelt mit viel lichtscheuem Gesindel und cleverer Forschungstechnik. Von Freitag an kann das Publikum sich einen Eindruck davon machen.

Bitte seien Sie ein wenig nachtsichtig – Pardon, nachsichtig. Aber nachtsichtig trifft es auch ganz gut, denn dieser Text kommt praktisch direkt aus der Tiefsee. Und da ist es dunkel. Sehr dunkel. Nicht nur nachts.

Umso gruseliger, was sich alles um einen herum aufhält, hier im neuen Tiefsee-Ausstellungsraum des Senckenberg-Naturmuseums. Da: eine Langnasenchimäre! Dort: eine leuchtende Tiefseequalle! Uh – ein Anglerfisch! Und da oben … wie lang ist bitte dieser Riemenfisch? Acht Meter!?

TIEFSEE

Am Freitag, 4. September, eröffnet das Senckenberg-Museum eine neue Dauerausstellung mit Einblicken in Tiefsee und Meeresforschung. Zu sehen sind Originalpräparate aus den Sammlungen und Spezialanfertigungen.

An der offiziellen Eröffnung am Donnerstag, 18 Uhr, können alle teilnehmen: www.senckenberg.de/live. Nur mit Anmeldung ist der Besuch der neuen Räume möglich: online unter museumfrankfurt.senckenberg.de.

In dieser extremen Konzentration wird man sie natürlich nicht im Meer treffen, denn diese Tiere leben in verschiedenen Tiefen. Das ist ja das Schöne an der Tiefsee. Was nicht so schön ist: diese Dunkelheit. Wie soll da ein Mensch anständig mitschreiben, was Fachleute ihm erzählen?

„Unser Walfall ist europaweit einmalig“, sagt etwa Tiefseeforscher Torben Riehl. Walfall? Sind wir hier in einem Krimi? Vielleicht. Der Wal ist jedenfalls tot – warum, müssen wir offen lassen. Der große tote Meeressäuger sinkt, er fällt gleichsam, hinab in die Tiefe, bis er auf dem Grund des Ozeans liegen bleibt. Dort ernährt er eine Vielzahl von Organismen bis zu fünf Jahre lang. „Es ist wie eine Oase, auf einmal haben die ein Riesen-Nahrungspaket“, sagt Riehl. „Eine Art Lieferservice.“

Die große Vitrine im dunklen Tiefsee-Ausstellungsraum zeigt das Festmahl in vier Phasen, vom Hai, der die Haut anknabbert, über Krebse und Oktopusse bis hin zum – Kinder bitte weghören – Zombiewurm, einer Existenz, die erst seit 2002 bekannt ist, weder Maul noch Verdauungstrakt hat, sich bakteriell in die Knochen ätzt und davon ernährt. Kann jetzt mal jemand hier das Licht anmachen?

Diese Kugel tauchte 1934 fast 1000 Meter tief – mit zwei Mann.

Nein, so gruselig, wie es klingt, ist es gar nicht. Vor allem ist es ein bedeutender Schritt für das Senckenberg-Museum der Zukunft. „Diese neuen Abteilungen“, sagt Generaldirektor Volker Mosbrugger und meint die Ausstellungsräume für Tiefsee und Meeresforschung, „sind der erste Erfolg auf dem Weg zum neuen Museum.“ In erster Linie ist die 203 Jahre alte Senckenberg-Gesellschaft ja eine Forschungseinrichtung mit 850 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an elf Standorten, von der Grube Messel bis in die Nordsee. Das soll auch in der Ausstellung stärker zu sehen sein.

Als Erstes also das Meer – weil es ein so großer Lebensraum ist, sagt Mosbrugger, und weil es so unglaublich schwer zugänglich ist. Schwerer als der Weltraum. „Nasse Nasa“ werde die Meeresforschung deshalb oft genannt, sagt er zur Erheiterung der Führungsteilnehmer, und die Tiefsee: „Rückseite des Mondes“.

Forscherin Katrin Böhning-Gaese fährt virtuell in die Tiefe.

Tatsächlich seien erst acht Prozent des Meeresbodens vermessen, erst 20 Prozent der Tiefseeorganismen entdeckt, sagt Gerd Hoffmann-Wieck vom Geomar-Ozeanforschungszentrum in Kiel, der die Dauerausstellung zusammen mit Senckenberg-Projektleiter Thorolf Müller gestaltet hat. Doch es gibt allerhand Gerät, das es dem Menschen erlaubt, da unten mal nachzuschauen. Das unbemannte Tauchboot „Abyss“, das 20 Stunden autonom vor sich hinmessen kann. Die deutlich ältere gusseiserne Tauchkugel „Bathysphäre“, die zwei Männer 1934 in damals sensationelle 923 Meter Tiefe sinken ließ. Wer hineinklettere, tue es auf eigene Gefahr, warnt ein Schild im Meeresforschungsschauraum. Dabei gibt es hier gar kein Wasser. Tief hinab geht’s trotzdem, als Simulation. Im Forschungscontainer „Bembel Frankfurt“ steuern Museumsbesucher von diesem Freitag an selbst Richtung Meeresboden, 11 000 Meter unter Normalnull, und erleben, wie sich alles um sie herum verändert. Katrin Böhning-Gaese aus dem Senckenberg-Direktorium macht es vor. „Ich hab einen Quastenflosser entdeckt“, zeigt sie dem staunenden Publikum, „und da, ein Pottwal!“ Bei 700 Metern sind wir in einem Quallenschwarm. Instrumente zeigen Außendruck und Temperatur an. Es ist ein großes Abenteuer.

Was guckstu?! Riemenfisch, ebenfalls acht Meter lang.

Auch draußen, vor der virtuellen Tauchtour mit dem Bembel-Container, können Besucher hinabsinken. Das Licht schwindet passend zur Meerestiefe in regelmäßigen Abständen. Doch so richtig dunkel wird es erst nebenan bei den Tieren der Tiefsee. Ein Kalmar hängt an der Decke, auch er acht Meter lang. Die Senckenberger mussten ewig auf ihn warten, denn er wurde in Bergamo in Norditalien angefertigt, einem der Corona-Hotspots des Frühjahrs. Jetzt befindet er sich in einem Raum, der mit einer nagelneuen Anlage be- und entlüftet wird. „Wir saugen die Außenluft an und führen sie von innen direkt wieder hinaus“, schildert Museumsentwickler Martin Cepek. Wer hier in die Tiefsee eintaucht, kann sicher sein: Sauberer ist die Luft in keinem anderen Ozean.

Originale aus der Tiefe.

Auch eine leere Getränkedose haben die Kuratoren in die Dauerausstellung integriert – Realität in der Tiefsee. Dabei sei dieser Lebensraum als CO2-Speicher essenziell wichtig, um unser Klima zu stabilisieren, sagt Generaldirektor Mosbrugger. Senckenberg arbeite deshalb unermüdlich daran, Wissen zu vermitteln und den Dialog mit der Gesellschaft zu führen, sagt Katrin Böhning-Gaese. Ein erster Schritt im Dialog sei es, mit allen Sinnen zu erleben – im Museum. Sogar mit der Nase: „Am Schwarzen Raucher riecht’s nach Schwefel.“ Das ist eine 450 Grad heiße Quelle am Meeresgrund, wenn unsere krakeligen Notizen stimmen. Es war aufregend dunkel dort drunten.

Der sogenannte Walfall zeigt, welche Organismen ein großes Tier am Meeresgrund zersetzen.

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